Hirschaid

Hirschaider gedenken des Schreckens der Pogromnacht

An Stelle der Synagoge steht in Hirschaid ein Mahnmal, das aus einem Stück Wendeltreppe des ehemaligen jüdischen Gotteshauses besteht. Dort haben die Bürger bei einer Feier der Reichspogromnacht und des Holocaust gedacht.
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An der Stelle, wo einst die Synagoge stand, gibt es Denkmäler. Dort fand die Gedenkfeier statt. Fotos: Andrea Spörlein
An der Stelle, wo einst die Synagoge stand, gibt es Denkmäler. Dort fand die Gedenkfeier statt. Fotos: Andrea Spörlein
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Warum konnte es geschehen, dass in der Nacht zum 10. November 1938 jüdische Gotteshäuser niedergebrannt, Geschäfte zerstört und jüdische Mitbürger eingeschüchtert und teils verhaftet wurden? Diese rhethorische Frage stellte die Bamberger Rabbinerin Yael Deusel bei der Pogrom-Gedenkfeier an der ehemaligen Synagoge in Hirschaid. "Wie hätten wir uns verhalten, wenn in unserer Nachbarschaft eine Synagoge gebrannt hätte?", fragte sie in die Runde der Versammelten.

Der Bevölkerung von heute fällt eine Antwort schwer, sie ist kaum möglich. Aber es war Raum und Zeit, in sich zu gehen und nachzudenken bei der ökumenischen Gedenkfeier, mit der der Markt Hirschaid am Sonntagabend an die Zerstörung der Hirschaider Synagoge vor 75 Jahren erinnerte. In einer beeindruckenden Stunde der Andacht und des Gebets wurde ein "deutliches Zeichen wider des Vergessens" gesetzt.
Musikalisch umrahmt wurde die Veranstaltung von der Hirschaider Blasmusik.

Jüdische Totenklage

Pastoralreferent Thomas Hornung und der evangelische Pfarrer Eckhard Mattke fanden passende Worte der Erinnerung und der Mahnung an die heutige Generation. Rabbinerin Yael Deusel sang das "El male rachonim" (hebräisch für: Gott voller Erbarmen), die jüdische Totenklage, die auch an die sechs Millionen Opfer der Shoa erinnert.

Über die Geschichte der jüdischen Gemeinde Hirschaid und ihrer 1851 erbauten Synagoge informierte Bürgermeister Andreas Schlund (CSU) in seiner Ansprache. 87 Jahre lang stand die Synagoge mitten in der Gemeinde an der Hauptstraße, bis das unter großen finanziellen Opfern errichtete Gotteshaus in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November von Nazi-Schergen niedergebrannt worden ist. Schlund: "Unterstützt wurde man dabei durch etliche Hirschaider Mittäter".

Die Täter hätten keine sichtbaren Spuren hinterlassen, sagte der Hirschaider Bürgermeister, "denn die Wände der Synagoge wurden bis auf die Grundmauern abgetragen und die heiligen Schriften vernichtet".

Die letzten 28 Juden im Ort

Im Rahmen der Ortskernsanierung im Jahr 2000 sind die Fundamente gesichert worden, der Grundriss ist wieder sichtbar gemacht worden. Die Rekonstruktion des Wendeltreppen aufgangs zur Frauenempore dient heute als Gedenkstein. Hier sind die Namen der letzten 28 letzten Hirschaider Juden angebracht worden, die im April 1942 noch in Hirschaid wohnten und den Holocaust nicht überlebten.

Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klasse der Mittelschule Hirschaid verlasen die Namen der Ermordeten und legten zu ihrem Gedenken jeweils einen Stein nieder, sodass sich dann eine ganze Sammlung von Steinen auf dem Mahnmal fand.

Bürgermeister Schlund warnte vor Tendenzen, "sich einfach von der Last der Geschichte befreien zu wollen", und verwies auf viele Begegnungen mit der sogenannten "Enkel- oder Urenkel-Generation" ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger.

Die Frage aller Fragen

Die Bamberger Rabbinerin Dr. Yael Deusel sprach über die historischen Ereignisse in der Reichspogromnacht und fragte nach dem Warum: "Wieso ist dies geschehen?" Deusel schloss in ihr Gebet für die Hirschaider Juden auch das Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden der Shoa mit ein.

Beeindruckt zeigte sie sich von der Beteiligung der Fahnenabordnungen der örtlichen Vereine und den vielen Hirschaider Bürgerinnen und Bürgern, die an der Veranstaltung teilgenommen haben. Für sie sei "das nicht selbstverständlich", sagte sie und fügte hinzu, das mache ihr gleichzeitig auch Hoffnung, dass "die Vergangenheit doch nicht vergessen ist".






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