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Bamberg
Klezmertage

Haas-Säle in Bamberg: Liebe, Leid und Lebensfreude

Vom musikantischen Husarenritt bis zu exakt durcharrangierten Kompositionen war in den Bamberger Haas-Sälen wieder eine beachtliche Bandbreite zu erleben.
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Die Knoblauch Klezmer Band gibt alles. Foto: Günther Voss
Die Knoblauch Klezmer Band gibt alles. Foto: Günther Voss
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Alle Achtung! Das hat es in der zwölfjährigen Tradition der Bamberger Klezmertage bisher noch nie gegeben. Man stelle sich vor: ein gemächlicher Wochenausklang am Freitagabend, eine gesetzte oberfränkische Zuhörerschaft in den Haas-Sälen, ein bestuhlter Konzertsaal, aber dann steht plötzlich doch das ganze Publikum Kopf und beginnt zu tanzen. Und auf der Bühne ein bunter Haufen Berliner Jungs, schrill kostümiert, irgendwie zwischen Punk und Hobbit, zwischen glitzerndem Zirkusdirektor und neonfarbigem Tiger. Sie schauen fast orientierungslos in die Runde, beraten mal kurz, was sie jetzt eigentlich spielen wollen. Und plötzlich geht die Post so richtig ab.

Die Multi-Kulti-Gruppe mit dem Namen "Knoblauch Klezmer Band" nahm die Zuhörer mit auf einen musikantischen Husarenritt durch vertrackte balkanische Rhythmen und Tonarten, mit atemberaubenden Läufen und stimmigen Interpretationen eigener und traditioneller Kompositionen. Man konnte spüren, dass sich diese hochtalentierten Tonkünstler auf der Straße wohl mindestens genauso wohl fühlen, wie in einem Konzertsaal. Denn genau diese Unverbrauchtheit und Frische machte ihren Charme aus.

Dabei kam die musikalische Qualität keineswegs zu kurz. Immer wieder trieb der russische Geiger Eli Fabrikant das Tempo an, hüpfend, tanzend, kniend oder zu seinem Instrument singend. Er begeisterte durch mitreißende Soli und Duette mit dem schottischen Akkordeonisten Chris Lyons, nicht weniger allerdings der Franzose Arnaud Duroux, der mit sattem Klarinettenklang die typische Klezmer-Atmosphäre schaffte.

Das abgedroschene Klischee vom "Weinen und Lachen" braucht man hier glücklicherweise nicht zu strapazieren. Das war einfach musikantische Lebensfreude pur. Die Gruppe hat Berlin im Sturm erobert, jetzt ist dieses Kunststück auch in Bamberg gelungen.

Wie ein Kulturschock

Wer das erste Konzert miterleben durfte, für den musste der Beginn des zweiten wie ein Kulturschock gewirkt haben. Anstatt der zerknitterten Merkzettel und Bierkrüge befanden sich nun Notenständer auf der Bühne. Doch gleich nach den ersten Stücken wusste man auch, warum. Denn die herausragenden Künstler des Münchener Ensembles "Gefilte Fish" präsentierten jüdische Weltmusik in exakt durcharrangierten Kompositionen.

Mit ihrer warmen Altstimme, die unter die Haut ging, nahm die charmante Sängerin Andrea Giani die Konzertbesucher mit auf eine Weltreise von Ost- und Mitteleuropa bis nach Spanien, von New York bis nach Jerusalem. Die jiddischen Lidl und vielsprachigen Chansons erzählten mit Melancholie und Witz von Liebe, Leid und Heimatlosigkeit.

So wie es in einem der Lieder besungen wurde, spielte sich Joe Rappaport mit seiner Geige in die Herzen, meist in ausgefeilten, anspruchsvollen Melodielinien, manchmal auch mit den bodenständigen Spieltechniken des traditionellen Klezmers. Jazzige Akzente setzten Roman Chowdhury an der akustischen Gitarre und Vlad Cojocaru am Akkordeon. Schließlich gab es für die atmosphärische Darbietung viel verdienten Applaus.

Nachdem die "Pressburger Klezmer Band" bereits im Jahre 2007 in Bamberg gastiert hatte, drückten viele Besucher die Hoffnung aus, diese Gruppe nicht zum letzten Mal hier gehört zu haben. Passend zum 20. Jubiläum des siebenköpfigen Ensembles, erfüllte sich nun der Wunsch. Und es bewahrheitete sich, dass die Erinnerung den damaligen mitreißenden Auftritt nicht wohlwollend verklärt hat. Im Mittelpunkt der perfekt ausgewogenen Truppe stand die mit natürlichem Charisma betörende Sängerin Marta Potancoková, die ihre Lieder mal mit kaum zu zügelnder Energie, mal mit sensibler Intensität vortrug. Egal, ob die Melodien in jüdischer Tradition oder slowakischer Folklore wurzelten, immer passte sich ihre bemerkenswert wandlungsfähige Stimme authentisch dem Genre an. In feiner Abstimmung wechselten sich daneben die großartigen Instrumentalisten Snežana Jovic-Werner (Akkordeon), Andrej Werner (Violine), Miro Lago (Klarinette) und Valér Miko (Klavier) in der Melodieführung ab, feurig, aber ohne je zu dominieren.

Frenetischer Beifall

Die Auswahl der Stücke sprang kreuz und quer durch das östliche Europa. Kurzweilig und in perfektem Deutsch erklärte der Bassist Samo Alexander die musikalischen Hintergründe. War es Zufall oder ein gewollter Denkanstoß, dass in einem der letzten Lieder russische und ukrainische Elemente eine friedliche Koexistenz führten?
Frenetischer Schlussapplaus bestärkte den Organisator Albert Herrnleben darin, in diesem Jahr bei den Klezmertagen drei Höhepunkte höchst unterschiedlicher Art gesetzt zu haben.
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