Burgebrach
Jahresthema Familie

Gute Geschenke - so findet man sie: Ein Bamberger Psychologe gibt Tipps

Geldgeschenke zeugen von Faulheit, zu große Geschenke können für Unmut sorgen: Über die Psychologie des Schenkens und wie man etwas Passendes findet.
Artikel drucken Artikel einbetten
Foto: jakkapan/fotolia.com
Foto: jakkapan/fotolia.com
+2 Bilder
Annika wird heute elf. Ausgerechnet am Nikolaustag! Ihre Mutter Ute Raab findet, dass nicht schon bei diesem Fest mit den Geschenken übertrieben werden soll, deshalb gibt's nur Kleinigkeiten: "Ich schau immer, dass ich schöne Socken finde, und ich fülle in alle das Gleiche - egal ob für die Kinder, Neffen oder Nichten."
Bei traditionellen Anlässen wie dem Nikolaustag gibt es häufig solche traditionellen Geschenke. Ein einfacher Fall. Doch oft ist der Vorgang des Schenkens eine hochkomplizierte zwischenmenschliche Interaktion, die zu allem Möglichen führen kann: "Glücksgefühlen, Freude und Hochstimmung, genauso wie Ärger, Enttäuschung und Niedergeschlagenheit - auf beiden Seiten." Der Bamberger Psychologe Hermann Liebel ordnet Geschenke nach Kriterien wie Geschenkabsicht und Anlass ein.


Auf der Skala der guten Geschenke

"Ob man will oder nicht: Geschenke werden immer bewertet", sagt der Professor i. R für Sozial- und Organisationspsychologie. Jeder Mensch hat verschiedene Skalen für Geschenke, beispielsweise von originell bis langweilig-routinemäßig oder von angemessen bis übertrieben-wertvoll. "Wo man über die persönliche Skala des anderen nichts weiß, ergänzt man seine Absicht beim Schenken mit Vorurteilen, Vermutungen und der Zuschreibung von Persönlichkeitseigenschaften." Es wird also darauf geschlossen, ob der andere einen mag, wie sehr er einen schätzt und sich interessiert. "Warum schenkt der mir das?", fragt sich nicht nur die Ehefrau, die sich ein Wellness-Wochenende gewünscht hat und ein Bügeleisen kriegt. Und derjenige, der etwas verschenkt, ärgert sich, wenn er nicht das zurückbekommt, was er erwartet hat: ein Gegengeschenk, Zuneigung, große Freude, Wertschätzung des Geschenks, eine Karte oder zumindest ein "Dankeschön" - eine Gegenleistung wird immer erwartet.


Auch Tiere schenken

Das liegt in der Natur des Schenkens und ist auch von Tieren bekannt. Beispielsweise gibt es Spinnenarten, bei denen die Männchen der Angebeteten nicht nur ein schmackhaftes Insekt überreichen, sondern es sogar in eine Art Geschenkpapier einweben, um sie rumzukriegen. "Blumen, Pralinen und auch der Kuss: Vor allem bei Geschenken des ritualisierten Balzverhaltens gibt es Parallelen zwischen Mensch und Tier", sagt Liebel. "Das hinterlistige Schenken kennt das Tierreich aber nicht - obwohl es dort durchaus auch Korruption gibt, aber nie so differenziert und zielgerichtet wie beim Menschen." Schenkt die Oma etwas unangemessen Großes, ist damit verbunden die gefühlte Verpflichtung, einen Ausgleich schaffen zu müssen.
Als Familie Raab in Burgebrach der Geschenkberg einmal zu hoch wurde, beschloss sie kurzerhand, dass am nächsten Weihnachtsfest jeder nur ein Präsent bekommt. Nach Weihnachten fuhr die ganze Familie gemeinsam ein paar Tage in einen Freizeitpark. Zeit miteinander zu verbringen, ist aus psychologischer Sicht eines der wertvollsten Geschenke, das sich Menschen machen können.


Darf's ein bisschen weniger sein?

Aber warum werden Kinder heute eigentlich mit Geschenken überhäuft, von Eltern, aber auch Omas, Opas, Tanten, Onkel und Paten? "Zunächst, weil die alle die Kinder gern haben. Geschenke sind ein Symbol dafür", erklärt der Psychologe. Manchmal steckt aber auch eine Rivalität der Verwandten dahinter. Die Eltern sollten mit den Betreffenden reden und sich auch fragen, wer die eigentlichen Zielpersonen der Geschenke seien. "Das sind meist die Eltern selbst. Sie wissen die Geschenke ihrer Kinder wertzuschätzen." Während die Knirpse sich manchmal lieber mit der Verpackung als mit dem teuren Spielzeug beschäftigen. Doch wer als Schenkender nicht nur an sich selbst denkt, ist deshalb nicht allzu enttäuscht.


Arroganz und Missachtung

Wer glaubt, das, was er selbst am liebsten behalten würde, sei automatisch ein perfektes Geschenk, hat nicht verstanden, worum es geht: nämlich um den anderen. Als "ekelhafteste Art" bezeichnet der Professor das überhebliche Schenken: "Der Schenker setzt sich in Szene durch übermäßiges Preisen des Wertes und die unerhörten Anstrengungen, die er auf sich genommen hat, um dies zu beschaffen." Dass Eigeninteressen eine Rolle spielen, bewertet der Psychologe nicht per se negativ. Die Freundschaft und Sympathie des anderen zu gewinnen oder zu erhalten sind Schenkmotive, über die man nachdenken sollte. Wer sich dann an den Bedürfnissen und Interessen des anderen orientiert, findet auch ein gutes Geschenk.
Die Wünsche und Interessen der Lieben erfährt der aufmerksame Zuhörer bei verschiedenen Gelegenheiten. Dann weiß der Gatte, dass seine Frau Wellness will. Nicht das Bügeleisen. Im Zweifel: direkt fragen! "Aber auch Eltern, Geschwister und Freunde können gute Auskunftgeber sein", sagt Liebel.


Weil's schön ist

Mama Ute Raab fürchtet, dass ihr irgendwann die Ideen ausgehen, weil alle fragen, womit sie Annika zum Geburtstag eine Freude machen können. Und gleich darauf zu Weihnachten. "Ich habe eine Liste, nicht nur für Annika. Wenn ich eine Geschenkidee habe, schreibe ich sie auf. Das ganze Jahr über." Mit diesem Verfahren hat die Burgebracherin es bisher gut hinbekommen, die Bedürfnisse ihrer Lieben im Blick zu behalten.
Allerdings hat sie noch ein anderes Problem: Wenn sie die Liste abgearbeitet und den Verwandten Tipps gegeben hat, findet sie oft noch etwas Schönes, mit dem sie den Kindern eine Freude machen kann. "Ich schenke eben gern." Ute Raab weiß, dass Schenken kein rein selbstloser Vorgang ist. Sie lacht: "Seien wir mal ehrlich: Spielzeugläden sind doch nicht für Kinder da. Sondern für Eltern!"


Info zu verschiedenen Geschenktypen und damit verbundenen Erwartungen:

Ein Mitbringsel Eine Flasche Wein, der Weihnachtsschinken, Blumen: Bei Höflichkeitsgeschenken und Mitbringseln geht es nicht um spezielle Interessen des Beschenkten, sondern um eine Aufmerksamkeit, die soziale Bindungen erhält und festigt.

Das Geldgeschenk Es ist die einfachste Version des Schenkens, denn außer über die Höhe des Betrags muss man sich keine Gedanken machen. Diese Bequemlichkeit ist dem Sozialpsychologen Hermann Liebel zufolge gerade bei den Hochfesten der Christenheit unpassend und wird oft als lieblos empfunden. Ausnahme: Jemand bittet ausdrücklich um Geld, um sich einen Wunsch zu erfüllen.

Ein Gutschein Ähnlich wie Geldgeschenke - aber immer dann sinnvoll, wenn Geschmack und Interessen von Schenkendem und Beschenktem stark abweichen. Wenn Oma dem jugendlichen Enkel Kleidung kauft, liegt sie meist daneben. Dann lieber einen Gutschein für den favorisierten Klamottenladen. "Oder anbieten, nach Weihnachten gemeinsam einkaufen zu gehen."

Das persönliche Geschenk Gute Geschenke berücksichtigen die Bedürfnisse und Interessen des anderen. Wer glaubt, perfekt sei das, was er selbst gern hätte, landet nur mit Glück einen Zufallstreffer. Wer stattdessen durch aufmerksames Zuhören und Nachfragen herausfindet, dass der andere z. B. ein Buch mag, das man selbst nie lesen würde, kann mit so einem Geschenk doppelt punkten: Weil er den Geschmack des Anderen trifft und außerdem zeigt, dass er seine eigenen Interessen hintanstellt.

Zeit Gespräche, Besuche, ein Spieleabend, zusammen kochen, essen, ein Ausflug: Gemeinsame Unternehmungen, die den Interessen des Beschenkten entsprechen - das sind vorwiegend immaterielle Geschenke, die gut ankommen. Sie passen Liebel zufolge am besten zum Gedanken der christlichen Feste.
Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren