Selb

Grüße aus der Geisterstadt: Ein fränkischer Fotograf besucht Tschernobyl

Fotograf Heiko Roith dokumentiert den Verfall im Sperrgebiet rund um Tschernobyl. In der Todeszone traf er auf Touristen, Bauern und Metalldiebe.
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Eines der Bilder, die Fotograf Heiko Roith aus Selb bei seinen bisher fünf Besuchen in der Sperrzone rund um Tschernobyl für die Dokumentation chernobyl30.com gemacht hat.Foto: Heiko Roith
Eines der Bilder, die Fotograf Heiko Roith aus Selb bei seinen bisher fünf Besuchen in der Sperrzone rund um Tschernobyl für die Dokumentation chernobyl30.com gemacht hat.Foto: Heiko Roith
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In der radioaktiv verseuchten Sperrzone rund um Tschernobyl begegnete Heiko Roith vor ein paar Monaten einem ukrainischen Popstar. "Der stieg mit seinem Gefolge aus dem Bus. Sie hielten Händchen, lachten, machten Fotos und fuhren wieder", erinnert sich der Fotograf aus Selb. Fünf Mal ist der 43-Jährige bisher für eine Dokumentation in die Todeszone gereist. Jedes Mal entdeckte er Veränderungen.


Katastrophentouristen

Ein Grund dafür sind die Katastrophentouristen. "Die drapieren überall Gasmasken: auf Zäunen, in Betten, sogar auf Puppen. Weil das gruselig aussieht. Und damit posieren sie dann für Fotos." Die Gasmasken lagerten in öffentlichen Gebäuden, weil die Sowjetunion sich im Kalten Krieg gegen Angriffe wappnete. Sie haben nichts zu tun mit dem Reaktorunfall, der sich am 26. April 1986 in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat ereignete und dazu führte, dass radioaktiver Regen auf weite Teile Europas niederging und rund um den Reaktor eine Sperrzone errichtet wurde.
Es gibt Checkpoints mit Schranken und Zäunen - und es gibt Menschen, die ihr Geld in der wirtschaftlich am Boden liegenden Region als Reiseveranstalter oder Fremdenführer verdienen. Die Nachfrage ist da - auch wenn das Hotel in der Todeszone keine Speisekarte, sondern nur ein Tagesgericht zur Auswahl bietet.


Faszinierende Ruhe

Spuren der Touristen hat Ro ith in seinen Fotos festgehalten. Er hat bröckelnde Wandbilder eines Kunstprojekts dokumentiert, das an die Katastrophe erinnern will. Mit einem Foto hatte Roith in seinem Alltag ein besonderes Erlebnis. Normalerweise lichtet der Fotograf Musiker von Alice Cooper bis Hansi Hinterseer ab. Ein Künstler sah das morbide Bild vom Sessel, der zum Fenster ausgerichtet ist. Roith lacht. "Er wollte es unbedingt haben - bis ich ihm gesagt habe, dass der Blick auf den Reaktor Tschernobyl zeigt."

Die Ruhe, die dieses Foto vermittelt, macht die Faszination der Zone aus. "Manchmal hört man dort gar nichts. Das hat etwas Gemütliches. So wie am Ende der Welt, irgendwo in Norwegen, wo nichts mehr ist. Und man kann die Natur genießen: Wölfe, Wildschweine, Wildpferde." Dass Zone sich verändert, liegt auch daran, dass die Natur den Raum zurückerobert.


Einst Repräsentative Atomstadt

Ein Foto steht für das, was die Atomstadt Prypjat früher repräsentierte: Der verfallende Raum voll pompöser Möbel und Schriften hatte einzig den Zweck, die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren. Ro ith sagt dazu "Propagandazimmer". "Prypjat war eine Vorzeigestadt mit Bibliotheken, Schwimmbädern, Kulturhalle, Ausflugsmöglichkeiten." Der Ort war 1970 gleichzeitig mit dem vier Kilometer entfernten Kernkraftwerk gebaut und 1986 infolge des Reaktorunglücks komplett geräumt worden.

Aber innerhalb der 30-Kilometer-Zone rund um den Reaktor wohnen Menschen. Roith erzählt von Ivan, der um die 90 Jahre alt ist, und seiner Frau Maria. Die Kinder der beiden leben in Kiew und kommen einmal im Monat zu Besuch in die Sperrzone. Solche Schicksale waren der Auslöser, weshalb Ro ith sich zu dem Projekt www.chernobyl30.com entschloss. "Ich wollte wissen, wie die Menschen leben. Sie leben sehr einfach, stehen alle draußen und bewirtschaften ihre Äcker oder Gärten. Im Prinzip sind das alles Bauern."


Strahlender Schmuggelschrott

Roith will ein Mahnmal gegen das Vergessen schaffen. Mit seinem Team, zu dem außerdem der Autor Matthias Kuhn gehört, möchte er bei der nächsten Reise auch mehr über die Opfer in Weißrussland herausfinden. Aufgrund der Windverhältnisse im April 1986 hatte es das Nachbarland besonders stark getroffen.

Bei seiner Dokumentation hielt der Fotograf teilweise zufällig Veränderungen fest. Beispielsweise einen Berg Metallschrott im Wald - der beim nächsten Besuch verschwunden war. "Jedes Mal merkte ich, dass Stahl und Eisen weg ist." Offiziell sei ihm mitgeteilt worden, dass die Metalle aus Naturschutzgründen nicht in der Zone verrotten sollen und nach gründlicher Säuberung entsorgt würden. Roith glaubt das nicht. "Jeder dort weiß, dass der Schrott nach China geht."

Hier geht es zur Bildergalerie: Tschernobyl - Grüße aus der Geisterstadt

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