Prügeln, pöbeln, Pyrotechnik: Ultrafans bestimmen die Schlagzeilen und bringen den Fußball in Verruf. Aber Ultras sind auch Familienersatz und bieten Jugendlichen Halt, wo Familien zerbrechen. Aber das interessiert niemanden. Verbote wirken schneller, Zäune sind billiger. Dabei kann es sich die Gesellschaft gar nicht mehr leisten, Ultrafans zu ignorieren. Das sagt Harald Lange, der über Fans und Fußball forscht.

Fans bedrohen Spieler, Funktionäre beschimpfen die eigenen Anhänger als Arschlöcher: Gibt es bald Fußball ohne Zuschauer?
Harald Lange: Fankultur und Fußballkultur gehören zusammen. Das heißt: Leistungsfußball ohne Fans und Inszenierung funktioniert nicht. Das gilt nicht nur für die Unterhaltung, sondern auch für die Identifikation. Die Fußballmannschaft der Stadt ist immer Identifikationspunkt für Jugendliche und Bewohner. Diese Identifikation gibt Halt, man kann sie jenseits des Rasens, in Stadien, Kneipen, Straßenbahn und auf der Arbeit ausleben. Das gibt Sicherheit. Der Fan fühlt sich geborgen, zugehörig, betroffen. Fußball löst Kommunikation und Miteinander aus, weil er längst zu unserer Alltagskultur gehört.

Dann hat der deutsche Fußball gar kein Sicherheitsproblem?
Es läuft überall da gut, wo Fans und Verein im Gespräch sind, wo man füreinander Verantwortung übernimmt. In Deutschland sind die Fronten gegenwärtig verhärtet, weil eine Basta-Politik gefahren wird. Die Vereine leisten gute Arbeit. Fanbeauftragte, Fanprojekte, heiße Drähte haben Kontakt zu den Fangruppen. Dort klappt die Kommunikation, es gibt kaum Probleme. Anders bei den Ultras, die lassen sich nicht erreichen von Fanbeauftragten. Ultras distanzieren sich und verschließen sich nach außen. Da einen Fuß reinzukriegen, ist die große Herausforderung.

Also sind die Ultrafans die Problemfans?
Gerade in der Auseinandersetzung mit dieser Fangruppe wird der Verdacht deutlich, dass es die Versuche gibt, Fans auf die Stufe von Kunden reduzieren zu wollen. Aus wirtschaftlicher Sicht ist das nachvollziehbar: Die Vereine brauchen Konsumenten, um ihr Produkt zu verkaufen. Das ist eine wirtschaftliche Logik. Aber das ist nicht die Logik der Fans und der Ultras. Denen geht es um Identifikation, Tradition, Halt, Werte und Normen.

Und diese Werte finden die Fans nur noch bei den Ultras?
Die Gesellschaft hat sich verändert: Alles ist offener, fließender und schneller geworden. Aber Menschen brauchen Halt. Traditionell gibt die Familie, der Freundeskreis, die Dorfgemeinschaft Halt. Aber diese Institutionen verlieren an Bedeutung, andere Instanzen kompensieren das. Fangruppen und Ultras geben so etwas wie Familienersatz. Hier kann ich mich identifizieren, da gehöre ich dazu. Meine Farben, mein Wappen, Leidenschaft, mein Stadionname - feste Punkte, die Halt geben. Ich frage mich, ob wir es uns als Gesellschaft wirklich leisten sollten, die Fankultur abzuschaffen und durch eine Konsumentenkultur zu ersetzen.

Das werden die Vereine vielleicht anders sehen?
Natürlich sagen Vereinsvorstände, aus wirtschaftlicher Sicht geht es um andere Sachen. Aber wir müssen uns fragen: Als was sehen wir unsere Fans? Sind das Kunden oder Fans, die dazugehören. Wirtschaftlich wären Kunden attraktiver. Zahlungskräftige Kunden, so wie in England. Da sind Polizei und Zäune unnötig. Die Zuschauer kommen, setzen sich hin, sind artig. Durchschnittlich sind sie 48 Jahre alt, lassen ordentlich Geld da und machen keine Randale.

Ein Modell auch für Deutschland?
Wir müssen uns fragen, was wir wollen. Ketzerisch könnte man fragen: Fußball zur Unterhaltung, um das Volk ruhigzustellen? Aber haben wir auch die Leute, die sich fatalistisch gleichschalten lassen? Es gibt viel Kritiken an unserer Jugend: Generation Golf, Generation blöd, sie sei nicht kritikfähig, nur konsumorientiert. Wer meint, die nachwachsende Generation sei zu unkritisch, der findet in Ultras und Fankultur genau das Gegenteil. Eine Jugend, die sich ganz kritisch zur Kommerzialisierung verhält. Natürlich müssen wir die Auswüchse in den Griff bekommen. Das ist die Herausforderung.

Aber sind da Stadionverbote, Geisterspiele und mehr Polizei die richtige Lösung?
Der richtige Weg ist Kommunikation, Dialog und gegenseitiges Verstehen. Der Nachteil dieses Weges: Er kostet Zeit. Aber langfristig müssen wir da hin. Stärke demonstrieren ist nur kurzfristig wichtig. Massive Polizei löst das Problem des friedlichen Miteinanders nicht. Dabei ist Fußball dafür doch wie geschaffen. Man trifft sich, hat Spaß, Spannung, alles spitzt sich zu und nach 90 Minuten ist alles vorbei. Gewonnen oder verloren, das Ergebnis muss jeder akzeptieren. Wo gibt es diese Lernmöglichkeit sonst? Auch wenn Bayern gegen Chelsea besser war, muss ich die Niederlage akzeptieren, sie mit mir selbst ausmachen. Ich kann diesen Konflikt nicht lösen, indem ich andere verprügle.

Sind Ultras zu wichtig um sie zu ignorieren?
Ja. Aber es gibt keinen inhaltlichen Diskurs darüber, was Ultras wollen. Es gibt nur die Diskussion über die Form, wie sie Kritik äußern. Die ist unangemessen, wenn gezündelt, geprügelt oder beleidigt wird. Aber was steckt dahinter? Was sind Interessen? Was wollen die Ultras? Darüber redet niemand.
Das Thema Traditionen wäre spannend. Das betrifft nicht nur den Fußball, das betrifft die gesamte Gesellschaft. Ein Wappen, eine Leidenschaft, der Namen des Stadions. Die Fans sagen doch in Nürnberg nicht Max-Morlock-Stadion, weil das zufällig jemandem eingefallen ist. Da steht ein Kanon von Werten und eine Ethik dahinter, wie man den Fußball begreifen will.
Aber sind gemeinsame Werte zwischen Verantwortlichen und Fans überhaupt möglich?
Ja und nein. Jedes Wirtschaftsmodell beruht auf Normen oder einer Ethik. Wachstum um jeden Preis, das kann es auch im Fußball nicht sein. Aber was wollen wir? Mir persönlich ist es egal, ob Bundesligaprofis eine Million oder 100 Millionen im Monat kriegen. Das Spiel wird immer spannend bleiben. Ich denke, so sehen das die Fans auch. Im Gegenteil: Je mehr Geld Fans zahlen, desto höher werden Anspruchs- und Kon-sumerwartungen.
Das sah man nach der EM bei der Nationalmannschaft. Nach dem Aus gegen Italien hatten wir plötzlich eine Krisendebatte. Aber es kann halt immer nur einer gewinnen. Und das ist doch das Geniale am Fußball: Prinzipiell kann immer alles passieren. Vor der WM 2006 hofften alle, dass sich die Nationalmannschaft nicht blamiert. Am Ende feierte ein junges Team Platz 3 wie den Turniersieg. Wir sprechen immer noch vom Sommermärchen und bekommen feuchte Augen beim Erzählen. Das ist es doch, was wir im Fußball haben wollen.


Der Fanforscher

Harald Lange ist Universitätsprofessor am Institut für Sportwissenschaft in Würzburg. Außerdem hat er im Januar zusammen mit Kollegen das Institut für Fankultur gegründet. Forschungsgegenstand: Fußball, Fans und die Gesellschaft.