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Bamberg
Begegnung

Gemeinsam einen Weg suchen

Die Ackermann-Gemeinde und der Deutsch-Tschechische Club Bamberg hatten den Generalkonsul der Tschechischen Republik in München zum Vortrag eingeladen. Besonders Franz Kubin spitzte die Ohren.
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Generalkonsul Josef Hlobil (rechts) mit Jitka Feitova vom Deutsch-Tschechischen Club Bamberg und Franz Kubin wissen sich in der Sache verbunden.                  Foto: Marion Krüger-Hundrup
Generalkonsul Josef Hlobil (rechts) mit Jitka Feitova vom Deutsch-Tschechischen Club Bamberg und Franz Kubin wissen sich in der Sache verbunden. Foto: Marion Krüger-Hundrup
Da stehen sie einträchtig nebeneinander: der 75-jährige Deutsch-Mähre Franz Kubin und der 52-Jährige Tscheche Josef Hlobil. Der eine verkörpert Vergangenheit, der andere Gegenwart. Und beide Generationen blicken in die Zukunft: "Wir suchen einen Weg, um zusammen zu leben", sagt Hlobil, Generalkonsul der Tschechischen Republik in München. "Wir tragen Verantwortung für den Frieden in Mitteleuropa. Wir wollen nicht die Fehler unserer Vorfahren wiederholen", erklärt Kubin, Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde Bamberg.

Der Deutsch-Tschechische Club Bamberg mit Jitka Feitova an der Spitze und die Ackermann-Gemeinde hatten zu diesem Treffen mit dem Generalkonsul in das Begegnungszentrum in der Friedrichstraße eingeladen. Um die "deutsch-tschechischen Beziehungen heute" sollte es gehen. Eigentlich ein passendes Thema für die Partnerstädte Bamberg und Prag, was auch Stadtrat Helmut Müller (CSU) in Vertretung des Oberbürgermeisters in seinem Grußwort feststellte. Er sprach von einem "guten Miteinander im vereinten Europa" und davon, dass es "viele Beziehungen zwischen Bamberg und Prag aus der gemeinsamen Geschichte gibt".

Die heutigen engen Kontakte Bayerns zu Tschechien würdigte der Generalkonsul.
Mit nunmehr 77 Städtepartnerschaften sei Bayern "Champion auf diesem Feld". Überhaupt sei Bayern für Tschechien ein "wichtiges Absatzgebiet und bester Investor", der "bilaterale Außenhandel steigt von Jahr zu Jahr". Verbessert werden müsse allerdings die Verkehrsinfrastruktur hinüber und herüber, die Bekämpfung des Drogenschmuggels aus Tschechien nach Bayern, die beiderseitige Kommunikation durch das Erlernen der jeweils anderen Sprache schon in den Schulen.

Artig hörten die Besucher zu. Schließlich hatte ihnen Generalkonsul Josef Hlobil eingangs ein wenig Nachhilfeunterricht darüber gegeben, was Diplomatie bedeutet: "Boxen mit Samthandschuhen". Also bat Franz Kubin in den Ring: "Worauf die meisten im Saal gewartet haben, waren Worte zu den politischen Beziehungen", wandte er sich an Hlobil. Drei Millionen Deutsche aus den böhmischen Ländern seien betroffen: "Die möchten den Standpunkt der tschechischen Regierung hören", fügte Kubin eher sanft hinzu.

Diplomat Hlobil wich nicht aus: "Das sudetendeutsche Phänomen existiert in Tschechien insofern, als sich einige noch daran erinnern". Aber es gebe nicht eine solche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit wie in Deutschland. "Die junge politische Garnitur hat eine andere Optik, einen anderen Zeitabstand zum Zweiten Weltkrieg", ergänzte Hlobil. "Haben wir Geduld, das Klima ändert sich, es ist ein Prozess." Wie es auch ein Prozess sei, den tschechischen Kindern "ein klares Bild davon zu geben, was in den letzten Jahrzehnten passiert ist". Denn "wenn wir etwas ändern wollen, müssen wir uns auf die jüngere Generation konzentrieren".

"Ein neuer Geist"


Immerhin konstatierte der Generalkonsul "einen neuen Geist bei der sudetendeutschen Landsmannschaft". Was einen Bamberger Vertreter nicht davon abhielt, Josef Hlobil auf die Benesch-Dekrete anzusprechen, mit der Vorbemerkung vom "Unrecht in deutschem Namen, das auch in der Tschechoslowakei geschehen ist". Der Generalkonsul hatte auch darauf eine Antwort: "Die Benesch-Dekrete sind Teil des tschechischen Rechts, aber heute nicht mehr effektiv. Sie bleiben Teil des tschechischen Rechtssystems."

Für Franz Kubin tat sich da eher eine "ethisch-moralische denn juristische Frage" auf. Und er fügte nur behutsam hinzu: "Man möchte sagen können dürfen, dass der Verlust der Heimat schmerzt, ohne auch von Deutschen in eine Ecke gestellt zu werden." Schon energischer bat er Josef Hlobil darum, "dass wir Sudetendeutschen nicht auch noch aus der böhmischen Geschichte vertrieben werden".

Denn was Vertreibung, zwangsweise Aussiedlung heißt, hat Franz Kubin am eigenen Leibe erfahren. Im mährischen Brünn geboren wuchs er mit seinen beiden älteren Geschwistern im Dorf Deutsch-Brodek auf. "Meine frommen Großeltern und Eltern waren immun gegen die Nationalsozialisten und nie in der Partei", erzählt Kubin. Ihr Verhältnis zu Tschechen sei "exzellent" gewesen. Und doch mussten sie im August 1946 ihr Haus, ihr Hab und Gut bis auf 70 Kilogramm Gepäck zurücklassen. Auf der mehrtägigen Odyssee im Güterwaggon gen Westen verstarb der schwer herzkranke Vater. "Der Vertreibungsschock, der Heimatverlust war mit dem Tod des Vaters verbunden", sagt Franz Kubin leise. Dazu kam die bittere Not, in der die Familie in den ersten acht Jahren im Großraum Frankfurt leben musste: "Man wollte uns hier auch nicht haben", hat er erfahren. Dennoch konnte er sein Abitur machen, in Mainz Klassische Philologie und Theologie studieren.

1961 lernte Franz Kubin bei einem Bundestreffen der Ackermann-Gemeinde in Würzburg seine künftige Ehefrau Rotraud kennen, ebenfalls eine Vertriebene aus Böhmen. Ihre Familie war in Bamberg gelandet. Und dorthin ließ sich Franz Kubin nach der Heirat 1965 als Lehrer versetzen. Bis zum Ruhestand 1998 unterrichtete er am Dientzenhofer-Gymnasium Latein und katholische Religionslehre.

Seit 1956 ist Franz Kubin Mitglied der Ackermann-Gemeinde. "Sie hat mich davor bewahrt, mit Hass an Tschechen zu denken", betont er. Mit Hilfe dieses katholischen Verbandes sei es ihm gelungen, den erlittenen Verlust der Heimat anzunehmen und Versöhnung zu suchen. Etwa bei Besuchen in der Tschechoslowakei schon lange vor der Wende. Und bei seiner zukunftsorientierten Arbeit in der Bamberger Ackermann-Gemeinde, deren Vorsitzender er seit 1974 ist.


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