Bamberg

Für Herz und Nieren

Im Schloss Wernsdorf bei Bamberg lebt Kaiser Heinrich II. wieder auf. Eine musikalisch-literarische Annäherung mit dem Schauspieler Udo Schenk.
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Das Schloss Wernsdorf vor den Toren Bambergs, Heimat der Capella Antiqua Bambergensis, ist Schauplatz der musikalisch-literarischen Lesung.  Foto: CAB
Das Schloss Wernsdorf vor den Toren Bambergs, Heimat der Capella Antiqua Bambergensis, ist Schauplatz der musikalisch-literarischen Lesung. Foto: CAB
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Stress ist sicher nicht nur eine Erscheinung der schnelllebigen Neuzeit. Druck und Unbehagen dürfte schon der Hausverwalter im 11. Jahrhundert verspürt haben, wenn wieder einmal Hoftag in den Kaiserpfalzen Quedlinburg, Merseburg oder Bamberg angesagt war. Dann mussten Brot, Braten, Wein für 150 Personen herbeigeschafft, Schlafplätze organisiert werden. Nichts durfte schief gehen, um Kaiser Heinrich II. und seine Gemahlin Kunigunde bei Laune zu halten.

Doch völlig entspannt können sich nun heutige Zeitgenossen solchen Einblicken in die frühmittelalterliche Vergangenheit hingeben. Profis erster Güte erzählen - bundesweit nur in Quedlinburg und im Schloss Wernsdorf bei Bamberg - musikalisch und literarisch die Geschichte der Ottonen, die über 100 Jahre lang das damalige Reich und jetzige Europa prägten. Von König Heinrich I. bis zu Kaiser Heinrich II. spannen sie einen faszinierenden Bogen von Kunst- und Kulturgeschichte, von Krieg und Frieden, von Sagen und Legenden.

Die Capella Antiqua Bambergensis, seit mehr als 30 Jahren eines der erfolgreichsten deutschen Ensembles für die Musik des Mittelalters, und der Schauspieler Udo Schenk laden zu diesem Kulturgenuss für Herz und Nieren ein. Äh, Nieren? Gemeinhin ist der Urologe der Spezialist für diese Organe. Also Dr. Rolf Kaminski alias Udo Schenk aus der ARD-Dauerbrennerserie "In aller Freundschaft". Im Telefoninterview bittet der renommierte Mime und Synchronsprecher aber darum, "nicht auf Dr. Kaminski reduziert zu werden". Und tatsächlich wird Schenk nun einmal mehr beweisen, dass er auch ohne die ironisch-zynischen Bemerkungen des Fernseharztes Charisma ausstrahlt.

Dessen sind sich Professor Wolfgang Spindler und sein Sohn Thomas sicher. Die beiden Hauptmatadore der Capella Antiqua Bambergensis haben schon im vergangenen Jahr anlässlich des Jubiläums "1000 Jahre Kaiserdom zu Merseburg" gemeinsam mit Udo Schenk einen viel beachteten Auftritt hingelegt. "Es ist eine Freude, mit ihm zusammen zu arbeiten. Er ist super gut vorbereitet!", lobt Thomas Spindler. Udo Schenk gibt das Kompliment zurück: "Die Capella ist mit ihrer wunderschönen Musik eine neue Entdeckung für mich." Mittelalterliche Musik sei eben nicht eintönig, wie es fälschlicherweise auf den einschlägigen Jahrmärkten vermittelt werde, so Schenk.


Die Quellen des Thietmar von Merseburg


Die beiden Spindlers haben in vier Monate langer Arbeit das Theatermanuskript für den Schauspieler geschrieben. Zugrunde lagen die überlieferten Quellen des Thietmar von Merseburg, des wohl wichtigsten Chronisten des Mittelalters und Zeitzeugen von Kaiser Heinrich II. Udo Schenk schlüpft in die Figur des Thietmar und entführt in die mehr als tausend Jahre zurückliegende Zeitspanne: zu den "Schätzen dieser wunderbaren Landschaft, den steinernen Zeugnissen einer blühenden Kulturepoche und ihren prachtvollen Bauwerken". Schenk beziehungsweise Thietmar wird "den Duft der wilden Sommerwiesen und der fränkischen Klostergärten" riechen und die Glocken "vom Michelsberg und vom Dom herüber" hören.

Thietmar erzählt in moderner Sprache Episoden der ereignisreichen Geschichte der Ottonen, aber auch der einflussreichen Frauen an ihrer Seite. Das Königspaar Heinrich I. und Mathilde erhob Quedlinburg zur Königspfalz und gründete das weltberühmte Frauenstift. Für das später heilig gesprochene Kaiserpaar Heinrich und Kunigunde war Quedlinburg eine der wichtigsten Residenzen ihres Reiches. Bamberg erhoben sie zu ihrer Kaiserstadt. Hauptstädte im heutigen Sinne waren Quedlinburg und Bamberg jedoch nicht. Durch das Reisekönigtum im frühen Mittelalter waren die Königs- und Kaiserpfalzen für die Zeit ihres Aufenthaltes der zentrale Dreh- und Angelpunkt ihrer Herrschaft.

"Den Namen nach, in Form der Begrifflichkeit, kannte ich die Ottonen", sagt Udo Schenk. Im Zuge der Vorbereitungen für die Lesungen habe er sich intensiver mit dieser "historisch interessanten und spannenden Zeit" beschäftigt und sich ihr mit Sekundärliteratur genähert. Den "Spindler-Text" habe er verinnerlicht und beherrsche ihn so, dass "ich nicht mit den Augen daran klebe".

Die drei Textblöcke der Lesung verbindet die Capella Antiqua Bambergensis mit passender Musik und entsprechenden Instrumenten jener Zeit: Sackpfeife, Organetto, Fideln, Schalmeien und Cornetto Muto erklingen, ergänzt durch die Nykelharpa von Jule Bauer und die Rahmentrommeln von Murat Coskun. Die beiden international auftretenden Solisten verzaubern in die musikalischen Welten des Orients und Okzidents.


Ritterschlag von Günther Strack


Die UNESCO-Welterbestädte Quedlinburg und Bamberg sind dem 1985 aus der damaligen DDR geflohenen Udo Schenk gut bekannt. Den Neuanfang im Westen verbindet er gerade mit dem "Ritterschlag" - O-Ton Schenk - in Bamberg. Dort wurde mit Günther Strack die Fernsehreihe "Der König" gedreht, und Udo Schenk war mit einer Rolle dabei. "Strack hat mich in einer Drehpause in seinen Wohnwagen kommen lassen und zu mir in der dritten Person gesagt. Er macht seine Arbeit gut!" Aus dem Munde dieses erfahrenen und beliebten Schauspielers sei dies eben der Ritterschlag für die Karriere in Gesamtdeutschland gewesen.

Bei allen Erfolgen in wichtigen Film- und Fernsehproduktionen ist Udo Schenk die Bodenhaftung nicht verloren gegangen. So ist es für ihn eine Selbstverständlichkeit, nach den musikalisch-literarischen Lesungen für Begegnungen mit Fans und für Autogramme da zu sein. "Das gehört zu meinem Job und ist mir wichtig", erklärt er. Und setzt sich mit diesen Worten von seinem Alter Ego Thietmar ab.

Denn der Chronist und Bischof von Merseburg wird auf der Bühne über seine Unzulänglichkeiten hart urteilen: "Nun sieh dir doch den vornehmen Herrn an, lieber Leser! Da siehst du in mir ein kleines Männlein, die linke Seite und Wange entstellt, weil hier einmal eine immer noch anschwellende Fistel aufgebrochen ist. Meine in der Kindheit gebrochene Nase gibt mir ein lächerliches Aussehen. Doch über das alles würde ich gar nicht klagen, hätte ich innere Vorzüge...".


Infos und Karten

"Heinrich - Musik und Geschichte(n)" gibt es am Samstag, 17. September 2016, um 18 Uhr in der Stiftskirche St. Servatii zu Quedlinburg (Karten bei Domschatz Quedlinburg, Telefon 03946 / 709900) und am Sonntag, 18. September 2016, um 17 Uhr im Schloss Wernsdorf bei Bamberg. Karten für den Sonntag gibt es beim bvd, Lange Straße 39/41, 96047 Bamberg, Telefon 0951 / 9808220.

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