Bamberg
Adventsaktion (3)

"Freund statt fremd" organisiert Patenschaften mit Asylbewerbern

Die ehrenamtliche Initiative "Freund statt fremd" bringt Asylbewerber mit einheimischen "Paten" zusammen. Sie helfen den Flüchtlingen im Alltag. Für Studentin Narin ist es mehr als ein Projekt.
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Gemeinsames Essen gehört dazu, wenn sich Narin Aydin (Mitte) mit ihrer Patenfamilie aus Aserbaidschan trifft. Narin ist Deutsche mit türkischen Wurzeln und kann sich deswegen gut mit der Familie verständigen. Foto: Barbara Herbst
Gemeinsames Essen gehört dazu, wenn sich Narin Aydin (Mitte) mit ihrer Patenfamilie aus Aserbaidschan trifft. Narin ist Deutsche mit türkischen Wurzeln und kann sich deswegen gut mit der Familie verständigen. Foto: Barbara Herbst
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Vasif (26) ist ein ganz Ruhiger. Er hört zu, überlegt, antwortet mit Bedacht, während der kleine Sohnemann auf dem Papa herumturnt. Vasif sagt: "Es ist schwer in Worte zu fassen, was diese Patenschaft für uns bedeutet. Es berührt mich sehr, dass Menschen, die überhaupt keinen Bezug zu einem haben, einem so nahe sein können. Dass sie nur Gutes wollen."

Es ist der letzte Satz am Ende des Gesprächs und er klingt noch kurz nach, hängt über dem Tisch, auf dem der selbst gebackene Kuchen steht und der Teller mit dem angerichteten Obst. Übersetzt wird dieser Satz von Narin Aydin (21). Die Bamberger Studentin ist "Patin" von Vasifs Familie. Und als Patin gehört sie zur Familie. Wenn auch nicht verwandtschaftlich.

Die junge Frau ist Deutsche mit türkischen Wurzeln - ein großer Vorteil in der Patenschaft mit Vasifs Familie. Er, seine Frau Ayten (23) und Sohn Muhammed (zweieinhalb) sind aus Aserbaidschan geflohen, wo man auch türkisch versteht. Die kleine Derya (vier Monate) war damals noch im Bauch der Mama - und kam in Bamberg zur Welt.

Schwanger nach Deutschland

"Dass Ayten schwanger war, das hat uns sehr zusammengeschweißt", sagt Patin Narin. Zwar habe es beim ersten Treffen leichte Berührungsängste gegeben. "Aber wir mussten ja gleich zusammenarbeiten, Termine ausmachen", erzählt die 21-Jährige und lächelt. "Wir fühlen uns wie eine Familie". Auch wegen des geringen Altersunterschiedes zwischen der Patin und den Flüchtlingen.

Überhaupt zustande gekommen ist der Kontakt mit Hilfe der ehrenamtlichen Initiative "Freund statt fremd". Sylvia Schaible vom Aktionskreis erläutert, dass es in Bamberg bisher geschätzt 40 deutsche Paten gibt. Die Idee: Diese mit den Flüchtlingen zusammenbringen. "Es entsteht ein persönliches Vertrauensverhältnis, was die Hilfe effektiver macht", sagt Schaible.

Jeder Pate hat andere Schwerpunkte. Manche helfen gezielt bei Behördengängen, andere machen Ausflüge mit den Asylbewerbern, wieder andere wollen sich speziell um die Kinder kümmern. Auch, wenn die Verständigung anfangs nur mit Händen und Füßen funktioniert - "wenn eine Familie auf der Flucht ist und nach Deutschland kommt, ist jede Hilfe eine Hilfe", sagt Schaible.

Doch welchen Paten vermittelt man an welche Familie? Wer spricht vielleicht eine verwandte Sprache? Bereits jetzt bestehe eine enge Zusammenarbeit mit den Asylsozialarbeiterinnen der Arbeiterwohlfahrt (Awo) und der Caritas. Doch die organisatorische Herausforderung für die ehrenamtliche Initiative "Freund statt fremd" sei enorm, so Schaible.

Deswegen wird derzeit Geld gesammelt für das Projekt "Patenschaftskoordination", über die die Vermittlung der Patenschaften zukünftig ablaufen soll. Das Projektkonzept steht bereits. Es ist angedacht, eine feste Stelle zu schaffen, ausgelegt auf drei Jahre und 30 Stunden pro Woche. Damit sich Helfer und Flüchtlinge finden, die gut zusammenpassen. "Die meisten trauen sich nicht einfach ins Heim und sagen: ,Hier bin ich'", sagt Schaible.

Wobei sich Patin Narin sicher ist, dass jeder Besucher in der Unterkunft spätestens nach zehn Minuten einen Tee angeboten bekommt. Sie nippt von ihrer Tasse. "Die Schwangerschaft von Ayten war aufregend. Ich wusste, dass ich zum Geburtstermin nicht hier sein würde, habe mich aber verantwortlich gefühlt. Also haben wir im Vorfeld alle Papiere im Krankenhaus ausgefüllt", sagt die Studentin. Und die wichtigsten fünf Sätze hat sie der Familie zur Sicherheit noch auf einen Zettel geschrieben, zum Beispiel die Adresse.

Immer sehr nett

Die Ärzte und Hebammen im Krankenhaus seien immer nett gewesen, "auch wenn wir mal wieder ein Schreiben nicht dabei hatten. Man braucht ja immer Tausend Zettel." Um Papiere ging es auch nach der Geburt der kleinen Derya. Deren Papa Vasif war froh, als Patin Narin mit ihm aufs Standesamt ging, um dessen Vaterschaft anerkennen zu lassen. Heute ist Derya vier Monate alt und guckt im pinken Strampler interessiert durch das Zimmer, in dem die vierköpfige Familie untergebracht ist. Wenn ihre Mutter Ayten hinter dem Stuhl der Patin vorbei geht, um Muhammed sein Spielzeug zu holen, legt sie der Studentin kurz die Hände auf die Schultern. "Sie ist unsere Bezugsperson", sagt die Frau aus Aserbaidschan in ihrer Sprache. Narin übersetzt.

Eltern lernen Deutsch

Beide Eltern nehmen an einem Deutschkurs teil, verstehen schon etwas. Sie wollen selbstständig sein, niemandem zur Last fallen. "Am Anfang musste ich mehrmals sagen, dass ich gerne helfe und das freiwillig tue", sagt Narin. Sie schaut oft kurz vorbei, wenn zwischen den Lehrveranstaltungen an der Uni mal Luft ist. Dann gibt es natürlich Tee bei "ihrer" Familie. Und heute auch Kuchen.

Was denn für einen? Narin übersetzt, Ayten antwortet in ihrer Sprache: "Kuchen eben" und grinst. Es ist ein Rezept, das sie aus dem Kopf zubereitet hat. Sie überlegt kurz und beschließt: "Wir nennen ihn einfach Derya-Kuchen." Es ist der Name ihres kleinen Mädchens. Auf der Flucht noch im Bauch, geboren in Bamberg.


"Franken helfen Franken" unterstützt "Freund statt fremd"


Idee Die Mediengruppe Oberfranken erreicht über ihre Zeitungen Fränkischer Tag, Baye rische Rundschau, Coburger Tageblatt, Saale-Zeitung und Die Kitzinger sowie ihre Internetangebote viele Menschen. Diese Reichweite will sie mithilfe eines Spendenvereins nutzen - und Hilfsbedürftige unterstützen. Mehr Infos gibt es unter franken-helfen-franken.de.

Zweck Der Spendenverein macht sich stark für ein Franken, das sich durch eine Atmosphäre des Miteinanders und der gegenseitigen Hilfe auszeichnet. Seit seiner Gründung im Jahr 2009 hat "Franken helfen Franken" 153 000 Euro gespendet.
Verwendung Jeder für "Franken helfen Franken" gespendete Euro geht an den guten Zweck, die Verwaltungskosten übernimmt die Mediengruppe Oberfranken, in der der Fränkische Tag erscheint.

Spendenkonto Die Verbindungsdaten lauten: Mediengruppe Oberfranken - Franken helfen Franken e.V.: Sparkasse Bamberg, IBAN: DE 62 7705 0000 0302 1945 01, BIC:
BYLADEM1SKB; Stichwort: "Freund statt fremd"


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