Coburg
Ausstellung

Extreme Erfahrung in einer Ausstellung: Besucher fühlen sich wie psychisch Kranke

Stimmen reden auf einen ein, auf den Schultern lasten Tonnen - so fühlt es sich also an, wenn die Psyche krank ist. Am Donnerstag eröffnet eine Ausstellung in Coburg, die das nachfühlbar macht: mit Hilfsmitteln wie Bleiweste und Kopfhörern.
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Der Schizophrenieraum der Ausstellung ist als Supermarkt konzipiert. Hier erleben die Besucher, wie schwierig es ist, Dinge auf einem Einkaufszettels zu finden, wenn man sich bedrängt fühlt und Stimmen hört. Dabei helfen Ausstellungsmitarbeiter und Kopfhörer. Foto: Ronald Rinklef
Der Schizophrenieraum der Ausstellung ist als Supermarkt konzipiert. Hier erleben die Besucher, wie schwierig es ist, Dinge auf einem Einkaufszettels zu finden, wenn man sich bedrängt fühlt und Stimmen hört. Dabei helfen Ausstellungsmitarbeiter und Kopfhörer. Foto: Ronald Rinklef
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Schizophrenie ist unterhaltsamer als Depression. Es sind mehr Stimmen: Säuselnde und bettelnde, keifende und schwatzende Stimmen dringen über den Kopfhörer ans Ohr, verlangen Raum in den Gedanken - und lenken von der eigentlichen Mission ab. Was war das doch gleich? Ach ja: Katzenfutter und Essig finden. Neun Dinge stehen auf der Einkaufsliste, aber nur Milch und Dosentomaten sind schon im Wagen. Ein Teil der Ausstellung "Grenzen erleben", die von heute bis Montag in Coburg gezeigt wird, ist als Supermarkt konzipiert: Der Ausstellungsbesucher wird mit künstlichen Reizen verwirrt, während er einen Einkaufszettel abarbeiten soll. Er ist kein Zuschauer, sondern soll fühlen, welche Auswirkungen die Symptome psychischer Krankheiten haben.


Sie kommen, dich zu holen

"Hey du!", brüllt eine Frauenstimme aus dem Kopfhörer.
"Der Teufel lacht über dich." Jaja, Teufel hin oder her, jetzt geht's darum, den Einkaufszettel abzuarbeiten. Also, wo ist jetzt - äh, was war es doch gleich? - ah ja, der Essig. "Hörst du die Sirenen? Sie kommen, dich zu holen."
Dort reihen sich Saft, Müsli, Cola aneinander - Moment, stand Müsli nicht auch auf dem Einkaufszettel? Bevor es in den Einkaufswagen wandert, stellt sich ein Mann im weißen Kittel in den Weg und glotzt einen unbewegt durch eine dunkle Sonnenbrille an ... während wieder eine neue Stimme im Ohr das Angebot frischer spanischer Orangen aus Brasilien anpreist. Spanisch? Brasilien? Egal, das Ziel nicht aus den Augen verlieren ... Müsli! "Brot, Salz und Brezeln!", poltert ein Bayer im Kopfhörer. Der Mann im weißen Kittel legt einen Karton Eier in den Wagen, nimmt die Dosentomaten heraus und geht weg. Dazu die Stimme im Ohr: "Hörst du die Sirenen ... sie kommen, dich zu holen."


Schizophrenie: so häufig wie Diabetes

Wahnhafte Störungen sind genauso häufig wie die Zuckerkrankheit: Etwa ein Prozent der Bevölkerung erkrankt daran. Eine Tafel in der Ausstellung informiert darüber, dass biologische, psychische und soziale Faktoren am Entstehen der Krankheit beteiligt sind - eindeutige Ergebnisse über die Ursachen liegen nicht vor, aber Schizophrenie ist gut behandelbar. Genau wie die häufigste psychische Krankheit: 80 Prozent der an einer Depression Erkrankten kann den Berufsverbänden und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie zufolge dauerhaft und erfolgreich geholfen werden - wenn sie richtig behandelt werden.


Es ist kein persönliches Versagen

Voraussetzung dafür ist die Erkenntnis, dass es nicht um persönliches Versagen, sondern um eine Krankheit geht. Deshalb hat der Arbeitskreis Sozialpsychiatrie die von der Caritas in Traunstein konzipierte Ausstellung nach Coburg geholt. Die beiden Lions-Clubs der Stadt finanzieren die Ausstellung, weil sie eine Notwendigkeit sehen, am besseren Verständnis psychischer Krankheiten zu arbeiten. Die Hochschule Coburg hat sich an der Organisation und Vorbereitung beteiligt, und in der Ausstellung sind auch Studenten aktiv. Gestern lernten sie beispielsweise, wie sie im weißen Kittel die Besucher im Supermarkt bedrängen. Es geht darum, gesunde Menschen für das Thema zu sensibilisieren.


Die Bleiweste wird immer schwerer

Im "Depressionsraum" funktioniert das unter anderem mit einer etwa 25 Kilo schweren Bleiweste. Der Blick richtet sich in einen grauen Gang, an dessen Ende ein schwarzer Tisch steht. Darauf eine dunkle Vase ohne Blüte. Ein schwach-graues Licht. Hier gibt es nur eine Stimme. "Ich bin so müde", sagt sie. "Alles ist so hoffnungslos." Wenn der Besucher immer wieder die gleichen traurige Wörter hört, dabei nur die Düsternis des beengenden Ganges und nichts Helles, Schönes sieht, werden die Bleigewichte auf den Schultern ein wenig schwerer.


Die Ausstellung

Die Ausstellung gastiert von heutigem Donnerstag, 12. November, bis Montag, 16. November, in der Alten Angerturnhalle, Schützenstraße 1 in Coburg. Eintrittspreis: 1 Euro. Öffnungszeiten: Do, Fr und Mo: 9 - 13 Uhr und 14 - 20 Uhr; Sa und So 10 - 13 Uhr und 14 Uhr - 18 Uhr.


Experteninformationen zu Risikofaktoren für psychische Krankheiten

Berufsverbände und Fachgesellschaften für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie haben Faktoren herausgearbeitet, die das Risiko einer psychischen Krankheit erhöhen.

Risikofaktor 1: Belastung
Extrem belastende Ereignisse oder einschneidende Veränderungen des Lebens wie eine Erkrankung, Todesfälle, eine Trennung, Konflikte oder Elternschaft können psychische Krankheiten auslösen, wenn sie nicht richtig verarbeitet werden. Aber nicht jede heftige Reaktion auf solche Ereignisse ist krankhaft; oft sind Beschwerden wie Schlafstörungen und Anspannung vorübergehend und gehören zur Phase der Bewältigung.Problematisch wird es, wenn der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann.

Risikofaktor 2: Alter
In Deutschland leiden 25 Prozent aller Menschen über 65 Jahren an psychischen Erkrankungen. Symptome wie sozialer Rückzug, Antriebsminderung, erhöhte Ängstlichkeit oder Vergesslichkeit werden oft als Folgen des Altwerdens gesehen, sind demnach aber häufig Warnzeichen für eine psychische Erkrankung. Das Erkrankungsrisiko steigt mit dem Alter; Frauen sind aufgrund ihrer höheren Lebenserwartung häufiger betroffen als Männer und unter den Bewohnern von Senioren- oder Pflegeheimen leiden bereits 30 bis 40 Prozent an Depressionen.
Risikofaktor 3: Arbeitsleben
Schon weil der Mensch so viel Zeit mit Arbeit verbringt, stellt diese einen Risikofaktor dar. Fehlt die Arbeit, kann das eine schwere psychische Belastung darstellen. Ist sie zu viel, wird von Burnout gesprochen - wissenschaftlich ist dieser kein verbindlich definiertes Krankheitsbild. Er lässt sich schwer von psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörung abgrenzen. Den Berufsverbänden für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie zufolge gilt Stressbewältigung als wichtigste Gegenmaßnahme: sein Verhalten oder die Verhältnisse so ändern, dass Überlastung vermieden wird, Maßnahmen zur individuellen Entspannung und Erholung ergreifen und regelmäßig systematisch reflektieren, welche persönlichen Ziele und Werte in Beruf und Privatleben Vorrang haben.
Die Verhältnisse im Arbeitsalltag können dazu beizutragen, dass Menschen psychische Probleme entwickeln oder dass diese sich verstärken. Als Voraussetzung für die Erhaltung der Gesundheit werden folgende Faktoren gesehen:
1) ein anspruchsvolles, aber nicht überforderndes Arbeitsaufgabenprofil
2) angemessene Erfahrungen von Erfolg, Anerkennung und materieller Gratifikation für erbrachte Leistung
3) ein vertrauensvolles Klima der Zusammenarbeit sowie des fairen und gerechten Umgangs
4) eine sinnerfüllte und gesicherte Perspektive


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