Bamberg
Gericht

Ex-Chefarzt: Stress im Bamberger Gefängnis

Heinz W. musste sich vor dem Amtsgericht Bamberg wegen eines Streits mit einem Mithäftling verantworten. Am Ende wird die Sache eingestellt.
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Heinz W. wurde am Montag aus dem Gefängnis zum Amtsgericht Bamberg gebracht: Er musste sich dort wegen eines Streits mit einem Mithäftling verantworten. Gegen einen Strafbefehl hatte der Ex-Chefarzt Einspruch erhoben. Foto: Ronald Rinklef
Heinz W. wurde am Montag aus dem Gefängnis zum Amtsgericht Bamberg gebracht: Er musste sich dort wegen eines Streits mit einem Mithäftling verantworten. Gegen einen Strafbefehl hatte der Ex-Chefarzt Einspruch erhoben. Foto: Ronald Rinklef
Zwei Häftlinge mögen sich nicht. Sie treffen im Flur der Justizvollzugsanstalt Bamberg (JVA) aufeinander. Es kommt zu einem Gerangel, zu Beschimpfungen, vielleicht zu mehr. Vielleicht wurde einer der beiden bespuckt oder beide, vielleicht wurde einer geschlagen - oder beide. Vielleicht.

Letztlich bleibt vage, was genau an einem Tag im Mai 2015 in der JVA geschah. Zu widersprüchlich sind die Aussagen. Niemand wurde an dem Tag ernsthaft verletzt. Keiner der Beteiligten hat Strafantrag gestellt. Dennoch landete der Streit hinter Gittern vor dem Amtsgericht Bamberg.

Das hat mit dem Beschuldigten zu tun: Dieser ist Heinz W., Ex-Chefarzt der Gefäßchirurgie am Klinikum Bamberg. Der 50-Jährige muss sich wegen Verdachts des sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen während seiner Zeit als Chefarzt vor dem Landgericht Bamberg verantworten.


Bedrohungen gegen Heinz W.

Seit August 2014 sitzt der Mediziner in Untersuchungshaft. Wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung ist W. bei den meisten Insassen, vorsichtig ausgedrückt, unbeliebt. Auf der Gefängnis-Hackordnung steht er ganz unten. Ein ehemaliger Mithäftling, der am Montag vor Gericht aussagte, beschrieb, dass Heinz W. oft bedroht werde. Seine Zelle würde unter Wasser gesetzt.

Die Anwälte des Arztes beklagen in dem Missbrauchsverfahren schon lange, dass ihr Mandant im Gefängnis nur unzureichend Schutz bekäme. Sie gehen das Gericht und die Ermittlungsbehörde hart an. Vielleicht eine Erklärung, warum die Staatsanwaltschaft Bamberg diesen Vorfall nun genauer unter die Lupe genommen hat: Oberstaatsanwalt Christopher Rosenbusch sprach von einem "höheren öffentlichen Interesse". Deshalb erging Strafbefehl gegen den Ex-Chefarzt. Er hätte eine Geldstrafe von rund 400 Euro zahlen müssen. Doch lehnte das die Verteidigung ab. Er habe niemanden geschlagen, sagt der 50-Jährige. Vielmehr soll er geschlagen worden sein.


Ein Zeuge hatte Streit beobachtet

Nun stand aber W. als Beschuldigter vor Gericht. Der Vorwurf: vollendete Körperverletzung. Raus kam die Sache mit dem Streit, weil der bereits genannte Mithäftling einer Vertrauensperson im Gefängnis schilderte, was er beobachtet hatte. Demnach soll W. den Polen bespuckt, dann gegen das Schienbein getreten, dann Richtung Hals geschlagen haben. Der andere habe das Spucken und Schlagen erwidert. So wiederholte das der Mithäftling in einer polizeilichen Aussage im vergangenen Jahr.


Schwellung am Hals

Der Kontrahent von Heinz W., ein 29-Jähriger, sitzt wegen Diebstahls, auch wegen Körperverletzung, hinter Gittern. Er mochte den Ex-Chefarzt wohl noch nie. "Für mich ist er ein Vergewaltiger, ich will mit solchen Menschen nichts zu tun haben", so die Worte des Mannes, die eine Dolmetscherin vor Gericht übersetzte. In der Zelle des Polen wohnte damals ein älterer Mithäftling, dem Heinz W. manchmal den Verband einer Verletzung am Rücken wechselte. Zu diesem wollte der Mediziner offenbar wieder, um mit ihm etwas zu besprechen. Doch das missfiel aus genannten Gründen dem Polen. Er soll dem Arzt deutlich gemacht haben, dass er nicht in der Zelle zu gehen habe.

Dann soll es zu besagter Auseinandersetzung gekommen sein. Von der Heinz W. berichtet, dass er nachher eine Schwellung am Hals hatte. W. soll dafür den Polen gegen das Bein getreten haben. Der körperlich wesentlich kleinere Kontrahent befand, dass der Tritt nicht weh getan habe. Nur durch einen Schlag sei er leicht im Bereich des Ohrs verletzt worden. Viel passiert sei aber nicht. Angezeigt habe er Heinz W. deshalb nicht.


Zeuge kippte vor Gericht

Wer letztlich wen zuerst geschlagen hatte, konnte Amtsrichterin Nadine Schiffers nicht mehr klären. Sie regte stattdessen eine Einstellung des Verfahrens an. Dem folgte auch der Oberstaatsanwalt. Denn der wichtigste Zeuge, der erwähnte Mithäftling, der den Streit beobachtet und einer Vertrauensperson mitgeteilt hatte, änderte vor Gericht seine Aussage. Er gab an, dass es eben gerade anders war, dass nicht Heinz W., sondern der Pole zuerst gespuckt und geschlagen haben könnte. Was den Oberstaatsanwalt ärgerte: "Sie sagen heute genau das Gegenteil!"

Am Ende stellte Richterin Schiffers das Verfahren auf Antrag der Staatsanwaltschaft "im Hinblick auf eine Verurteilung im anderen Verfahren", in dem wesentlich höhere Strafen zu erwarten sind, ein. Letztlich sei der Wert der Auseinandersetzung strafrechtlich als nicht mehr so hoch anzusehen, wie es in der Akte der Fall gewesen sei. Verteidiger Dieter Widmann wollte einen Freispruch, doch diesen bekam er nicht. Bei einer solchen Einstellung bedarf es nicht seiner Zustimmung.

Am Dienstag, 8. März, geht der viel wichtigere Missbrauchs-Prozess gegen den Ex-Chefarzt am Landgericht Bamberg weiter. Ihm drohen hier bis zu 15 Jahre Haft.
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