Bamberg
Theater

Es lebe die "analoge" Romantik!

Um Romantik dreht sich die 23. Spielzeit des Brentano-Theaters. Sie startet am 9. September mit einer Geburtstagsfeier zu Ehren des Namenspatrons.
Artikel drucken Artikel einbetten
Martin Neubauer mit der blauen Blume als Inbegriff des Romantischen schlechthin Foto: pr
Martin Neubauer mit der blauen Blume als Inbegriff des Romantischen schlechthin Foto: pr
Effizienz ist angesagt - auch bei der Suche nach Mr. beziehungsweise Mrs. Right. Grenzenlose Möglichkeiten verspricht das Internet, um Amors Pfeil ohne lästiges Zufallsprinzip ins Schwarze zu lenken. Die "Liebe auf den ersten Klick" wurde zum geflügelten Wort. Romantik 2.0. Manches aber bleibt bei allem Kalkül doch auf der Strecke. Augenzwinkernd befasst sich Martin Neubauer in der neuen Spielzeit des Brentano-Theaters mit dieser Thematik und spürt der "analogen blauen Blume" nach. Poeten wie Joseph von Eichendorff ergreifen das Wort, Clemens Brentano und Sophie Mereau, die an der Seite des Romantikers "Himmel und Hölle" erlebte.

"In seinem Buch ,Silicon Valley' bezeichnet Christoph Keese das Internet als Überwindung und Widerlegung alles Romantischen. Fünf nach zwölf also, um sich wieder intensiv auf das Romantische zu besinnen", sagt Neubauer, dem es in den kommenden Monaten auch genau darum geht. Und darum, eines "Menschentypus zu gedenken, der nicht nur funktioniert, gefällt, ,liked' und kauft, sondern den Weg nach Innen, in die Stille sucht. Der in die Tiefe eintauchen möchte statt nur zu surfen, also an der Oberfläche dahinzugleiten".


Keine Klischees

Was aber ist die wahre Romantik, der sich der Brentano-Theater-Prinzipal widmen möchte? Nichts, wofür "Klischees wie das Bächlein- und Waldesrauchen" stehen, so Neubauer. "Die berühmte ,romantische Ironie' begleitet den Weg zur Gefühlstiefe immer wieder mit Brechungen und satirischen Hinterfragungen. Es geht um den ganzen Menschen mit all seinen Sehnsüchten, unerfüllten Wünschen, Licht- und Schattenseiten." So sei wahre Romantik eben auch alles andere als kitschig und konservativ.

"Besonders drastisch" prallen dem Theaterleiter zufolge bei Brentano "Gefühlstiefe und Komik aufeinander". An dessen 238. Geburtstag startet Neubauer die 23. Spielzeit der Bühne in der Gartenstraße. Sprachakrobatisches und Satirisches aus der Feder des Romantikers erwartet Gäste. "Mitunter ist es kaum zu glauben, dass diese anarchischen Wortspielereien 200 Jahre alt sind", meint der Theaterprinzipal, der an dem Tag auch wieder "das sinnfrei-kuriose Brentano-Quiz" veranstaltet.



Eine Vorreiterin

Auf Brentanos Spuren geht es am 20. September weiter. Nadine Panjas kehrt an Neubauers Seite zurück, wo sie bei den diesjährigen Hans-Sachs-Spielen schon zu erleben war. Gemeinsam zeichnen die beiden Akteure ein Porträt Sophie Mereaus: "Die freiheitsliebende Poetin war die erste Dame, die in Deutschland von ihren Büchern leben konnte." Texte Mereaus und ein bewegender Briefwechsel mit ihrem zweiten Ehemann - Clemens Brentano - erwecken die weithin Vergessene zu neuem Leben. "Wobei der Briefwechsel zu den schönsten und innigsten Liebeszeugnissen der Romantik zählt." Erstmals nimmt sich Neubauer in einem eigenen Programm auch eines Dichters an, der als Inbegriff der Romantik gilt: Joseph von Eichendorff. Zu vier Spaziergängen durch den Michelsberger Wald lädt er im Oktober unter dem Motto "Da steht im Wald geschrieben" ein. "Diese Gedichte sind im Wald ersonnen und empfunden. Dort werden sie sich auch am zwingendsten eröffnen. Analoger können die Welt und das menschliche Herz nicht rauschen."



Herbstdepressionen soll die Lesung "Goldener Oktober" vorbeugen. Und für die grauen Novembertage wagt sich der Brentano-Theater-Leiter dann an "De Profundis": einen offenen Brief, den Oscar Wilde während seiner Inhaftierung in verschiedenen englischen Zuchthäusern an seinen früheren Freund und Liebhaber Lord Alfred Bruce Douglas schrieb. ",De Profundis' wird zum Theatermonolog umgearbeitet: die Wandlung eines Menschen durch die Erfahrung des Leids."


Kein Grund, aufzugeben

So sind alle auf der ewigen Suche nach der blauen Blume, die Novalis zum Inbegriff des Romantischen machte: "Ein Ideal, das seit 200 Jahren unerreicht ist. Das ist aber wirklich noch kein Grund, die Suche danach aufzugeben. Ein bisschen Geduld ist im Leben schon nötig", so Neubauer. Gegen den Zeitgeist zu kämpfen, mache einen zwar zum Don Quichotte: "Aber ich möchte an etwas erinnern, was uns verloren zu gehen droht."
Dass die Komik mit derartigen Utopien durchaus Hand in Hand gehen kann, beweisen ab 4. September übrigens schon drei Hainspaziergänge: Spaziergänge "reich an Hirnknoten im Geiste Karl Valentins". Denn: "Lachen bewahrt vor falscher Sentimentalität und Fanatismus."


Termine der neuen Spielzeit des Brentano-Theaters

Spielzeiteröffnung ist am Freitag, 9. September, um 20 Uhr. Zu erleben ist eine "heitere Feier zu Brentanos 238. Geburtstag" im Brentano-Theater, Gartenstraße 7.

"Lebe der Liebe und liebe das Leben!" am 20. September, 20 Uhr: Programm zur Erinnerung an Sophie Mereau-Brentano, eine vergessene Dichterin - mit Martin Neubauer und Nadine Panjas (Foto) im Brentano-Theater

"Im Geiste Karl Valentins" - heiterer Hainspaziergang am Sonntag, 4. September, 16 Uhr, 11. September, 16 Uhr, und 18. September, 11 Uhr (der Spaziergang beginnt vor dem Bootshaus)

"Da steht im Wald geschrieben" - Ein Waldgang mit Joseph von Eichendorff am 2. Oktober, 16 Uhr, 3. Oktober, 16 Uhr, 16. Oktober, 16 Uhr, und 23. Oktober, 11 Uhr, (Treffpunkt ist der Parkplatz am Michelsberger Wald, Ende St. Getreu-Straße)

Plätze für alle Vorstellungen am Brentano-Theater können sich Interessenten unter der Nummer 0951/54528 reservieren lassen.


Verwandte Artikel
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren