Bamberg
Interview

"Es ist wichtig, den Tod beim Namen zu nennen"

Dr. Eva Nießen, Palliativärztin am Klinikum Bamberg, spricht darüber, wie junge Leute den Tod erleben und was helfen kann, die Trauer zu bewältigen.
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Foto: Arne Dedert, dpa
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Frau Dr. Nießen, Sie sind auf der Palliativstation täglich mit dem Thema Sterben konfrontiert. Ist der Tod in unserer Gesellschaft immer noch ein Tabuthema?
Eva Nießen: Ich empfinde es weiterhin so. Viele Menschen müssen sich an das Thema erst einmal herantasten. Es kommen auch Menschen zu uns, die sich vorher Gedanken gemacht und ganz klare Vorstellungen haben. Doch das ist immer noch die Minderheit.

Hat sich da irgendetwas in den vergangenen Jahren getan?
Ganz viel. Bedingt durch die öffentliche Diskussion sind solche Dinge wie Patientenverfügungen viel weiter verbreitet.

Ist das Thema Trauer eine Sache des Alters?
Die Trauer wird sehr unterschiedlich gelebt. Im Laufe des Lebens haben wir sehr unterschiedliche Lebenserfahrungen, die uns auch Trauer anders erleben lassen. Trauer hat viel mit Kultur zu tun. Je älter ein Mensch ist, desto mehr hat er erfahren, desto mehr ist seine Trauer auch beeinflusst von Kultur. Per se ist aber jeder Mensch in der Lage zu trauern.

Wie reagieren Kinder, wenn auf der Palliativstation ein Angehöriger liegt?
Das ist sehr individuell. Je kleiner ein Kind ist, desto unberührter und unerfahrener ist es, desto natürlicher geht es an Krankheit und Tod heran.

Wie zeigt sich diese Unberührtheit?
Wenn das Kind einen nahen Menschen sieht, der im Bett liegt, dann wird das einfach so hingenommen. Wenn das Kind von Tag zu Tag die Veränderungen verfolgen kann, dann kann es all das auf eine Art annehmen, die uns zunächst einmal ganz fremd erscheint. Wenn es das aber nicht kann und zum Beispiel nur telefonisch erfährt, dass die Oma, die weiter weg wohnt und immer mit ihm gespielt hat, jetzt plötzlich nicht mehr ansprechbar ist, dann wird es sich wundern.

Auf welche Weise soll man denn Kinder mit dem Sterben konfrontieren?
Unser Ratschlag geht weitestgehend dahin, das Kind in seinen natürlichen Impulsen zu unterstützen. Dann, wenn ein Kind fragt, ihm auch offen und ehrlich zu antworten.

Soll ein Kind immer mit auf die Palliativstation gehen?
Wenn ein Kind groß genug ist und sagt, ich möchte die Oma, den Papa, ein Geschwisterchen, wer auch immer betroffen ist, dort besuchen, dann gehen wir davon aus: Das, was das Kind möchte, ist das, was richtig ist. Weil die Kinder selbst am besten spüren, was sie sich zumuten können und was nicht.

Jetzt gibt es aber Kinder, die sehr ängstlich sind und von vornherein sagen. Ich will da nicht mit!
Das sollte man so akzeptieren. Zwang hat keinen Sinn.

Wie kann ich dann helfen?
Das Wichtigste ist, dass die normale Umgebung dem Kind Sicherheit bietet. Wenn zum Beispiel die Mama, die Oma oder die Tante krank ist, sollten die anderen wichtigen Bezugspersonen einfach für das Kind da sein und nach seinen Wünschen fragen. Wenn das gegeben ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit am größten, dass das Kind von sich aus sagt, ich gehe mit. Ein Zugang können Blumen sein oder ein Kuchen, den man gemeinsam backt und dann dem Palliativpatienten vorbeibringt.

Wenn der Tod dann tatsächlich eingetreten ist, soll man ihn beim Namen nennen? Wie erklärt man ihn dem Kind?
Ich persönlich halte nichts davon, das mit anderen Worten zu umschreiben. Wenn ich dem Kind sagen würde, ein Mensch schläft nur, dann würde dieser ja irgendwann wieder aufwachen. Erwartungen würden geweckt, die nicht erfüllt werden können. Das halte ich für gefährlich.

Das Kind kann die Wahrheit verkraften?
Es tabuisiert den Tod ja noch gar nicht. Es ist noch nicht von unseren kulturellen Vorstellungen und Zwängen beeinflusst. Es geht meist viel natürlicher und damit viel offener auf die Dinge zu. Auch auf den Tod. Deshalb ist es gut und wichtig, dass wir den Tod auch benennen. Wir selbst haben bei diesem Thema ja auch viele offene Fragen. Das kann man dem Kind ruhig so vermitteln.

Die Unwissenheit also ehrlich zugeben.
Ich muss als Erwachsener nicht fertige Antworten haben. Ich muss vielmehr ein offenes Ohr haben. Und ich muss bereit sein, auf das Kind und seine Fragen einzugehen. Das versuchen wir, den Bezugspersonen zu vermitteln. Fragen zu stellen und ehrliche Antworten zu erhalten - das ist die Art des Kindes, all das zu verarbeiten. Ob das Kind den Verstorbenen sieht oder nicht, ist zweitrangig.

Sollen Kinder den Verstorbenen denn sehen?
Auch das ist eine Entscheidung, die das Kind treffen muss. Man sollte es dem Kind aber vorschlagen. Nur so kann man Ängste aus dem Weg räumen.

Gibt es ein Mindestalter für den Blick auf einen toten Menschen?
Das hat mit dem Alter überhaupt gar nichts zu tun. Wichtig ist allein der Zugang zu dieser Situation: ein Kleinkind zum Beispiel nicht ans Totenbett hinschieben, sondern auf den Arm nehmen, mit Blumen, einem Bild, das das Kind gemalt hat und so weiter. Eine Brücke schaffen - dann funktioniert es. Aber nochmal: Wenn ein Kind sagt, ich male dem Opa ein Bild, aber sehen möchte ich ihn nicht, dann ist das okay. Eine Traumatisierung entsteht durch Zwang.

Haben Sie selbst Kinder?
Ja, ich habe drei Kinder.

Wie sind da Ihre Erfahrungen mit dem Thema Sterben?
Das Kind dankt einem die Offenheit. Ich habe es bei meiner ganz kleinen Tochter gesehen. Die hat im Kindergarten den Todesfall eines anderen Kindes erlebt. Interessant war, wie die Kinder miteinander über diesen Fall gesprochen haben. Die saßen auf der Schaukel und haben sich über das verstorbene Kind unterhalten: Er hat doch auch immer so gern geschaukelt. Er ist jetzt da, wo meine tote Katze ist. Die Kinder untereinander sprechen da auch ganz offen darüber. Das sollte man als Erwachsener unterstützen. Offene und ehrliche Gespräche - dann können einem die Kinder auch ganz viel Leichtigkeit zurückgeben. Für die Hinterbliebenen kann ein Kind auch eine wohltuende Stärkung sein.

Erwachsene haben oft Angst, den Kindern gegenüber Schwäche zu zeigen.

Das stimmt leider. Dieses Denken, ich muss meinem Kind gegenüber eine Antwort haben. Dieser Anspruch der Erwachsenen, dem Kind in puncto Wissen überlegen zu sein: Das muss man einfach ablegen im Angesicht des Todes.

Was hilft Kindern, wenn der Verlust sie schmerzt?
In erster Linie Geborgenheit, aufgefangen werden in der Familie. Gemeinsam etwas tun: z. B. Basteln, Malen, ein Buch zum Thema lesen. Man gibt dadurch dem Kind noch einmal die Möglichkeit, sich zu äußern. Das ist ja letztlich bei Erwachsenen auch so. Ich denke da an Musiktherapie, Kunsttherapie und solche Angebote zur Verarbeitung.

Abschließend noch eine Frage zu Jugendlichen. In diesem Alter will man cool sein. Da passt so ein Todesereignis gar nicht dazu. Was raten Sie hier?
Auch da sind die Bezugsperson das allerwichtigste Bindeglied. Ein Zugang, das zu verarbeiten, geht daneben über Gleichaltrige. Trauergruppen sind da etwas sehr Sinnvolles.

Das Gespräch führte Matthias Litzlfelder.


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