Als die Temperaturen vergangene Woche noch einmal auf über 35 Grad stiegen und ganz Deutschland um die Wette schwitzte, saßen die Mitarbeiter des Nürnberger Unternehmens Behringer Dittmann bei angenehmer Kühle in ihren Büroräumen. Doch nicht etwa eine strombetriebene Klimaanlage war am Werk. Gekühlt wird hier mit Wärme. Mit Erdwärme.

Für manche der rund 50 Mitarbeiter im Verwaltungsgebäude der Bohrfirma zu gut: "Einige haben sich sogar beschwert, dass es in den Räumen zu kalt wurde", sagt Wilhelm Sittner, Prokurist und Fachmann für Bohrtechnik. Durch die Böden und Decken der Zimmer fließt durch Rohre kühles Wasser. Kühle, die aus dem Erdboden stammt. Und die eine herkömmliche Klimaanlage überflüssig macht: Die unmittelbar unter der Erdoberfläche steckende Wärme kann nämlich beides: Im Sommer kühlen, im Winter heizen.

Erst ein Prozent der Haushalte in Bayern nutzen oberflächennahe Wärme aus dem Erdreich. "Dabei ist gerade hier das Einsparpotenzial enorm", sagt Marcellus Schulze, Geologe am Bayerischen Landesamt für Umwelt in Hof. Denn schon in wenigen Metern Tiefe hat das Erdreich ein gleichbleibendes Temperaturniveau von acht bis zehn Grad Celsius.

Hohe Anschaffungskosten

Oberflächennahe Geothermie lasse sich an fast jedem Ort in Bayern nutzen, sagt Marcellus Schulze. Alles was oberhalb von 400 Metern Tiefe liegt, kann zur direkten Wärmeversorgung von Großgebäuden wie Krankenhäusern, Schwimmbädern oder Schulen beitragen. Doch auch Ein- und Mehrfamilienhäuser könnten in viel stärkerem Ausmaß profitieren als bislang.

Abhängig von geologischen Faktoren und dem oberirdischen Platzangebot stehe für alle Gegenden eine geeignete Technik zur Verfügung: Erdwärmekollektoren für geringe Tiefen, weit ins Erdreich hinabreichende Wärmesonden und Grundwasser-Wärmepumpen zur Förderung von oberflächennahen Wasservorkommen.

"Gerade Erdwärmesonden sind zum Kühlen hervorragend geeignet", sagt David Bertermann vom Lehrstuhl für Geologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Die Bodenwärme um zehn Grad Celsius bringe die Luft in Räumen auf angenehme Temperaturen, und habe mit der "künstlichen Kälte aus herkömmlichen Klimaanlagen" nichts zu tun.

In den kalten Wintermonaten kann aber auch geheizt werden: Dann sorgen Wärmepumpen für Zimmertemperaturen von knapp über 20 Grad Celsius. Der Vorteil gegenüber anderen Heizsystemen, zum Beispiel Luftwärmepumpen: Eine wesentlich geringere Temperaturdifferenz für die Erdwärmepumpen.

Die Anlagen sind in der Anschaffung durchschnittlich ein Drittel teurer als konventionelle Heizsysteme. Entscheidet man sich etwa beim Neubau eines Einfamilienhauses für eine Erdwärmesonde, fallen alleine für die Bohrung Kosten von knapp 8000 Euro an. Die Wärmepumpe schlägt mit rund 12 000 Euro zu Buche. Zusammengerechnet müsse man eine Summe zwischen 22 000 und 26 000 Euro veranschlagen, sagt Wilhelm Sittner von der Bohrfirma Behringer Dittmann. Geringe Betriebskosten würden die Anschaffung aber in jedem Fall lohnenswert machen: Jährlich fielen dann für ein Einfamilienhaus Heizkosten zwischen 600 und 700 Euro an, bis zu 1000 Euro weniger als bei sonst üblichen Heizsystemen.

Boom bis zur Finanzkrise

Vollkommen risikolos ist auch die Nutzung der oberflächennahen Geothermie nicht. Um Erdbewegungen zu vermeiden, müsse auf Grundwasserfelder und Hohlräume im Boden Rücksicht genommen werden, sagt Marcellus Schulze. Die größten Defizite habe man aber in der Informationspolitik der Bürger: "Anders als bei Öl- und Gasheizungen kennen sich die Leute bei den Möglichkeiten der Erdwärme kaum aus."

Wilhelm Sittner von der Nürnberger Bohrfirma Behringer Dittmann sieht die Arbeit der Behörden eher als Hindernis denn als Stütze der Geothermie: "Mittlerweile gibt es da einfach zu viele Vorschriften und Regulierungen", sagt er. "Außerdem haben wir im Bereich der Erdwärme nur eine sehr schwache Lobby in Deutschland, ganz anders als bei der Solartechnik."

Dabei waren die Zeiten in der Branche schon anders: In den Jahren 2005 bis 2007 habe geradezu ein Boom geherrscht, sagt Marcellus Schulze. Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sei die Nachfrage dann bei Ein- und Mehrfamilienhäusern eingebrochen. Derzeit kommen bayernweit jährlich rund 6000 Anlagen zur Nutzung von oberflächennaher Geothermie hinzu, vor allem beim Bau von Großgebäuden sei das Interesse weiter groß.

David Bertermann von der Uni Erlangen-Nürnberg sieht den richtigen Weg bereits eingeschlagen: "Bis vor einigen Jahren war der Handlungsbedarf einfach noch nicht so groß", sagt er. "Doch durch die neuen politischen Vorgaben im Bereich der erneuerbaren Energien muss es jetzt zwangsläufig auch stärker in Richtung der oberflächennahen Geothermie gehen."

Bertermann leitet seit 2010 das EU-Projekt Thermomap. Institute aus neun Ländern sind an dem Vorhaben beteiligt. Mit knapp vier Millionen Euro wird das von der EU-Komission in Gang gebrachte Projekt finanziert. Das internationale Team entwirft detaillierte Wärmelandkarten, aus denen schnell ersichtlich werden soll, wo welche Technik zum Einsatz kommen kann. Es soll voran gehen im Bereich der oberflächennahen Geothermie.