Memmelsdorf
Geschäft

Er liefert Koffer und Bomben für den Knast

Werner Massak ist deutscher Marktführer unter den Lieferanten für Gefängnisse. Er versorgt den Großteil der Vollzugsanstalten und hat damit gut 50 000 "feste" Kunden.
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Werner Massak mit Koffer, Bombe, Ziegel und seinem Warenkatalog für Gefängnisse Foto: Anette Schreiber
Werner Massak mit Koffer, Bombe, Ziegel und seinem Warenkatalog für Gefängnisse Foto: Anette Schreiber
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"Bamberg ist unser Familiengefängnis und wird es immer bleiben", sagt Werner Massak. Mit der Justizvollzugsanstalt Bamberg nämlich hat die "Gefängniskarriere" des Großhandelskaufmanns begonnen. Er war schon so oft im Knast, dass er sich fast jede Straftat leisten könnte, schmunzelt der 59-Jährige. Er geht regelmäßig und vor allem freiwillig - weil geschäftlich - ins Gefängnis.

Zwei Drittel seines Umsatzes macht er in den Justizvollzugsanstalten den Republik: Von 180 Anstalten beliefert der Litzendorfer 140. Marktführerschaft also. Die Anfänge der "Koffer" und "Bombe", die Massak in die Gefängnis-Läden dieser Republik liefert, liegen in der Welterbestadt.

Eigentlich ist Massak eher zufällig ins Gefängnis gekommen. Seit 1994 in der Lebensmittelbranche selbstständig, betreibt er fünf Märkte in der Region Bamberg.
In Hallstadt und in Strullendorf werden Nummer sechs und sieben folgen.

Es war 1997 ein guter Bamberger Kunde, der ihn auf die Geschäftsidee mit dem Gefängnis gebracht hatte. Der Vollzugsbedienstete fragte, ob Massak nicht die JVA Bamberg beliefern könne; man sei hier mit dem Lieferanten unzufrieden.

Werner Massak nahm an, es gehe um die Versorgung der Behördenkantine mit Wurst und Fleisch. Das hielt er für schlecht machbar. Zwei Jahre lang bohrte der Kunde weiter. Weil es ein guter Kunde war, wollte Massak ihn nicht vergraulen und ging zum Anstaltsleiter. Da erfuhr er, dass es um die Belieferung der Gefangenen, also um den so genannten Gefangeneneinkauf ging. Da klang die Sache schon interessanter für den Kaufmann.

Massak sah sich die Verkaufsfläche an: zwei Räume, "Einrichtung wie im Tante-Emma-Laden um 1900". Er sagte zu und gestaltete die Verkaufsfläche um. Das war 1999. Ein dreiviertel Jahr später - "wir hatten uns offenbar bewährt" - bekam er den Zuschlag für eine zweite Anstalt und dann ging es Schlag auf Schlag. Mittlerweile hat das Geschäft mit den Gefängnis-Läden die Einkaufsmärkte überflügelt.

Alle drei bis vier Jahre schreiben die Anstalten neu aus. Das heißt, dass sich der Litzendorfer stets neu bewerben muss. Die bunten Nadeln auf der Deutschlandkarte in Massaks Besprechungszimmer zeigen, welche Anstalten er beliefert und die wenigen, die ihm noch fehlen.

In den vergangenen Jahren hat er nicht nur den Gefängnismarkt erobert, sondern auch viel über diese ganz eigene Geschäfts-Welt gelernt. "Zuverlässigkeit ist in diesem Metier das A und O", sagt er. Wenn beispielsweise Ware, auf die sich die Gefangenen freuen, nicht kommt, ist die Enttäuschung groß und die Stimmung entsprechend schlecht. Eine heikle Sache im Gefängnis.

Von Memmelsdorf und seinem weiteren Logistikzentrum in Löhne (NRW) aus versorgt der Wahl-Litzendorfer deutschlandweit circa 50 000 Kunden hinter Gittern. "Es ist die Zufriedenheit der Kunden im Knast, die mich beflügelt."

In Bamberg hat Massak mit einem Grundsortiment von 250 Artikeln angefangen. Alles läuft hier seit jeher bargeldlos in einem ausgeklügelten Abrechnungssystem. Es gibt Sichteinkauf, das heißt, die Kunden sehen, was sie kaufen. Und es gibt den Bestelleinkauf, bei dem die Ware per Liste geordert und zum Teil bis in die Zelle geliefert wird. Einkäufe gibt es je nach Anstalt an einem oder bis zu vier Tagen im Monat. Selbstredend unter strengsten Sicherheitsvorkehrungen: Kontrollen von Gefangenen, Liefer-Lkw und Massak-Mitarbeitern. Aufwand, der die Ware im Gefängnis-Laden teurer als in den Märkten macht.


Wichtig für die Stimmung

Zwischenzeitlich macht der Sichteinkauf übrigens nur noch einen Anteil von 20 Prozent aus. Auswählen können die Vollzugsanstalten aus Massaks Produkt-Katalog mit derzeit 3000 Artikeln diejenigen, die ihre Gefangenen kaufen dürfen. In Gesprächsrunden mit Gefangenenvertretungen fragt Massak regelmäßig ab, ob sein Angebot sich mit dem Nachgefragten deckt. Kundenzufriedenheit ist hier fast noch wichtiger als draußen: "Sie glauben gar nicht, wie sich das intern auswirkt."

Für ihren Einkauf kreuzen die Gefangenen beim Bestelleinkauf auf einer Liste die gewünschten Artikel an. Anhand der Liste wird der Einkauf in Memmelsdorf zusammengestellt und jeweils in eine Kiste gelegt, also kommissioniert. Aus Sicherheitsgründen enthalten die Bestell-Listen nur Nummern und keine Namen, "damit nichts eingeschmuggelt werden kann." Massak muss da rigoros sein und gesteht zu, dass er auch schon Mitarbeiter entlassen musste, wenn die sich nicht an die Vorschriften gehalten haben.

Tabu ist in allen Gefängnissen Alkohol in jeder Form. Naturgemäß stehen den Gefangenen keine großen Geldsummen zur Verfügung - zwischen 50 und 120 Euro. Deswegen sind Billigprodukte besonders gefragt.
Die begehrtesten Artikel nach Tabak (Anteil 50 Prozent) sind Kaffee (25) und Briefmarken. Tabak gibt es als "Koffer" also 30 Gramm, oder "Ziegel" (200 Gramm), wobei Massak hier eine Eigenmarke in Holland produzieren lässt. "Bombe" wiederum wird der Kaffee genannt.

Vieles hat der findige Unternehmer für das Geschäft mit den Gefängnissen selbst entwickelt. Ein nächstes Projekt sind spezielle Gefängnis-Fernseher mit durchsichtigem Gehäuse. Da steht er in Verhandlungen.

Man merkt, wie sehr Massak in den zwei Welten von Einkaufsmarkt draußen und Einkaufsladen im Gefängnis daheim ist. Ein ganz besonderes Verhältnis hat er nach wie vor zu seinem m kleinsten Kunden unter den Gefängnissen, der JVA Bamberg. Dort grillt er bei der Sandkerwa auf eigene Kosten für die Gefangenen. "Mit Bamberg hat es schließlich angefangen. Bamberg ist und bleibt unser Familien-Gefängnis." Ehefrau Isabelle lächelt wissend, schließlich unterstützt bereits Sohn Boris den Vater auch im Knast.
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