Als Christoph Thiele öfter mit Soldaten zu tun bekam, merkte er, "da sind hochrespektable Leute dabei, die alles andere vorhaben, als Leute zu erschießen. Es geht um Friedenssicherung, im Extremfall darum, einer unkontrollierten, zerstörerischen Gewalt eine Grenze zu setzen." Wie in Afghanistan. Der 49-Jährige ist seit acht Jahren evangelischer Militärpfarrer, vergangenes Jahr ging er für sechs Monate nach Kabul.
Er entschied sich dafür genauso überzeugt, wie er vor 30 Jahren den Wehrdienst verweigerte. "Ich war in jungen Jahren fest entschlossen, meine Energie möglichst effektiv für den Frieden einzusetzen." In einer Pfarrstelle in Mecklenburg-Vorpommern hatte er zum ersten Mal mit dem Militär zu tun. Ein Soldat kam und wollte wissen, ob er die Kirche am nächsten Tag mit seinen Kameraden besichtigen dürfe. "Selbstverständlich", sagte Thiele und wunderte sich nur, warum die Soldaten ihren Kaffee selbst mitbringen wollten - bis am nächsten Tag eine ganze Kompanie auf dem Kirchplatz aufmarschierte. Der Pfarrer lächelt, erzählt, dass er nach dieser Begegnung sein schlechtes Bild vom Militär revidierte.

Karate und Bibel


Das Leben habe ihn gelehrt, dass es eine Illusion ist, ohne Verteidigung auszukommen. "Das ist die Wandlung, die ich vollzogen habe. Ich wurde angegriffen und habe daraus gelernt. Jesus hat nicht gesagt: ,Lass dich verprügeln.' Meine Sportart ist Karate." Thieles Respekt vor denen, die von Berufs wegen andere verteidigen, spricht aus jedem Satz. Genauso unüberhörbar ist die Soldatensprache: mit vielen der für Zivilisten unverständlichen Bundesweh rabkürzungen, mit der Betonung von Kameradschaft und Dienen.
Dass er eigentlich ein Diener Gottes ist, sieht der Pfarrer nicht als Widerspruch. "Jesus Christus ist mein oberster Kommandeur." Der oberste Kommandeur hat Thiele dazu berufen, Militärseelsorger zu werden. Auslandseinsätze sind die logische Konsequenz - zu diesem Schluss kam der Pfarrer gemeinsam mit seiner Frau. "Wenn man den Anspruch hat, Soldaten in jedweder Hinsicht zu begleiten, muss man mit ihnen gehen."

Tarnfleck mit Priesterkragen


Er kramt sein Handy aus der Jackentasche und zeigt Fotos: Camp Warehouse, eine Militärbasis der internationalen Schutztruppe Isaf, einige Kilometer vom Zentrum der Drei-Millionen-Stadt Kabul entfernt. "Es ist sehr trocken, Wüstenklima auf 1800 Metern Höhe", sagt Thiele mit Blick auf das Foto der staubigen Umgebung. Alte Gebäude wie ein Wasserturm im Hintergrund, davor Container.
Thiele hatte eine Unterkunft für sich allein, die gleichzeitig als Pfarrbüro diente. Auf einem Foto steht er vor dem Flachbau - in Tarnfleck und Sonnenbrille ist der Pfarrer nur am weißen Kragen erkennbar. "Das ist keine Sonnenbrille, sondern eine schusssichere Brille. Weil man festgestellt hat, dass die meisten tödlichen Verwundungen durch Splittereinwirkung im Augenbereich entstehen." Beim Einsatz in Afghanistan sind bisher 52 deutsche Soldaten gestorben.
Thiele blättert auf dem Hand ydisplay zurück: "Das ist mein Unterstützungssoldat." Weil er selbst nicht bewaffnet ist, wird ein Militärpfarrer immer begleitet. Der Tod ist ebenfalls ein ständiger Begleiter. Als Seelsorger half Thiele den Soldaten, das zu verarbeiten. "Natürlich bewegt es die Leute, wenn ein Kamerad fällt." Thiele runzelt die Stirn. "Das ist so eine zweischneidige Angelegenheit", er zögert, "weil - man will das Thema wieder loshaben."
Er erzählt von den Trauerappellen, nachdem am 18. Februar drei deutsche Soldaten erschossen worden sind. "Alle haben wir darauf gewartet, dass der Appell endlich kommt, und dann Schluss, vorbei, weiter geht's." Thiele war von sich selbst überrascht. Im Einsatz ist kein Platz für langes Sinnieren über den Tod. "Zu Hause kann man sich leisten, zu trauern."

Bodenschätze, Glaubensbrüder


Zu Hause werde aber nur registriert, wenn es in Afghanistan knallt. "Die Erfolge, zum Beispiel bei der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte, werden nicht gesehen." Für etwa 350 Deutsche war er in Afghanistan zuständig - fast so viele, wie ab 1. Februar abgezogen werden. Die deutsche Wahrnehmung des Einsatzes ärgert den Gottesmann. Zum Beispiel, wenn Leute das internationale Engagement auf afghanische Bodenschätze zurückführen. "Da sage ich nur: Hoffentlich gibt es da ordentlich Bodenschätze, die sind auch dringend notwendig - aber nicht für den Westen, sondern fürs afghanische Volk." Dass die Wirtschaft im Land in Gang kommt, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für dauerhafte Ruhe. "Aber immer wieder kommt diese perfide Unterstellung, dass wir das Land nur ausbeuten wollen. Eine riesengroße Frechheit!"

Künftig Schäfchen ohne Tarnanzug


Thiele regt sich auf. "Die Soldaten riskieren ihr Leben. Das habe ich ja auch gemacht. Und das habe ich gemacht für unsere afghanischen Brüder." Ein mildes Pfarrerslächeln erscheint: "für unsere Brüder und Schwestern im Glauben, denn der Islam ist eine Bruderreligion des Christentums." Die Islamisten missbrauchen die Religion, gegen sie müssten die Afghanen verteidigt werden. "Wer das Ziel hat, Gott zu dienen, dient automatisch den Schwachen."
Dabei wird Thiele die Soldaten wohl nicht noch einmal unterstützen: Militärseelsorger ist ein zeitlich befristete Aufgabe - außerdem bleibt nach der Bundeswehrreform vom Standort Roth nicht viel übrig. Pfarrer Thiele wird dann irgendwo Schäfchen ohne Tarnanzug hüten.


Afghanistan-Einsatz

Mandat Seit dem Beschluss des Bundestags im Dezember 2001 beteiligt sich die Bundeswehr an der "International Security Assistance Force" (Isaf-Schutztruppe).

Abzug Ab 1. Februar wird die Truppe erstmals reduziert: von 5350 auf 4900 Soldaten.