Bamberg
Interview

"Ehrenamtliche müssen sich gegenüber Leid abgrenzen"

Bei der Versorgung und Betreuung von Flüchtlingen spielen ehrenamtliche Helfer eine wichtige Rolle. Aber wie geht es den Helfern dabei selbst?
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Die engagierten Helfer von "Freund statt" machen sich in der Flüchtlingsarbeit sehr verdient.  Foto: Jens Wolf,dpa
Die engagierten Helfer von "Freund statt" machen sich in der Flüchtlingsarbeit sehr verdient. Foto: Jens Wolf,dpa
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Ohne das Engagement ehrenamtlicher Helfer wäre Deutschland bei der Versorgung von Flüchtlingen wohl weit hinter den eigenen Ansprüchen zurückgeblieben. In ihrer psychotherapeutischen Arbeit begegnet Birgit Gass aber immer wieder Helfern, die sich selbst sowohl emotional als auch zeitlich dramatisch überfordern.
Gass hat in Bamberg Psychologie studiert und arbeitet heute als psychologische Psychotherapeutin in München. Als Supervisorin in der Flüchtlingshilfe ist sie für die Johanniter und die Caritas tätig. Mit der Universität Bamberg ist sie durch einen Lehrauftrag weiter verbunden.

Weshalb brauchen Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, ihrerseits Hilfe?
Birgit Gass: Eine Supervision kann notwendig sein, damit der Einsatz der Helfer für die Flüchtlinge überhaupt hilfreich ist. Damit die Helfer die Flüchtlinge unterstützen können, müssen sie sich selbst wohlfühlen in dem, was sie da tun. Dazu gehört, dass sie lernen, nicht über ihre Grenzen zu gehen und auch lernen, sich vom Leid und Schicksal der Flüchtlinge abzugrenzen.

Fällt diese Abgrenzung schwer?

Viele Helfer waren und sind quasi Tag und Nacht erreichbar. Sie sind beinahe schon zu sehr engagiert, sowohl was den zeitlichen als auch den emotionalen Einsatz anbelangt. Ich kenne Helfer, die praktisch ihren Alltag aufgegeben haben, dauerhaft zu wenig schlafen und auch ihre Hobbys an den Nagel gehängt haben. Das nenne ich überengagiert. Und dann sind sie mit großem Leid konfrontiert: Die Flüchtlinge haben Kriege erlebt, Folter und oft auch eine traumatisierende Flucht. Wenn sich die Helfer davon nicht abgrenzen können, drohen sie selbst traumatisiert zu werden.

Mit welchen Symptomen?
Abgeschlagenheit, Nervosität, Schlaflosigkeit und Ängsten.

Ist dieses Sich-Abgrenzen erlernbar?
Das müssen im Grunde alle Menschen lernen, die in sozialen Berufen tätig sind. Man muss natürlich den Gegenüber in seinem Leid wahrnehmen und soll ihm helfen. Aber als Helfer sollte man es unbedingt vermeiden, selbst mitzuleiden.

Was genau ist unter einer Supervision zu verstehen?
Das Wort bedeutet so viel wie "Überblick". In meinen Gruppen besprechen wir konkrete Fälle aus der Flüchtlingshilfe. Ich möchte den Helfern die Möglichkeit geben, über ihre Probleme zu reden und sich mit anderen Helfern auszutauschen. Das Ziel ist es, dass sie später besser mit dem Gefühl der Überforderung, mit Hilflosigkeit und Enttäuschung umgehen können.

Enttäuschung?

Viele Helfer fühlen sich von den Flüchtlingen gekränkt und enttäuscht. Ein typisches Beispiel ist, wenn die Helfer Kurse oder Angebote organisieren, diese von den Flüchtlingen aber nicht wahrgenommen werden.

Diese Dynamik gleicht der zwischen einer Mutter und ihrem vermeintlich undankbaren Kind.
Da gibt es Gemeinsamkeiten.

Wie können Helfer aus der Spirale der Enttäuschungen heraustreten?
Problematisch wird es, wenn Helfer die Flüchtlinge auf ihre Opferrolle reduzieren. Das geht regelmäßig mit einer Art Bevormundung einher. Die Helfer glauben dann zu wissen, was die Flüchtlinge wirklich brauchen. Nicht selten gehen die Angebote aber an den Bedürfnissen der Flüchtlinge vorbei. Flüchtlinge berichten mir immer wieder, dass viele Helfer besonders ihre Hobbies anbieten und gar nicht verstehen, dass diese die Flüchtlinge gar nicht interessieren. Fahrradtouren zum Beispiel.

Das heißt, die Helfer sollten besser auf die Bedürfnisse eingehen?
Sie sollten Flüchtlinge auf alle Fälle ernst nehmen. Die Hilfe muss auf Augenhöhe stattfinden. Man sollte die Flüchtlinge fragen, welche Angebote ihnen denn wichtig sind, was ihnen bei der Integration am stärksten nützt. Wenn ich darüber hinaus jemanden ernst nehme, muss ich ihn auch nicht wie ein ein rohes Ei behandeln. Andere Enttäuschungserfahrungen lassen sich mit pragmatischen Überlegungen revidieren.

Zum Beispiel?
In München haben Helfer Stofftiere für Flüchtlingskinder gesammelt. Als diese später mit ihren Familien in andere Einrichtungen umziehen mussten, wurden viele dieser Stofftiere liegen gelassen. Das hat viele Helfer entsetzt. Wenn man sich aber in Gedanken ruft, wie wenige Taschen und Koffer die Flüchtlinge zur Verfügung haben und auch, auf wie begrenztem Raum sie leben, wird das Zurücklassen der Stofftiere schnell erklärbar.

Nach den Attentaten in Ansbach und Würzburg hat sich das öffentliche Sprechen über Flüchtlinge verändert. Haben in der Folge viele Helfer ihre Arbeit beendet?
Das kann ich so nicht behaupten. Wenn Helfer ihre Arbeit beenden, dann in der Regel aus dem Gefühl der Überforderung und der Enttäuschung heraus. Der öffentliche Diskurs über Flüchtlinge spielt da keine Rolle.

Hat sich der Staat beim Management der Flüchtlingskrise zu sehr auf Ehrenamtliche verlassen?
Ich halte die scharfe Trennung zwischen Staat und Ehrenamtlichen für falsch. Wichtig ist jetzt , dass den Helfern ihrerseits geholfen wird. Eine Supervision kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten.

Das Gespräch führte
Christoph Hägele.
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