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Diskussion

Die schwindende Lust an Olympia

Zwei informative Stunden zu der Themenpalette Sportpolitik, Doping und sportlicher Gigantismus boten Marcel Reif und Anno Hecker im Audimax.
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Marcel Reif (Mitte) und Anno Hecker diskutieren im Audimax, links Moderator Philipp Lang. Fotos: Bertram Wagner
Marcel Reif (Mitte) und Anno Hecker diskutieren im Audimax, links Moderator Philipp Lang. Fotos: Bertram Wagner
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"Nach den drei Tagen in Pjöngjang wusste ich, was Freiheit bedeutet", formulierte Marcel Reif, als er jüngst von einer Reise aus Nordkoreas Hauptstadt zurückkehrte. Er sollte mit einem Seminar zum Thema "Emotionen" Anschub-Hilfe in dem Land leisten. Ein schwieriges Unterfangen: "Gewiss wird der Sport zunehmend mehr gefördert, das Problem ist das Organisieren und Umsetzen. Wenn kein Anflug von Ironie vorhanden ist, dann ist auch eine emotionale Berichterstattung sehr schwierig!"

Bei der vom Arbeitskreis Politikwissenschaft organisierten Veranstaltung zum Thema "Sport und Politik - eine Interdependenz?" nahmen Marcel Reif, einer der renommiertesten Sportmoderatoren Deutschlands, und Anno Hecker, bundesweit bekannt für seinen investigativen Journalismus zur Doping-Problematik, im Audimax der Universität kein Blatt vor den Mund und erläuterten die Vertrauenskrise im Sport mit eindrucksvollen Beispielen.

Der 67-Jährige Reif, dem es auch nach seinem Reporter-Ende mit Sky angesichts vieler Kolumnen und Expertengespräche nicht langweilig ist, belegte mit den Städten München, Hamburg und Oslo, dass die westlichen Staaten immer weniger Lust auf den olympischen Gigantismus haben. "Sportliche Großereignisse nur noch in autokratischen Ländern? Nur noch da, wo man nicht fragen muss!", warf er in den Raum. Kopfschütteln über den Sommerkurort Sotschi mit Winterspielen, der Handball-WM in Katar, wo plötzlich mit eingebürgerten Assen aus Europa eine neue "Handball-Macht" entstand.
Die "Lagerfeuer-Events" seien vorbei und in diesem Zusammenhang ordnete Marcel Reif die Fußball-WM in Italien (1990) und die olympischen Winterspiele in Lillehammer (1994) in seiner persönlichen Topliste ganz oben ein. "Das waren Gesamtkunstwerke, so sollte es sein!"

Als Aktiver kickte Reif sogar in der 2. Liga (Mainz-Meisenau), aber auch auf dem grünen Rasen ist er nicht mehr zu sehen: "Man sollte seine eigene Legende nicht gefährden", scherzte er, freue sich aber, wenn er beim Basketballspielen mit seinen Söhnen mal ein paar Dreier versenke, da diese kurzfristig ein glaubwürdiges Element in puncto Erziehungsmaßnahmen seien. Sprachlos blieb Marcel Reif nur bei einer Frage von Moderator Philipp Lang: Was kann der Sport von der Politik lernen? Nach reiflicher Überlegung: "Nichts!"

Und die Politik vom Sport? "Da der Staat große Probleme wie Integration auf den Sport abwälzt, besteht für den Sport auf diesem Gebiet die Chance, seine Bedeutung immens zu steigern. Zudem sollte die Politik in den kleinen Sport gehen, da geht es um Fairness und Ehrlichkeit, in der Spitze auch um Durchsetzungsvermögen!", forderte Anno Hecker. Der FAZ-Ressortleiter Sport bejahte auch, dass es Druck auf Journalisten gebe, weniger international erlebt als im lokalen Geschehen. Vor allem beim Thema Doping legte er die Finger in die Wunde - trotz Kontrollen und biologischem Pass.

In seiner Retrospektive ging Hecker auf die verschiedenen Phasen eines Sportlers ein, beginnend mit Talent und Kadergruppen über das Profi-Dasein bis zum "Arbeits- und Champions-Doping". Neben dem Zwangsdoping im Osten in ausgewählten Sportarten würden Geständnisse und Erzählungen eindeutig belegen, dass es auch im Westen ohne Doping nicht ging. Und nannte so bekannte Namen im "Freiburger Netzwerk" wie Joseph Keul und Armin Klümper. "Keinem Arzt wurde die Approbation entzogen!"

Auch wenn heute viele Spitzenfunktionäre das " kein Doping mehr" betonen, bezweifelt Hecker diese Ehrlichkeit. Er hatte einige groteske Geschichten parat: Verschwundene Doping-Proben in Sotschi, viele "herausgefilterte" Athleten von Olympia 2008/2012 und nur 25 Länder betreiben das Anti-Doping-System. Last but not least: 50 von 170 Epo-Varianten sind unbekannt und Anabolika spielen immer noch eine große Rolle! In diesem Zusammenhang erfahren ministerielle Forderungen nach "einem Drittel mehr Medaillen" eine besondere Bedeutung.
Die beiden Referenten überzeugten im Audimax mit ihrer Glaubwürdigkeit und ihrem reichen Erfahrungsschatz, aufgebaut und hautnah erlebt in den letzten Jahrzehnten.
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