Clownesse Sandy betätigt sich in ihrer Freizeit gern als Bäckerin: "Ich backe auch dreistöckige Torten." Torten backen in einem Wohnwagen? Kaum vorstellbar. "Doch, mein Wohnwagen ist groß. Aber zum Backen gehe ich meistens zu meiner Mama in den Wagen. Dann ist das Chaos dort und nicht bei mir", kichert Sandy und ihre braunen Augen blitzen schelmisch aus dem clowns-typisch geschminkten Gesicht. Auf die Frage, was sie denn am allerliebsten mache, bricht sie in schallendes Gelächter aus und quiekt: "Einkaufen, einkaufen, einkaufen - vor allem Klamotten. Ich kaufe immer so viel, bis kein Geld mehr übrig ist und dabei muss ich noch Weihnachtsgeschenke besorgen." In Bamberg sei sie vor einigen Tagen schon shoppen gewesen und habe endlich das erste Geschenk gefunden, strahlt sie. Das Lachen der Clownesse mit dem quietschroten Kostüm ist ansteckend, sogar das trübe Novemberwetter erscheint in ihrer Gegenwart nicht mehr so trist. Sie erzählt weiter, dass sie viel Musik höre, zum Bowling gehe, ins Kino oder sie surfe im Internet. Besonders viel Zeit verbringe sie aber mit Nähen, weil sie ihre Kostüme immer selber mache.

Führerschein für die Clownesse


Zurzeit bleibt der Italienerin wenig Freizeit, weil sie nebenbei den Lkw-Führerschein macht: "Das ist alles ein bisschen kompliziert, weil ich in jeder Stadt nur zwei Fahrstunden machen kann. Und für die Prüfung fahre ich bald nach Mailand. Die kann ich hier nicht machen, weil ich keine deutsche Staatsbürgerschaft habe." Den Führerschein brauche sie, damit sie ihren großen Wohnwagen selber ziehen darf. "Wir sind ja wie Schnecken", prustet die Clow nesse los, "wir nehmen unser Haus immer mit." Kein Zweifel, Sandy schauspielert nicht, sie ist der geborene Clown. Sie sei schon in der sechsten Generation Clown und lebe mit ihrer Familie beim Circus Carl-Busch, plaudert sie vergnügt vor sich hin. Sie habe beim Zirkus alles Mögliche ausprobiert, aber nur Clown sei für sie das Richtige.
Schwierig ist der Beruf dennoch: "Es ist einfacher, Leute zum Weinen zu bringen, als zum Lachen." Nur selten ist ihr nicht nach Scherzen zumute, aber man müsse auch dann gut gelaunt sein, wenn man zum Beispiel Zahnschmerzen hat. "Oder die Oma stirbt", wird die Clownesse auf einmal sehr ernst. "Wir haben zwei Stunden vor einer Vorstellung davon erfahren und mussten dann trotzdem lustig sein. Das war für uns alle sehr schlimm, vor allem für meinen Vater." Aber es müsse eben immer weiter gehen, fügt sie - schon wieder fröhlich - hinzu.
Neben ihr wirken die beiden jungen Ukrainer unscheinbar, wie sie in dem alten Zirkuswagen am Tisch sitzen. Jury Kovalchuk sagt, dass er in seiner Freizeit am liebsten Fußball mit den anderen Leuten der Zirkus-Crew spielt. Und Alexandra Gervey? Die Sängerin schaut Jury fragend an, sie spricht nur wenig deutsch. Jury versucht zu dolmetschen, aber er kennt das deutsche Wort für Alexandras Hobby nicht. Sie gestikuliert und Jury versucht es mit Worten zu beschreiben. Sie strickt gerne, wird das Rätsel unter Gelächter gelöst.
Eigentlich bliebe nicht viel Freizeit, erklärt Jury, auch nicht an Tagen ohne Vorstellungen. Sie müssten sich selbst um ihre Kostüme, Requisiten und die dazu gehörige Technik kümmern. "Und wir müssen in jeder neuen Stadt zuerst unsere Wohnwagen einrichten und für Strom und Wasser sorgen. Und natürlich einkaufen gehen." Manchmal gingen sie auch in die Sauna, besuchten Freunde oder besichtigten die Städte, ergänzt Jury.
Er und Alexandra sehen auf den ersten Blick kein bisschen nach glitzernder Zirkuswelt aus. Sie wirken schüchtern, sprechen sehr leise. Aber kaum geht es um Musik, verwandeln sich die beiden Sänger in selbstbewusste, lebhafte Künstler. Jury fängt an zu strahlen, wenn er vom Singen spricht. Sie müssten täglich ihre Stimmen trainieren, aber das mache ihnen viel Spaß. "Wir machen das, was wir lieben", lächelt Jury glücklich und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.
Sein Job beim Zirkus ist ungewöhnlich: Er hat keine eigene Nummer, sondern begleitet die Vorstellungen anderer Artisten mit seiner Stimme. "Die Zuschauer behaupten oft, dass ich nicht live singe", grinst er, "aber nur die Musik kommt vom Band, meine Stimme nicht." Manchmal sänge er extra ein bisschen länger, damit die Leute merken, dass das wirklich er ist. Tournee-Leiter Reto Hütter wirft ein, dass er immer eine Gänsehaut bekäme, wenn Jury die Arie "Nessun dorma" singt. "Ich selber auch", lacht Jury und fährt mit der Hand über seinen Unterarm, als wolle er die Gänsehaut wegrubbeln.

Singen im Hängen


Wie landet man eigentlich als ausgebildete Opernsänger beim Zirkus? Sie seien über Freunde dazu gekommen, erklärt Jury, und inzwischen könnten sie es sich gar nicht mehr anders vorstellen. Ein festes Zuhause hätten sie bisher noch nicht vermisst. Dann beschreibt er Alexandras Auftritt: Sie singe ebenfalls Arien, mache aber dabei noch eine Strapate-Nummer. Strapate? Ja, sie hänge an Tüchern weit oben in der Manege, während sie singt. Sie könne das sogar kopfüber, fügt Jury hinzu. Alexandra nickt, dass sei wirklich schwer. Und sie müsse sich vor jeder Show eine Stunde lang anziehen und schminken, sagt sie - diesmal auf Deutsch.
Die Winterpause beginnt für die Artisten im Dezember. "Nur wir haben keinen Urlaub", lächelt Jury, "Wir treten ab Januar bei einem Zirkus in Frankreich auf." Dass der Urlaub ausfällt, scheint die Sänger kein bisschen zu stören. Auch Sandy braucht keine langen Pausen: "Nach zwei Wochen will ich immer zurück in die Manege." Auf ihre freien Tage in Mailand freue sie sich natürlich trotzdem sehr.