Altendorf
Problem

Der "Kick" an der Altendorfer Bahnschranke

Am Übergang in Altendorf im Kreis Bamberg kommt es immer wieder zu Kollisionen mit der Beschrankung. Bemängelt wird einerseits ungenügende Warnung, andererseits geht so mancher Verkehrsteilnehmer wohl bewusst Risiken ein.
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Ein problembehafteter Bahnübergang - in Altendorf. Foto: Ronald Rinklef
Ein problembehafteter Bahnübergang - in Altendorf. Foto: Ronald Rinklef
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Die Polizei hätte eine einträgliche Stunde erlebt, der private Beobachter schier unglaublichen Nervenkitzel. Nach den vielen Vorfällen am Altendorfer Bahnübergang und unzähligen Reparatur-Aktionen schien eine Recherche vor Ort ratsam, einmal ganz ohne vorherigen Zwischenfall.

Bekanntlich werden die Schranken am Übergang regelmäßig angefahren und oft so beschädigt, dass sie in aufwändigen Arbeiten ersetzt werden müssen. Dass bereits Ersatz bereit liegt, spricht Bände. Bürger und Bürgermeister Karl-Heinz Wagner (CSU) führen in erster Linie Klage darüber, dass die Verkehrsteilnehmer nicht genügend auf die Situation vorbereitet würden, das Läuten kaum zu hören sei.

Das stimmt. Angesichts der durch einen Schilderwald im Straßenverkehr herbeigeführten Reizüberflutung, sticht das Altendorfer Tempo-30-Schild, das zudem auf das Läutwerk aufmerksam machen soll, kaum mehr ins Auge. Das Läutwerk selbst erlebte seine besten Tagen wohl in der Zeit, als Güter noch mit Rinder- oder Pferdefuhrwerken transportiert wurden. Es klingt so, als ob es jeden Moment seinen Dienst versagen würde. Läuft im Fahrzeug das Radio (selbst bei normaler Lautstärke), oder ist man von Lkw und Roller umgeben, besteht kaum die Chance es zu hören. Das ist die eine Seite, die höchstens den Ortsfremden entschuldigt.

Alle, die den Übergang regelmäßig nutzen, sollten es besser wissen und entsprechend aufmerksam, langsam und vorsichtig sein. Wer sich jedoch einmal die Zeit nimmt, und den Übergang beobachtet, erlebt Unglaubliches: Auto- und Lkw-Fahrer, die selbst bei sich senkenden Schranken noch durchpreschen, radelnde Jugendliche im Wettlauf mit den Balken, erwachsene Fußgänger, die das Bimmeln eigentlich hören sollten, und dennoch durch den Übergang sprinten.

"Den Kindergartenkindern wird es noch erklärt, dass sie beim Läuten warten müssen, kommen sie in die Schule, verhalten sie sich wie die Erwachsenen." Das ist die Beobachtung von Ingrid Habermann. Sie hat ausreichend Gelegenheit, die Vorgänge an der Schranke zu studieren, befindet sich ihre Töpferei doch in unmittelbarer Nähe. "Selbst schuld," sagt sie zu den Zwischenfällen. Kritik übt sie am Verhalten gerade der Einheimischen und Viel-Querer. Die würden sich nicht nur nicht an die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h halten, sie würden zudem das Läuten ignorieren. Teilweise habe sie den Eindruck gewinnen können, es sei ein Sport, noch schnell unter den sich schließenden Schranken hindurch zu wischen.

Sie erlebt immer wieder unglaubliche Szenen. Etwa, dass Fremde bei Ertönen des Klingeltones ordnungsgemäß anhalten, allerdings dann von Einheimischen (erkennbar am Kennzeichen) angehupt, oder gleich überholt würden. Manch einer lasse sich genau dadurch dazu verleiten, hinterher zu fahren. Andere wiederum bekommen auf dem Weg durch die sich senkenden Schranken Angst vor ihrer eigenen Courage, bremsen abrupt und setzen zurück. Was nicht selten zu Kollisionen führe. Die 50-Jährige kann offenbar aus einem reichen Fundus an unglaublichen Manövern rund um den Bahnübergang schöpfen. Auch abenteuerliche Wendemanöver, falls die Schranken etwa für drei vier Züge nach einander gesperrt bleiben, beschreibt sie.

Wenn man sich an die Straßenverkehrsordnung hält, darf nichts passieren, erklärt eine andere Frau, die ungenannt bleiben möchte, aber ebenfalls in der Nähe des Übergangs wohnt.

Ingrid Habermann jedenfalls fehlt das Verständnis für das Verhalten so vieler Verkehrsteilnehmer an der Schranke. "Wenn die Ampel Rot ist, muss man doch auch warten." Sie übt sich in Sarkasmus und bezeichnet die Vorgänge als "amüsantes Schauspiel." Mitleid hat sie mit dem armen Bahnbediensteten, der die Schranken bedient. "Das ist Stress pur." Nicht nur wegen der viel befahrenen Strecke, "hier kommt alle drei Minuten ein Zug", sondern gerade wegen der unvernünftigen Verkehrsteilnehmer. Beispielsweise habe sie erlebt, wie der Bahnbedienstgete die geschlossenen Schranken für ein Rettunsgfahrzeug mit Blaulicht schnell noch mal hochfahren ließ. Sofort seien Autos mit durchgewischt, so dass der Übergang geradeso noch vor dem durchfahrenden Zug wieder abgesperrt war. "Der wird jetzt für kein Rettungsfahrzeug mehr eigens hochmachen."

Die Nachfrage bei der Bahn ergab, dass die Umrüstung des Übergang Ende 2015 ist, eine Lichtzeichenanlage (gelbes und rotes Licht) installiert wird.


Die Erlebnisse eines Schrankenwärters in Altendorf

Caner Cengiz (38 Jahre), zu. Er ist seit März 2015 Fahrdienstleiter in Buttenheim und für den Bahnübergang in Altendorf zuständig. Er arbeitet hier in einem Drei-Schicht-System mit Schichtdauern zwischen 5, 9 oder 10 Stunden. Wir haben mit ihm über seine "Erlebnisse" in Altendorf gesprochen.

Herr Cengiz, Sie sind seit März in Altendorf tätig, welches Fehlverhalten der Übergangsnutzer beobachten Sie regelmäßig?
Cander Cengiz: Ich beobachte immer wieder, dass Autofahrer das Läutwerk nicht beachten. Auch befahren Auto- oder Lastwagenfahrer den Bahnübergang während des Schließvorgangs der Schranken. Autofahrer, die während des Läutens vor der Schranke korrekterweise stehen bleiben, werden oft von nachfolgenden Verkehrsteilnehmern mittels Hupen zum Weiterfahren aufgefordert.

Wie viele der Nutzer verhalten sich - gefühlt nach Prozenten - korrekt?
Weniger als 50 Prozent der Autofahrer verhalten sich aus meiner Sicht korrekt.

Was ist angesichts der Uneinsichtigkeit die größte Herausforderung bei der Arbeit?
Man muss beim Schließen der Schranke sehr sensibel auf das Verhalten der Verkehrsteilnehmer achten. Zum Beispiel höre ich auf die Motorgeräusche bei ankommenden Autos, um auf ein eventuelles Beschleunigen reagieren zu können.

Kann die Schranke zu jedem Zeitpunkt gestoppt werden, kann sie beim Absenken prinzipiell angehalten werden?
Ich kann den Schließvorgang jederzeit anhalten.

Wie sehen die Vorschriften aus?
Ich muss beim Schließen der Schranken den Raum zwischen den Schrankenbäumen sehr genau beobachten. Das Signal für den Zug kann nur auf Fahrt gestellt werden, wenn die Schranken geschlossen sind. Das ist technisch nur so möglich. Erst wenn ich mich versichert habe, dass der Gefahrenraum zwischen den geschlossenen Schranken frei ist, stelle ich das Signal für einen kommenden Zug auf Fahrt.

Wie lange läutet es, bis sich die Schranken senken?
15 Sekunden

Wie verkraftet man den Job angesichts leichtsinniger Verkehrsteilnehmer und der daraus resultierenden wohl auch psychischen Belastung?
In den ersten Schichten war ich vor allem während der Hauptverkehrszeiten (am Morgen und nachmittags im Feierabendverkehr) angespannt. Mittlerweile kann ich mit der Situation sehr gut umgehen.

Vielen Dank für das Gespräch
Die Fragen stellte unsere Reporterin Anette Schreiber





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