Bamberg
Sicherheit

"Geisterflugzeuge" lösen Terror-Alarm am Himmel über Franken aus

Zweimal hat es in den letzten Wochen Terror-Alarm am Himmel über Franken gegeben: "Geister-Flugzeuge" lösten den Notfallplan aus.
Artikel drucken Artikel einbetten
Jagdszenen am Himmel: Zwei deutsche Eurofighter nahmen in 11 000 Metern Höhe Tuchfühlung mit dem indischen Jet auf.  Foto: Youtube (Screenshot)
Jagdszenen am Himmel: Zwei deutsche Eurofighter nahmen in 11 000 Metern Höhe Tuchfühlung mit dem indischen Jet auf. Foto: Youtube (Screenshot)
+3 Bilder
Wer an das moderne Märchen von den "Chemtrails" glaubt, dem mag es beim Blick zum blauen Himmel mit den Kondensstreifen mulmig werden. Es gibt aber auch harte Fakten, die nicht eben beruhigend sind: Aus einer "abstrakten Terrorgefahr" kann auch im ländlichen Franken schnell eine sehr konkrete werden.

Der Ernstfall trat vor kurzem gleich zweimal ein: Passagiermaschinen galten für einige bange Augenblicke als potenzielle Terror-Flüge. Der erste Vorfall ereignete sich bereits am 16. Februar, der zweite am 10. März. Nach Auskunft der Deutschen Flugsicherung war in beiden Fällen der Funkkontakt zu einem Jet abgerissen.

Dafür gibt es - eine Folge von 9/11 - einen detaillierten Notfallplan: Die Flugsicherung verständigt das Nationale Lagezentrum für Sicherheit im Luftraum in Uedem am Niederrhein. Hier kontrollieren Bundeswehr, Bundespolizei sowie Mitarbeiter der Flugsicherung und des Bundesamtes für den Katastrophenschutz rund um die Uhr den Luftraum, um terroristische Bedrohungen abzuwehren.

Verhält sich ein Flugzeug verdächtig, verständigt das Lagezentrum die Nato, der zwei "Alarmrotten" im Bundesgebiet unterstehen. Hier sind Eurofighter der Luftwaffe rund um die Uhr einsatzbereit und binnen 15 Minuten in der Luft.


Übung und Ernstfall

Die Notfallgeschwader sind in Neuburg an der Donau und im Ostfriesischen Wittmund stationiert. Neben Übungsflügen, im Militärjargon "Tango Scramble" genannt, gibt es immer wieder auch den Ernstfall, "Alpha Scramble". Laut Christian Dewitz, Herausgeber des Bundeswehr-Magazins, hoben die deutschen Eurofighter von 2016 zu 14 Alarmstarts und 798 Übungseinsätzen ab. "Die Einsätze bleiben auf hohem Niveau", sagt Dewitz. 2015 hatte es 18 Alpha Scrambles gegeben, 2014 zehn und 2013 lediglich sieben.

Die jüngsten Vorfälle über Franken waren ernst, wenngleich sie nicht die allerhöchste Alarmstufe erreichten, die bedeutet, dass das verdächtige Flugzeug als "Renegade" eingestuft wird: mutmaßlich von Terroristen in ihre Gewalt gebracht, die die Maschine wie am 11. September 2001 in den USA als Waffe einsetzen wollen.


Sichtkontakt

Um das auszuschließen, müssen die Eurofighter schnellstmöglich Sichtkontakt mit dem Flugzeug aufnehmen. Im Fall der indischen Maschine am 16. Februar hatten die Piloten der Abfangjäger die Erlaubnis erhalten, mit maximaler Geschwindigkeit zu fliegen. Der Überschallknall ließ im Raum Bad Neustadt die Fensterscheiben klirren. Bei den Polizeidienststellen gingen viele besorgte Anrufe ein.

Nordöstlich von Frankfurt erreichten die Eurofighter die Boeing 777-300 der indische Gesellschaft Jet Airways, die im Mumbai gestartet und nach London unterwegs war. Simon Hradecky vom "Aviation Herald" hat den Vorfall minutiös protokolliert und Oberstleutnant Gero Finke vom Taktischen Luftwaffengeschwader in Wittmund die Darstellung der englischsprachigen Website bestätigt.

Danach spulten die Piloten der Eurofighter ein hundertfach geübtes und international standardisiertes Manöver ab. "Der Rottenführer schließt zu dem Flugzeug auf, positioniert sich links von der Maschine, weil da der Pilot sitzt, und nimmt Sichtkontakt auf", sagt Finke. Per Handzeichen könnten die Piloten in 11.000 Metern Höhe sogar komplexe Nachrichten wie Funkfrequenzen austauschen.


Ein Schuss vor den Bug

Der zweite Jäger bleibt hinter dem Flugzeug und greift nur im äußersten Fall ein; dieser äußerste Fall ist nach deutschen Recht ein scharfer Warnschuss, der so gesetzt wird, dass er in der Maschine nicht übersehen werden kann. Sind Terroristen an Bord, würden die Abfangjäger versuchen, das Flugzeug vom Kurs abzudrängen und zur Landung zu zwingen. Bei einem anderen Notfall, etwa technischen Problemen, würden die Piloten der Luftwaffe den Jet zu einem Flughafen begleiten.
Der Abschuss eines gekaperten Passagierflugzeuges ist nach deutschem Recht ausgeschlossen. Das Bundesverfassungsgericht hat in einem Urteil zum Luftsicherheitsgesetz 2005 eine unüberwindbare Hürde gesetzt: Die Menschen im Flugzeug dürfen nicht "geopfert" werden, um womöglich größeres Unheil abzuwenden. Egbert Hahn, Professor für Gesellschaftswissenschaften an der Universität in Frankfurt, hat dazu einen viel beachteten Vortrag gehalten; der Titel: "Von der Unmöglichkeit, im Falle der Kaperung eines Flugzeuges durch Terroristen unschuldig zu bleiben." Der Terror-Verdacht über Franken bestätigte sich nicht wie bei allen anderen Alpha-Einsätzen der Alarmrotten zuvor.


Simpler Zahlendreher

Wie der Aviation Herald berichtet, war der Funkkontakt zwischen der Luftsicherung und der indischen Maschine bereits wieder hergestellt worden, als die Abfangjäger die Boeing erreicht hatten. Wie sich später herausstellte, hatten die Besatzung der Passagiermaschine beim Wechsel von einer Funkzelle in die andere durch einen Zahlendreher den Kontakt verloren: Laut Hradecky lautete die korrekte Funkfrequenz 132.890 MHz, die Crew gab 132.980 ein.

Im Internet kursiert das Gerücht, dass die Behörden am 16. Februar besonders nervös waren: Wegen der am 17. Februar in München beginnenden Sicherheitskonferenz befanden sich zahlreiche hochrangige Politikers und Militärs im Land. Offiziell wird ein solcher Zusammenhang nicht bestätigt.


Augenzeuge in der Luft

Der Vorfall am 16. Februar, dessen Details nach und nach publik wurden, ist aus zwei Gründen markant: Die "Jagd" der Eurofighter, normalerweise ein Schauspiel, das unbemerkt bleibt, wurde von der Besatzung einer Maschine der British Airways gefilmt, die ebenfalls nach London unterwegs war und 500 Meter über dem indischen Jet flog. Das minutenlange Video der unheimlichen Begegnung am Himmel ist im Internet zu sehen.



Zum zweiten: Der Vorfall in der Luft hat sich nicht einmal vier Wochen später nach dem gleichen Muster wiederholt. Am 10. März war es erneut eine indische Maschine auf dem Weg nach London, die, in diesem Fall bereits über Ungarn, den Funkkontakt zum Boden verlor. Ungarische, tschechische Jagdflieger und schließlich wieder deutsche Jagdflieger eskortierten die Boeing 787 mit mit 213 Passagieren an Bord, die Flugroute führte auch hier über das nördliche Franken.


Verdächtige Person?

Obwohl die Verbindung laut Aviation Herald bereits im deutschen Luftraum wieder hergestellt werden konnte, übernahmen belgische und schließlich britische Jagdflugzeuge die Begleitung des indischen Jets.
Die Gründe für dieses Manöver sind unklar. Der Avitation Herald spekuliert über Missverständnisse in der Nato-Befehlskette; es gebe zudem Hinweise, dass sich eine verdächtige Person an Bord des indischen Flugzeugs befand. Zu den Indizien für diese Vermutung gehört die Tatsache, dass wegen des indischen "Geisterfliegers" am 10. März alle deutschen Atomkraftwerke, darunter auch das in Grafenrheinfeld, evakuiert wurden.



Das Protokoll


16. Februar 2017, 9.05 Uhr
(alles deutsche Zeit): In Mumbai hebt die Boeing 777 der indischen Fluglinie Jet Airways, Kennung VT-JEX mit dem Ziel London ab. An Bord von Flug 9W118: 330 Passagiere und 15 Besatzungsmitglieder

16.53 Uhr Die Maschine hat Kontakt mit der tschechischen Luftraumüberwachung.

17.04 Uhr Tschechien meldet sich beim Gefechtsstand in Kalkar-Uedem. Der Kontakt mit der indischen Maschine ist abgebrochen. Kalkar befiehlt der Nato-Alarmrotte den Start. Die Maschine ohne Funkkontakt fliegt da etwa über Brünn.

17.18 Uhr In Neuburg an der Donau starten zwei Eurofighter der Bundeswehr. Die Einsatzzentrale lotst sie zu dem Passagierjet.

17.24 Uhr Die indische Maschine erreicht den deutschen Luftraum.

17.39 Uhr Zwischen Bad Hersfeld und Marburg in Nordhessen gehen die Abfangjäger auf Tuchfühlung.

17.42 Uhr Es gibt Sichtkontakt. Der allererste Blick gilt dem Passagierraum: nichts Auffälliges. Danach fliegt der Kampfpilot bis auf Höhe des Cockpits.

17.44 Uhr Die Maschinen sind im Raum Siegen. Die Kampfpiloten wissen, dass alles in Ordnung ist. Die Besatzung des indischen Jets hat bei der Bodenkontrolle Entwarnung gegeben. Die Eurofighterbleiben noch kurz bei der Boeing.

18.49 Uhr 9W118 landet sicher in London, vier Minuten später sind auch die Eurofighter in Neuburg.


Aviation Herald

Hier, im Detail und im englischen Original, der Bericht aus dem Aviation Herald:

"Incident: Jet Airways B773 near Cologne on Feb 16th 2017, loss of communication leads to intercept

By Simon Hradecky, created Sunday, Feb 19th 2017 00:10, last updated Monday, Feb 20th 2017 11:59

A Jet Airways Boeing 777-300, registration VT-JEX performing flight 9W-118 from Mumbai (India) to London Heathrow,EN (UK) with 330 passengers and 15 crew, was enroute at FL360 being handed over from Bratislava (Slovakia) to Prague (Czech Republic) Center when radio contact was lost with the aircraft, that continued along its planned/cleared flight track. Germany dispatched two Eurofighters to intercept the aircraft, the fighter aircraft were already airborne when radio contact with 9W-118 was restored via the emergency frequency about 60nm north of Nuremberg (Germany). Although radio contact was re-established, the fighter aircraft continued the intercept, ATC informed 9W-118 as well as the aircraft flying above and behind 9W-118 about the pending intercept. About 20nm north of Cologne (Germany) 9W-118 was seen accompanied by two fighter aircraft. 9W-118 continued to London for a safe landing.

On Feb 19th 2017, following release of initial coverage, The Aviation Herald received information that radio contact with the aircraft had been lost on hand off from Bratislava to Prague Center, a swap of digits is being suspected (the crew tuned 132.980MHz while the correct frequency was 132.890MHz). Germany dispatched two Eurofighter Aircraft when the Boeing 777 entered Germany's Airspace. Radio contact with the aircraft was restored about 60nm north of Nuremberg, the fighter aircraft began to slow down expecting the intercept would be aborted, a decision was made however to continue and complete the intercept. Air Traffic Control informed 9W-118 as well as the other aircraft, flying above and behind 9W-118, about the pending intercept. The fighter aircraft met with 9W-118 northeast of Frankfurt (Germany) and were seen by ground observers at about 16:50Z about 20nm north of Cologne still at the side of 9W-118.

On Feb 20th 2017 Air Navigation Services Czech Republic reported, that the actual communication for the hand off from Bratislava to Prague at 15:53Z had been correct (frequency 132.890MHz transmitted and acknowledged), however, the crew subsequently tuned frequency 132.980MHz, the crew did not monitor the emergency frequency. Prague Center spotted another Jet Airways aircraft, flight 9W-122 from Delhi (India) to London Heathrow, flying under control of Rhein Control (Germany) south of the Czech Republic, via Rhein Control and 9W-122 an ACARS message was transmitted to 9W-118 asking them to contact (Prague Center) frequency 132.065MHz. When 9W-118 reported on that frequency at 16:26Z (loss of communication thus lasted for 33 minutes), the aircraft was already in German Airspace and was instructed to contact Rhein Control. Czech ATC immediately informed their military counterpart (Czech control and reporting center) that contact had been re-established.

The airline confirmed that contact between aircraft and ATC was briefly lost while flying over Germany. Contact was restored a few minutes later. Germany's Air Force deployed their aircraft to ensure safety of aircraft and its occupants. Both pilots have been de-rostered pending investigation."
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren