Bamberg
Kinderuni

Den Tod nicht ausklammern

Er ist Teil jedes Lebens, aber oft bekommen wir das gar nicht mit. Doch wenn Oma oder Opa sterben, stellt sich die Frage nach dem "Was kommt danach?". In einer Vorlesung für Kinder in Bamberg ging es genau darum.
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Die grüne Karte bedeutet "Ja": Fast alle Buben und Mädchen zogen sie auf die Frage von Professor Simojoki "Ein nahe stehender Mensch ist gestorben. Gehst du mit zur Beerdigung?". Foto: Ronald Rinklef
Die grüne Karte bedeutet "Ja": Fast alle Buben und Mädchen zogen sie auf die Frage von Professor Simojoki "Ein nahe stehender Mensch ist gestorben. Gehst du mit zur Beerdigung?". Foto: Ronald Rinklef
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Offenbar gehört der Tod zu jedem Leben dazu. Bei der Katze wie bei der Großmutter. "Aber ist es nicht ungerecht, dass das Leben einmal ein Ende hat?" Henrik Simojoki stellt diese Frage gleich zu Beginn. Er ist Professor an der Uni Bamberg und beschäftigt sich mit evangelischer Theologie. Das heißt, er unterrichtet normalerweise Studierende, die später einmal Religionsunterricht erteilen. An diesem Freitag sind seine Zuhörer jünger. Neun bis zwölf Jahre alt. Die Buben und Mädchen sind zur Kinderuni-Vorlesung "Dem letzten Rätsel auf der Spur" gekommen.

Nicht nur ein Schlaf

Auch die Kinder haben zunächst einmal Fragen. Merkt man schon vorher, ob man stirbt? Was für eine Gestalt haben wir nach dem Tod? Und wo ist man, wenn man tot ist? "Wie gute Detektive es tun, müssen wir die Fragen aus verschiedenen Richtungen umkreisen, wir müssen den Fall besser eingrenzen", sagt Simojoki. Zunächst einmal sei es klar, dass das Leben begrenzt und der Tod nicht nur ein Schlaf ist. "Auch andere Fragen findet ihr im Lexikon beantwortet", fährt der Professor fort. Zum Beispiel, wann der Tod einsetze und wodurch er verursacht werde. "Das sind sogenannte Wissensfragen."

Spurensuche am Tatort

Daneben gebe es aber auch Glaubensfragen. Was nach dem Tod komme, sei so eine Frage. "Glaubensfragen sind wichtig, weil man an ihnen wachsen kann", meint Simojoki. Der Tod sei ein Rätsel, das durchaus auch neugierig mache. So habe ihm ein Junge vor der heutigen Vorlesung geschrieben: "Ich finde es schade zu sterben, aber interessant, im Himmel zu sein." Die Spurensuche auf der Erde, genauer gesagt im Hörsaal der Uni am Markusplatz, geht weiter. Die Kinder und der Professor betreiben Spurensicherung am Tatort. Wie der Tod heute, in der Gegenwart, aussieht, dazu haben die Soziologen als Spurensicherer schon ein verblüffendes Ergebnis gefunden. Es gibt demnach zwei Gegensätze: Einerseits ist der Tod überall, in den Nachrichten, im Kino oder auf der Spielkonsole, wo "Vögel oder Feinde abgeknallt werden". "Je älter ihr seid, desto mehr bekommt ihr davon mit", sagt Simojoki und gibt zu, als Jugendlicher auch "Ballerspiele" gemacht zu haben.

Mit zur Beerdigung?

Andererseits verschwinde der Tod. "Er ist noch immer Teil jedes Lebens, aber wir bekommen das nicht mehr mit", stellt der Professor fest. "Früher starb der Opa zuhause, heute im Krankenhaus oder Hospiz." Und immer öfter nähmen Eltern ihre Kinder nicht mehr mit zur Beerdigung. "Mir würde was fehlen, wenn ich diesen Abschied verpassen würde", sagt ein Mädchen aus der sechsten Reihe. Zuvor hatte sie wie fast alle anderen eine grüne Karte in die Höhe gereckt. Ein "Ja" auf Simojokis Frage: "Ein nahe stehender Mensch ist gestorben. Gehst du mit zur Beerdigung?"

"Tränen im Himmel"

"Je mehr Liebe im Spiel ist, desto schmerzlicher ist der Tod", präsentiert der Professor nun ein Zitat des Philosophen Gabriel Marcel. Und er stellt den Kindern eine viel schwierigere Frage: "Gibt es ein Leben nach dem Tod?" Diesmal fällt die Antwort unterschiedlicher aus. Mehrere gelbe "Ich bin mir unsicher"-Karten werden gehoben, auch einige rote Nein-Karten sind jetzt dabei. "Ich glaube nicht an Gott", erklärt ein Mädchen ihre Entscheidung. "Man verwest in der Erde. Wie soll es denn dann überhaupt weitergehen", sagt ein Junge mit roter Karte. Dagegen meint ein anderer, "der Kreislauf des Lebens kann ja nicht einfach aufhören".
Simojoki spielt den Kindern ein Lied vor. Der Sänger Eric Clapton hat es 1992 geschrieben. Es heißt "Tears in heaven - Tränen im Himmel". Im Liedtext stellt Clapton Fragen wie "Würdest du meinen Namen kennen, wenn ich dich im Himmel träfe?" oder "Wäre es dasselbe, wenn ich dich im Himmel träfe?". Jetzt ist es sehr still im Hörsaal. Nur zwei Mädchen in der letzten Reihe schwätzen.

Nicht der "Flugzeug-Himmel"

All die Fragen, die Clapton in dem Lied stellt, bleiben ohne Antwort. "Allerdings singt er am Ende: Jenseits der Tür gibt es Frieden, ich bin sicher. Und ich weiß, es gibt keine Tränen im Himmel", berichtet Simojoki. Der Himmel sei aber "nicht der Flugzeughimmel oder das Weltall, sondern die Menschen meinen mit ,Himmel‘: bei Gott sein". Der Glaube an die Auferstehung gebe ihnen zu Lebzeiten Kraft.
Am Ende bespricht er mit den Kindern ein Bild, das ein Mädchen zum Thema gemalt hat. Längst steht für Simojoki fest: "Kinder können Experten für das Verstehen des Todes sein."


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