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Bamberg
Einzelhandel

Das letzte Speer-Haus in Bamberg schließt

Einst trugen drei Modegeschäfte in Bambergs Innenstadt den Namen Speer. Bald gibt es kein einziges mehr.
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Inhaber Thomas Speer bespricht sich mit einer seiner Verkäuferinnen. Foto: Barbara Herbst
Inhaber Thomas Speer bespricht sich mit einer seiner Verkäuferinnen. Foto: Barbara Herbst
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Die Veränderung, die im Haus Lange Straße 10 bevorsteht, ist mit einer guten und einer schlechten Nachricht verbunden. Die schlechte zuerst: Das Damenmodenhaus Speer wird geschlossen. Die Innenstadt wird um ein Fachgeschäft ärmer, in dem sich der Inhaber noch selbst um alles kümmert. Zudem endet eine Ära: Die Eltern des heutigen Inhabers Thomas Speer legten vor genau 70 Jahren den Grundstein für ein Familienunternehmen, das zeitweise drei Geschäfte mit bis zu 82 Beschäftigten parallel im Herzen der Stadt betrieb: Man verkaufte Herren-, Kinder- und Damen-Moden in getrennten Häusern.


Erdgeschoss ist ab Juli vermietet

Die gute Nachricht lautet: Es droht in der Langen Straße 10 nicht nur kein Leerstand, sondern es geht beinahe nahtlos weiter. Mit Marc Cain kommt ein namhafter deutscher Hersteller höherwertiger Damenmoden nach Bamberg, der noch in Deutschland produziert und weltweit erfolgreich ist.
Marc Cain sei der Nachfolger, wie ihn er und seine Frau sich gewünscht hätten, gab Thomas Speer im Gespräch zu verstehen. Eigene Nachfolger in ihrer Familie gebe es nicht - die beiden Kinder hätten sich für andere Berufe entschieden. Insofern hätten er und seine Frau Michaela sich schon länger mit der Frage befasst, wie es am Standort Lange Straße einmal weiter gehen könnte. Dann sei Ende 2016 Marc Cain auf sie zugekommen und habe Interesse am Haus gegenüber der Wallenstein-Passage bekundet. Man wurde sich einig, im März wurde der Vertrag geschlossen. Das bedeutet, Speer hört am 30. Juni auf, ab 1. Juli ist Marc Cain Mieter im Erdgeschoss.


Kein Wehklagen des Inhabers

Der 61-jährige Geschäftsmann will sich nicht zu den Klagen äußern, die immer wieder von Bamberger Einzelhändlern zu hören sind. Dass die Leute immer häufiger im Internet als in der Stadt einkaufen würden, dass Parkplätze fehlen würden, und, und, und. Zur wirtschaftlichen Lage seines Damenmodenhauses sagt der Inhaber nur soviel: "Wir hätten nicht schließen müssen." In der Zielgruppe von Frauen ab 30 Jahren habe man viele Stammkundinnen. Auch von den Touristen würde dieser Teil der Langen Straße profitieren.
Überhaupt: Thomas Speer, gelernter Handelsfachwirt, prophezeit der Langen Straße eine "sehr gute Zukunft" - wenn erst einmal "alle Objekte fertig sind, die jetzt noch als Behinderungen empfunden werden". Er spielt auf die unübersehbaren Baustellen HypoVereinsbank und das Sparkassen-Projekt "Quartier an den Stadtmauern" an sowie auf die begonnene Sanierung der beiden Einzeldenkmäler, die den Durchgang zu den Theatergassen flankieren, und die sich im Besitz der Mediengruppe Oberfranken befinden.
Wann der Nachfolger eröffnen wird, weiß Speer nicht. Es war auch nicht in Erfahrung zu bringen: Trotz wiederholter Anfragen erhielt die Lokalredaktion bei Marc Cain keine näheren Auskünfte zum geplanten Store in Bamberg.


Mitarbeiterinnen gekündigt

Offen ist auch, wie es für die zehn Speer-Mitarbeiterinnen weiter geht. Alle haben ihre Kündigungen erhalten und trauern jetzt schon einem Arbeitsplatz nach, den sie als angenehm und ausgesprochen familiär beschreiben. "Für mich stirbt was weg", sagt zum Beispiel Helga Hümmer. Ihre Kollegin Claudia Schick denkt auch an die älteren Damen, die nicht mehr gut zu Fuß sind und es schätzten, bei ihnen beraten und bedient zu werden. Einige haben sich auch beim Nachfolger beworben.
Beim Stadtmarketingverein und im Rathaus bedauert man das nahe Ende der Firma Speer. Es sei schade, dass Bamberg ein Inhaber geführtes Geschäft mehr verliere, finden Citymanager Klaus Stieringer und Ruth Vollmar, die Leiterin der städtischen Wirtschaftsförderung. Beide begrüßen aber zugleich die Nachfolger-Lösung. Für Vollmar spricht daraus auch ein Verantwortungsbewusstsein der Noch-Inhaber für ihre Kundinnen und für die Stadt. Stieringer wertet das Interesse von Marc Cain als Beweis für den guten Ruf, den Bamberg als Einkaufsstadt habe. Er sieht darin die Bestätigung eines Trends, wonach gute (Mode)Marken nach Bamberg streben würden. Die Nachfrage nach Geschäftsräumen in der Innenstadt ist laut Stadtmarketing-Verein weiterhin größer als das Angebot an freien Flächen.


Alles begann 1947 mit einer Tauschzentrale

Die Geschichte des Familienunternehmens Speer begann 1947 mit einer Tauschzentrale, die Wilhelm und Ingeborg Speer, die Eltern des heutigen Inhabers, in der Dominikanerstraße eröffneten. Sohn Thomas erinnert sich gut an die Schilderungen der Eltern über die Zeit vor der Währungsreform: "Es gab nix, nix zum Anziehen, Geld schon gar nicht."

Eine ältere Dame hat ihm erst kürzlich erzählt, dass sie als Mädchen ihren ersten Wintermantel aus der Tauschzentrale bekam: für ein Kopfkissen, das die Familie entbehren konnte.

1949 eröffnete Speer dann am Grünen Markt 13 ein Modegeschäft für Herren, das zehn Jahre später in die Lange Straße 10 umzog. Speer blieb am Grünen Markt 13 präsent und verkaufte dort fortan Knabenmoden. Erst eine ganze Weile später wurde aus dem Laden für Knabenmoden ein Geschäft für Kindermoden.

Der Aufschwung des Familienunternehmens setzte sich fort. Es erwarb an der Ecke Lange Straße/Grüner Markt (heute "Olymp") eine im Krieg entstandene Baulücke und errichtete darauf ein Geschäftshaus. Eigentlich war es für die Herrenmoden gedacht, weiß Thomas Speer. Doch dann habe sein Vater sich für einen anderen Standort entschieden und das Eckhaus Grüner Markt/Franz-Ludwig-Straße gekauft (heute H & M). Obwohl es sich aus heutiger Sicht um ein durchaus repräsentatives Anwesen handelte, wurde es in den 1960er Jahren für einen Neubau im Stil der Zeit abgebrochen.

Das dokumentieren Fotos aus einem Album, das Speer-Mitarbeiter ihren Chefs einmal geschenkt haben. Die historischen Aufnahmen belegen nicht nur, dass Denkmalschutz in Bamberg seinerzeit - noch - kein Thema war. Sie erinnern auch an eine Zeit, als der Grüne Markt noch keine Fußgängerzone war und Autos die Lange Straße in beiden Richtungen befahren durften.

Nachdem Herrenmoden-Speer in den Neubau Grüner Markt 24 gezogen war, wurde die Lange Straße 10 anderweitig vermietet. 1993 wurde dort der Damenmodenladen von Speer eröffnet, dessen Ende nun besiegelt ist. Seit dem Jahr 2000 ist es das letzte der ehedem drei Läden des Familienunternehmens.

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