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Umwelt

Das Nitrat stinkt nicht nur der EU

Jetzt hat Deutschland den Salat: Die EU verklagt die Bundesrepublik wegen der anhaltend hohen Nitratbelastung des Wassers.
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Deutschland steht am Pranger: Die Europäische Kommission hat die Bundesrepublik verklagt. In einer 1400 Seiten starken Klageschrift, mit der sich der Europäische Gerichtshof beschäftigen muss, wirft die EU der BRD vor, zu wenig für den Gewässerschutz zu tun. Dabei geht es vor allem um das Nitrat (Stickstoff) im Wasser.

Die EU mahnt seit Jahren, die Umweltverbände fordern nachhaltige Reformen, doch abgesehen von Berichten und Arbeitsgruppen ist beim Grundwasserschutz nicht viel passiert - obwohl Politiker bei jeder Gelegenheit das Gegenteil betonen. "Sauberes Wasser hat herausragende Bedeutung für die Lebensqualität der Menschen", sagt etwa Bayerns Umweltministerin Ulrike Scharf (CSU).

Nun gibt es zwischen "sauber" und "rein" nicht nur in der Waschmittel-Werbung Unterschiede. Nitrat im Wasser sieht, riecht und schmeckt man wie viele Schadstoffe nicht. Nitrat kann sich im menschlichen Körper in Nitrit verwandeln, und das ist ein krebserregender Stoff. "Sauberes" Wasser kann also durchaus ungenießbar sein.


Unterschiedliche Grenzwerte

Dafür gibt es Grenzwerte: Bei 50 Milligramm Nitrat pro Liter (mg/l) ist das Ende der Fahnenstange; zwischen 25 und 50 Milligramm sollten die Alarmlampen angehen. In der Schweiz gilt anders als in der EU ein Grenzwert von 25 mg/l, die viel gescholtenen USA sind sogar noch strenger: Hier gelten 10 mg/l.

Wie steht es um das Wasser in Bayern? Gut, folgt man den Daten, die das Landesamt für Umwelt (LfU) laufend gewinnt. Danach liegen aus 2575 Wassergewinnungsanlagen in Bayern für 700 Millionen Kubikmeter Wasser die Nitratwerte vor - fast flächendeckend. "81 Prozent des in Bayern gewonnenen Trinkwassers können als natürlich beziehungsweise als nur gering vom Menschen beeinflusst gelten", heißt es beim LfU.

16 Prozent des Wasser sind mit Werten zwischen 25 und 50 Milligramm gering bis stark belastet, 50 Milligramm werden nur bei 3,4 Prozent des Wassers überschritten.

Die konventionelle Landwirtschaft gilt als Hauptquelle für Nitrat im Grundwasser: Stickstoffe sind der wichtigste Bestandteil von künstlichen und natürlichen Düngern (Gülle). Deshalb gibt es strenge Regeln: Landwirte dürfen nur so viel Dünger aufbringen, wie die Pflanzen aufnehmen können.


Die Werte steigen soagr

Würde dies 1:1 umgesetzt, dürfte kaum Nitrat ins Wasser gelangen. Da die Messwerte aber seit Jahren stagnieren oder sogar steigen, scheint das System nicht zu funktionieren. Oder noch nicht? Ein Sprecher des Bayerischen Umweltministeriums erklärt: "Die Ziele ... sind richtig, aber für gute Ergebnisse brauchen wir auch Zeit."
Tatsächlich sind viele Stoffe, die dem Wasser schaden, langlebig. Noch heute werden in Wasserproben Pflanzenschutzmittel nachgewiesen, die schon seit Jahrzehnten verboten sind. Das Nitrat-Problem ist aber von anderer Qualität und Quantität, da der Zusammenhang mit intensiver Landwirtschaft und Massentierhaltung offenkundig ist. In Niedersachsen, Sitz der größten deutschen Fleischfabriken, liegt der Nitratwert an der Hälfte der Messstationen über 50 mg/l.

300 Millionen Kubikmeter Gülle und Mist landen jedes Jahr auf deutschen Äckern und Wiesen. Der Faktor Zeit könnte beim Nitrat zur Zeitbombe werden, wie der Geologe Alfons Baier von der Universität Erlangen sagt. Nitrat ist ein mobiler Stoff, der sich von Erdschichten kaum aufhalten lässt und je nach Bodenbeschaffenheit mit unterschiedlicher Geschwindigkeit von oben nach unten wandert. "Die Böden und Gewässer, die heute belastet werden, beeinflussen das Grundwasser in einigen Jahren, vielleicht auch Jahrzehnten", sagt Baier. In Franken gibt es Messstellen mit 200 Milligramm Nitrat und mehr. "Solches Wasser könnte man direkt als Dünger verwenden", sagt Baier.


Messen und mischen

Trinken muss den Dünger natürlich niemand. Quellen mit solchen Werten speisen nicht in die Trinkwasserversorgung ein. Generell wird belastetes Wasser durch Beimischung von sauberem Wasser oder durch Filter so weit verdünnt und/oder gereinigt, dass die Werte passen.

Damit alleine wird beim Nitrat im deutschen Wasser die von der EU geforderte Trendwende wohl nicht zu schaffen sein. Die EU droht mit Strafen in Milliardenhöhe. Höhere Wasserpreise und Auflagen für die Landwirte könnten die Konsequenz sein.

Das Gute an dieser schlechten Nachricht ist der Faktor Zeit: Europäische Gerichtsverfahren ziehen sich über Monate, oft Jahre hin. Bis das Urteil Rechtskraft hat und bis das Geforderte umgesetzt wird ... fließt noch viel Wasser den Main hinab.


Kommentar: Die Folgen des Raubbaus

Mallorca ist sicher nicht der beste Platz, um über den Schutz des Grundwassers nachzudenken. Da will man ja Urlaub machen, sich an den Pool legen ... Aber gerade die Ferieninsel führt vor Augen, wie kostbar Wasser ist und wie fragil der Wasserhaushalt nicht nur auf Inseln.

Nun ist Deutschland keine Insel, die sich wie das Eiland im Mittelmeer ohnehin knappe Ressourcen auch noch mit Millionen Touristen teilen muss. Aber auch in Deutschland agieren Politik, Wirtschaft und Verbraucher, als stünden Energie, Rohstoffe und eben auch Wasser unbegrenzt zur Verfügung. In dieser Hinsicht ist aber auch Deutschland eine Insel. Energie und Rohstoffe müssen importiert werden, und mit den wenigen eigenen Ressourcen geht das Land nach wie vor verschwenderisch um. Allen voran mit dem wichtigsten Bodenschatz , Grund und Boden. Trotz kleiner werdender Bevölkerung schreitet die Versiegelung des Landes fort.

Die Folgen dieses Raubbaus werden erst mit Verzögerung spürbar werden, beim Wasser ist es längst so weit. Es ist eine Blamage, dass die EU gegen die Bundesrepublik vor Gericht ziehen muss, um die Einhaltung der Richtlinien zum Wasserschutz zu erzwingen. Ein System- und Behördenversagen auf ganzer Linie!

Nun mag man der EU vorwerfen, dass sie mit zweierlei Maß misst. Es gibt keine europaweit vergleichbaren Standards für die Wasserqualität, was Wasser auf den Mühlen all derer ist, die das Nitratproblem klein reden wollen. Und man kann der EU ebenso vorwerfen, dass sie es ist, die mit ihrer Subventionspolitik den Größenwahn der Landwirtschaft noch fördert, gigantische Gülle-Fluten eingeschlossen.

Statt endloser Debatten ist angesichts der Fakten aber schnelles Handeln gefragt. Sauberes Wasser ist kein Luxus, es ist eine Selbstverständlichkeit.


Hintergrund

Nitrat ist ein natürlicher Stoff - Pflanzen brauchen ihn für ihr Wachstum. Sie nehmen Nitrat über die Wurzeln auf und bauen daraus Eiweiße auf. Zu viel Nitrat im Boden oder im Wasser kann aber Folgen für Mensch und Natur haben. Der Stoff ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff. Mit Gülle oder Kunstdünger steigern Landwirte häufig den Nitratgehalt auf ihren Äckern, um höhere Erträge zu erzielen. So kommt der Stoff auch ins Grundwasser.

Nitrat selbst ist für den Menschen relativ unbedenklich. Allerdings können Bakterien den Stoff in Nitrit umwandeln. Nitrite können den Sauerstofftransport im Blut blockieren, was vor allem bei Säuglingen zu akuten Problemen führen kann. Außerdem steht Nitrit im Verdacht, durch Bildung von Nitrosaminen krebserregend zu sein. Ein zu hoher Nitratgehalt in Gewässern kann dazu führen, dass Algen stärker wachsen und andere Pflanzen behindern. (dpa)


Was sagt der Minister?

Angesichts der zu hohen Nitratwerte in deutschen Gewässern verweist Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) auf die geplante Düngeverordnung. "Mein Ziel ist und bleibt es, mit der Düngeverordnung einen Ausgleich zwischen Umweltinteressen und einer praktikablen Lösung für die Landwirte zu schaffen", teilte Schmidt am Montag mit. Es sei nun "in unser aller Interesse", die neuen Düngeregeln zügig zu verabschieden, "statt sich von Brüssel verurteilen zu lassen."

Die EU-Kommission habe Ende Oktober eine seit Monaten angekündigte Klageschrift gegen die Bundesrepublik beim Europäischen Gerichtshof (EuGH) eingereicht. Die hohen Nitratwerte in einigen Regionen seien "sehr gut bekannt", sagte ein Sprecher des Umweltministeriums. Die maßgebliche Ursache sei vor allem der Umgang mit Gülle und Dünger.

Schmidt habe bereits die neue Düngeverordnung und ein Düngegesetz vorgelegt, sagte eine Sprecherin seines Ministeriums. Anmerkungen der EU-Kommission zur neuen Verordnung würden derzeit geprüft. Im Dezember solle ein abgestimmter Verordnungsentwurf dem Bundesrat zur Zustimmung vorgelegt werden. Die Bundesregierung prüfe zudem die Klageschrift der EU-Kommission. Für eine Antwort habe sie zwei Monate Zeit. (dpa)


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