Bamberg
Porträt

Cybercrime: Wie Lukas Knorr von Bamberg aus Kriminelle im Netz jagt

Lukas Knorr leitet die bayerische Spezialstaatsanwaltschaft für Cybercrime in Bamberg. Tagtäglich jagt der 53-jährige Darknet-Experte Verbrecher im Netz.
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Oberstaatsanwalt Lukas Knorr sitzt in Bamberg vor zwei Computerbildschirmen. Knorr leitet die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) und beschäftigt sich mit besonderen Internetverbrechen. Foto: Nicolas Armer/dpa
Oberstaatsanwalt Lukas Knorr sitzt in Bamberg vor zwei Computerbildschirmen. Knorr leitet die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB) und beschäftigt sich mit besonderen Internetverbrechen. Foto: Nicolas Armer/dpa
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Computerspiele, sagt Lukas Knorr, mag er nicht so gern, sie fressen zu viel Zeit. Die verbringt der Oberstaatsanwalt lieber mit dem Darknet. Aber nicht zum Privatvergnügen. Knorr leitet die Zentralstelle Cybercrime Bayern (ZCB), und wenn er über den extra Rechner neben seinem Dienstcomputer den "dunklen", den fast komplett anonymen Teil des Internets betritt, darf er sich nicht verraten.

Schließlich will der 53-Jährige die Ermittlungen nicht gefährden, wenn er Tätern auf der Spur ist - und dieselben Techniken nutzt wie sie. Vorsicht ist aber auch geboten, weil auch ein Staatsanwalt nicht davor gefeit ist, den eigenen Rechner zu infizieren. "Insofern muss man sich immer überlegen, was man da konkret macht", sagt Knorr.

Der Oberstaatsanwalt ist hochgewachsen und schmal, sein grauer Anzug ließe ihn beinahe unauffällig aussehen - wenn er nicht einen so offenen Blick hätte.
Die ZCB ist eine Spezialstaatsanwaltschaft, hier kommen nur besondere Internetverbrechen an: wenn ein hohes Maß an technischer Beweisführung fürs Ermitteln nötig ist. Ihr Leiter hat sich als Staatsanwalt auch in den Bereichen Wirtschaftskriminalität und Kinderpornografie hochgearbeitet. Seit dem Abitur beschäftigt er sich mit elektronischer Datenverarbeitung und Computern.


Katz-und-Maus-Spiel mit den Tätern

"Dafür interessiere ich mich einfach. Ich empfinde das als sehr innovativen Bereich", sagt der 53-Jährige. Als er damit anfing, war dieses Feld noch exklusiv, jetzt ist es das nicht mehr. Die jungen Täter von heute fangen nicht erst mit dem Abitur an. Knorr und seine beiden Kollegen in der ZCB müssen mindestens so viel wissen wie sie. "Mein Hobby - technische Entwicklungen nachzuvollziehen - ist nun Teil meines Berufs geworden", sagt Knorr. Er lacht dabei, was er überhaupt viel tut. Das Katz-und-Maus-Spiel mit den Tätern reizt ihn.

Das Internet ist heute allgegenwärtig. Er könne Beruf und Privates trotzdem trennen. "Aber ich bin vorsichtiger geworden beim Surfen, mache eben Backups, und wenn meine Familie etwas Tolles im Netz findet, dann schaue ich schon, ob das ein seriöser Verkäufer ist."


Immer mehr Straftaten verlagern sich ins Netz

Denn die Unseriösen machen ihm die meiste Arbeit. "Immer mehr Straftaten verlagern sich ins Netz, gerade im Betrugsbereich", sagt Knorr. Es sei viel einfacher im Internet 1000 Leute zu betrügen als im realen Leben. Es geht vor allem um gefälschte Online-Anbieter, sogenannte Fake-Shops, um vorgetäuschte Verkäufe auf Ebay, das Ausspähen von Daten und - was Knorr zufolge derzeit immer häufiger vorkommt - Erpressungen über Trojaner, die fremde Rechner sperren.

Bei der ZCB liefen bisher rund 700 Ermittlungsverfahren gegen bekannte und unbekannte Täter. Die Stelle hat nach eigenen Angaben keine Daten dazu, in wie vielen Verfahren die Ermittlungen Anklage erhoben wurde. "Es wäre blauäugig zu sagen, wir hätten eine tolle Aufklärungsrate", sagt Knorr. "Ich denke, man muss sich damit abfinden, dass man immer bloß einen Bruchteil der Täter wirklich finden kann". Er glaube aber an den präventiven Effekt, wenn er und seine Kollegen einzelne Täter finden und diese dann bestraft werden.

Wie im Juli: Nach mehreren Monaten intensiver Ermittlungen und mehreren Durchsuchungen verurteilte das Landgericht Traunstein einen Mann wegen einer Vielzahl von Cybercrime-Delikten zu einer Haft von vier Jahren und zehn Monaten. Und demnächst will die ZCB Anklage erheben gegen einen Mann, der in rund 700 Fällen über sogenannte Fake-Shops im Internet hochwertige Elektroartikel angeboten und per Vorkasse von den Kunden den Kaufpreis eingenommen haben soll - ohne die Waren dann ausgeliefert zu haben, was er genau so geplant haben soll. Den Verdächtigen fanden die Ermittler in Spanien.

"Unsere Arbeit ist teilweise sehr mühsam", sagt Knorr. Die Täter versuchen ihre Identität im Netz zu verschleiern, sich hinter gestohlenen Daten zu verstecken. "Je mehr der Täter kommunizieren muss, desto mehr Möglichkeiten habe ich festzustellen, wo der Täter herkommt und wer er ist", erklärt Knorr. Wer einen Fake-Shop betreibt zum Beispiel, muss viel kommunizieren - einen Server mieten, ihn befüllen und eine Telefonnummer hinterlegen für Kundennachfragen.

Schwieriger ist es für die Ermittler bei Ransomware, wenn über eine E-Mail Schadsoftware verbreitet wird und der Rechner des Opfers gesperrt wird. Die Täter müssen dafür keine Nachrichten entgegennehmen, sondern verlangen einfach das Lösegeld in Bitcoins, einer digitalen Währung. Über diesen Zahlungsverkehr kommen die Ermittler derzeit nur in Ausnahmefällen weiter - auch weil hier viel über das "Tor"-Netzwerk läuft.


Im Darknet werden Daten verschlüsselt verschickt

Nur über eine Anonymisierungssoftware wie "Tor" gelangt man ins sogenannte Darknet. Im konventionellen Netz werden Daten unverschlüsselt verschickt, im "Darknet" hingegen verschlüsselt über ein weltweites Rechnernetzwerk. So sind die Bewegungen von Nutzern sehr schwierig nachzuverfolgen. Davon profitieren Menschen, die viel Wert auf Privatsphäre legen oder in einem repressiven politischen System leben. Und eben Kriminelle. Denen geht es vielleicht wie Lukas Knorr: "Ich würde mich als eher neugierigen Menschen einschätzen - und im Cyber-Bereich sind der Neugier keine Grenzen gesetzt."

Von Sophie Rohrmeier, dpa
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