Bamberg
Comedy

Cindy von Marzahn in Bamberg - Gewissen in Pink

Cindy von Marzahn redet schamlos über Körper und Sex. Bamberg lacht. Ihr Versuch, sich als sozialpolitisches Gewissen neu zu erfinden, geht dagegen schief.
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Foto: Matthias Hoch
Foto: Matthias Hoch
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Ein Komiker muss die Menschen zum Lachen bringen. Gelingt ihm das, ist er ein guter. Gelingt ihm das nicht, ist er ein schlechter Komiker. Am Lachen ihres Publikums gemessen, ist Cindy von Marzahn am Freitag in der Bamberger Brose-Arena über eine Stunde lang eine gute Komikerin gewesen.

Ihre Witze kennen kein tieferes Geheimnis. Sie gründen in dem Wissen, dass Menschen über kaum etwas so gern lachen wie den widerborstigen Körper anderer. Vielleicht ist das so, weil das Sprechen darüber noch immer schambesetzt ist. Das Lachen des Bamberger Publikums wäre dann ein befreites Lachen gewesen. Sicher mischte sich in das Gelächter einiger auch Häme über die menschgewordene Problemzone auf der Bühne.
Viel wahrscheinlicher aber sehen die meisten Anhänger in Cindy von Marzahn so etwas wie eine Identifikationsfigur: ähnlich gelangweilt von lendenlahmen Männern wie sie selbst, verdrossen über hängende Brüste und zur Krönung gedemütigt vom medialen Dauerbeschuss, wie eine moderne Frau auszusehen hat.

"Dieses Jahr bin ich an Fasching als Senfglas unterwegs gewesen. Damit jeder sein Würstchen hineinstecken könnte" - Scherze dieses Zuschnitts servierte Cindy von Marzahn den Bambergern im Minutentakt. Und was soll man sagen, es funktionierte. Die Menschen lachten. Wer dagegen nach dem zehnten Witz über die Benennung weiblicher Geschlechtsorgane verzweifelt an die Hallendecke starrte, wird nicht aus freien Stücken in die Brose-Arena gekommen sein. Gerade für jene Minderheit der Sauertöpfischen dürfte es umso interessanter gewesen sein, als die Komikerin nach der Pause einen deutlich nachdenklicheren und für soziale Ungerechtigkeiten sensiblen Ton anschlug. So, als wollte Cindy das Motto ihrer Tour, "Ick kann ooch anders", endlich auch einlösen. Menschlich ist der Wunsch, das Bühnen-Ich um einige Facetten zu erweitern, verständlich. Künstlerisch ist er ungleich heikler, immerhin haben ihr das Zotige und Grelle das Konto prall gefüllt.

Lässt man den Bamberger Abend als Lackmustest gelten, müssten bei der 44-Jährigen sämtliche Alarmglocken schrillen. Cindy von Marzahn als soziales Gewissen im pinken Jogginganzug, das funktioniert einfach nicht. Die Forderung nach einer anständigen Bezahlung für Krankenschwestern zum Beispiel gehört entweder in die Parlamente oder den Mund eines scharfzüngigen Kabarettisten. Cindy dagegen fehlt das Abgründige und Doppelbödige, um aus einem gesellschaftlichen Ärgernis einen guten, am besten noch entlarvenden Witz zu machen. Mehr als öden Populismus, der die Gesellschaft in "die da oben" und "die da unten" sortiert, vermag Cindy ihren Ausflügen in die Politik nicht abzuringen.

Unsagbar peinlich gerät ihre Unterstellung, die Griechen würden sich auf Kosten der deutschen Steuerzahler einen schönen Lenz machen. Das ist umso infamer, als sie noch kurz zuvor zu Mitmenschlichkeit und Solidarität aufgerufen hatte. So etwa würde es sich wohl anhören, wenn AfD und Linkspartei zum gemeinsamen Kabarettabend eingeladen hätten.

Cindy von Marzahn sollte bei ihren Zoten über Sex und Körper bleiben. Darüber kann wer will zumindest lachen.
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