Bamberg
Gericht

Chefarzt-Prozess: Zeugin erlaubt Einblick in ihre Gefühlslage

Am 36sten Verhandlungstag im Bamberger Chefarzt-Prozess bekamen die Zuhörer einmal Einblick in die Gefühlslage einer Frau, die sich als Patientin einem Arzt anvertraut und dann mutmaßlich von ihm missbraucht wird.
Artikel drucken Artikel einbetten
Heinz W. verlässt an einem der ersten Prozesstage hinter Rechtsanwalt Dieter Widmann einen Aufzug im Justizgebäude. Foto: Matthias Hoch
Heinz W. verlässt an einem der ersten Prozesstage hinter Rechtsanwalt Dieter Widmann einen Aufzug im Justizgebäude. Foto: Matthias Hoch
"Er ist der Chefarzt. Er wird schon wissen, was er macht." Die Sätze stammen von einer heute 33-jährigen Frau, die im August 2010 Patientin von Heinz W. im Bamberger Klinikum war. Damals wunderte sie sich insgeheim, warum er ihr vor einer Ultraschalluntersuchung ein Kontrastmittel geben wollte. Sie vertraute ihm aber und behielt ihre Gedanken für sich.

Viereinhalb Jahre später spricht sie aus, was sie damals dachte. Jetzt ist sie Zeugin und eines der 13 mutmaßlichen Opfer von W., dem ehemaligen Chefarzt der Gefäßchirurgie am Bamberger Klinikum.

Die Frau machte ihre Aussage am Dienstag im Vergewaltigungsprozess gegen W. in öffentlicher Sitzung. Seit April muss sich der Mediziner vor der Zweiten Strafkammer verantworten, ist auch der sexuellen Nötigung, gefährlichen Körperverletzung und Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen angeklagt.

Auch fünf oder sechs Fotos, die die Intimzone der 33-Jährigen zeigen, befinden sich bei den Gerichtsakten. Sie sollen während einer Untersuchung am 5. August 2010 entstanden sein. Die Frau berichtete, dass sie schon über dem Abendessen war, als eine Schwester sie per Rollstuhl im Krankenzimmer abholte und zum Chefarzt brachte. Außer W. sei niemand mehr in der Klinik für Gefäßchirurgie gewesen, was sie "schon etwas unheimlich" empfunden habe.

Was dort mit ihr passiert ist, weiß die Zeugin nicht. Ihr fehlt, wie allen mutmaßlichen Opfern, jede Erinnerung daran. Das letzte, was sie wisse, sei, dass der Chefarzt sich über sie beugte, um ihr das angebliche Kontrastmittel zu spritzen. Später sei sie durch ihr eigenes Sprechen wieder aufgewacht und habe sich "wie abgeschossen" gefühlt.

Jahre später erfuhr die Frau von der Polizei, dass man in W.s Unterlagen Fotos sichergestellt hat, die ihren nackten Unterleib und seine Finger zeigen. Erst sei sie schockiert gewesen, dann wütend, antwortete sie auf die Fragen von Vorsitzendem Richter Manfred Schmidt. Wut sei deshalb in ihr hochgekommen, "dass man mich wo anfasst, was man auf den Bildern auch sieht, und wovon ich nichts weiß".

So sachlich und souverän die Zeugin wirkte - verarbeitet hat sie das Ganze nach eigenen Angaben noch lange nicht. Sie sagte, sie leide unter der Existenz der Fotos und unter der Erinnerungslücke. Es lasse sie vor allem die Frage nicht los, "was vielleicht noch war", damals in W.s Behandlungsraum.

Der Angeklagte versicherte der Zeugin, er habe die Bilder ausschließlich zu medizinischen Zwecken gemacht, und, dass es im leid tue, wenn es ihr schlecht gehe: "Ich wünsche Ihnen alles Gute."

W. stritt auch im Fall dieser Zeugin aus Unterfranken ab, dass sein Tun und die Fotos sexuell motiviert gewesen wären. Das genau wirft ihm ja die Staatsanwaltschaft vor.


Noch ein Prozesstag 2015

Eine weitere Zeugin sagte erst aus, nachdem Medienvertreter und Zuhörer den Sitzungssaal verlassen hatten. Der Anklageschrift zufolge ist die 28-jährige Bambergerin im Februar 2010 als Patientin bei Heinz W. gewesen und zu einem seiner Opfer geworden.

Der Prozess geht am 22. Dezember (9 Uhr) weiter. Für den letzten Verhandlungstag 2015 hat die Strafkammer mehrere Zeugen geladen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren