Bamberg
Öffentliche Bücherschränke

Bücher aus der Telefonzelle in der Gartenstadt

In der Gartenstadt wird Ende April eine kostenlose Mini-Bücherei in Betrieb genommen. Die Initiative kam von der Zweigstelle St. Kunigund der Stadtbücherei.
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Am Dienstag haben Mitarbeiter des Gartenamtes diese alte Telefonzelle in der Gartenstadt aufgestellt. Bis Ende April wird darin eine Mini-Bücherei eingerichtet sein.  Foto: Ronald Rinklef
Am Dienstag haben Mitarbeiter des Gartenamtes diese alte Telefonzelle in der Gartenstadt aufgestellt. Bis Ende April wird darin eine Mini-Bücherei eingerichtet sein. Foto: Ronald Rinklef
An eine Begegnung der anderen Art oder an eine Zeitreise mag mancher denken, wenn er am Gartenstädter Markt vorbeikommt. Die Illusion kommt von einem roten Kasten, der einmal eine Telefonzelle war. Ältere erinnern sich: Als es noch keine Handys gab und man unterwegs telefonieren wollte, musste man solche Zellen ansteuern, aus zerfledderten Telefonbüchern die Nummer heraussuchen, Münzgeld oder Karte einschieben, wählen und hoffen, dass am anderen Ende der Leitung der erhoffte Gesprächspartner an seinem Festnetz-Telefon saß.

Es war am Dienstag dieser Woche aber keine Telefongesellschaft, die jene Zelle auf einer schon länger vorbereiteten Stelle aufgestellt hat, sondern Mitarbeiter des städtischen Gartenamtes. Und man ahnt es: Das rote "Zimmerchen" soll auch nicht als Telefonzelle dienen.


Großer "Umsatz" im Rathaus

Eine Mini-Bücherei - im offiziellen Sprachgebrauch "Öffentlicher Bücherschrank" - soll sie werden und folgendermaßen funktionieren: Jeder, der möchte, kann dort ein oder mehrere Bücher hineinstellen, die er selbst nicht mehr braucht, und sich andererseits kostenlos am dort eingestellten Lesestoff bedienen.

In der Stadt gibt es schon drei Bücherschränke, die nach Auskunft von Ulrike Siebenhaar, Pressesprecherin der Stadt Bamberg, hervorragend funktionieren. Sie sind im dritten Stock der Rathäuser Maxplatz und Geyerswörth sowie in der VHS zu finden und verzeichnen einen bemerkenswerten "Umsatz": "Da stehen immer Leute davor, bringen Bücher und nehmen welche mit!" Besucher eines jeden Alters tauschen Bücher, CDs und DVDs.

In Zukunft soll das Angebot auf die ganze Stadt ausgerollt werden, so der Wunsch von Bürgermeister Christian Lange. Zusammen mit der Stadtbücherei werde derzeit ein Konzept erstellt. Gesucht werden Bürgervereine und Sponsoren, die das Vorhaben unterstützen.

Den Beginn macht die Gartenstadt, wo sich der dortige Bürgerverein für die Sache ein- und eine Anregung umsetzt, die von Monika Cobb kommt, der Leiterin der Zweigstelle St. Kunigund der Stadtbücherei.

BV-Vorsitzender Matthias Neller berichtete dem FT, dass er Ende vergangenen Jahres in Fürstenfeldbruck auf eine "frisch sanierte Telefonzelle mit Einbauten" gestoßen sei, die dort nicht mehr gebraucht wurde. Der Bürgerverein habe diese "gute, schöne und günstige Möglichkeit" ergriffen und die Telefonzelle gekauft.

Am vergangenen Wochenende wurde sie nach Bamberg gebracht und am Dienstag von Mitarbeitern des Gartenamtes auf der bereits präparierten Standfläche aufgebaut. Bis zur Einweihung und Inbetriebnahme dauert es noch ein paar Tage. Vorgesehen ist sie Ende April. Bis dahin soll die alte Telefonzelle noch einmal überarbeitet, verschönert und mit Regalen und Beleuchtung versehen werden.

Das A und O für den Betrieb eines öffentlichen Bücherschranks aber ist, dass sich jemand darum kümmert. Dabei denken Fachleute wie Christiane Weiß, Leiterin der Stadtbücherei Bamberg, weniger an Vandalismus als vielmehr an die Gefahr, die Schränke könnten für ideologische Zwecke missbraucht und Bücher mit beispielsweise nationalsozialistischem oder rassistischem Inhalt eingestellt werden.

Anne Reimann, Leiterin der Stadtbücherei Erlangen, hatte ursprünglich einmal die gleichen Befürchtungen, die sich aber in den zwei oder drei Jahren, in denen es in Erlangen zwei öffentliche Bücherschränke gibt (am Kulturzentrum E-Werk und in der Hauptstraße), nicht bestätigt haben. "Ich bin positiv überrascht!"


Es braucht einen Kümmerer

Das bedeutet laut Reimann jedoch nicht, dass die Bücherschränke sich selbst überlassen sein dürfen. Es muss sich jemand darum kümmern, die Bücher sortieren und notfalls ausmisten Für die Stadtbücherei Erlangen stellt Anne Reimann unmissverständlich fest: "Das können Hauptamtliche einer Stadtbücherei nicht nebenher machen."
In Erlangen werden die Bücherschränke vom E-Werk und vom Lions-Club gepflegt. In der Gartenstadt wird diese Aufgabe der Bürgerverein mit ehrenamtlichen Kräften übernehmen.

Bücherschrank-Initiatorin Monika Cobb hofft, dass sich die meisten Nutzer an den ursprünglichen Gedanken der Erfinder halten werden: "Ich bringe ein Buch, ich nehme ein Buch."


Keine Konkurrenz in Sicht

Was nicht gerne gesehen wird, ist, wenn Leute entrümpeln und ganze Kartons mit Büchern vor oder in einem solchen Bücherschrank "entsorgen". So ist das kürzlich einmal im Rathaus Maxplatz passiert. Dort sortiert übrigens ein älterer Herr aus freien Stücken mehrmals die Woche den Schrank.

Eine Konkurrenz zu den etablierten Büchereien sehen die Bücherei-Leiterinnen nicht. Nach speziellen Informationen und Autoren werde man niemals in einem öffentlichen Bücherschrank suchen, sagt Anne Reimann in Erlangen. Außerdem: "Es ist völlig egal, woher die Leute ihre Bücher holen. Hauptsache, sie lesen."












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