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Bamberg
Wohnen

Barrierefrei ist keine Hexerei

Sabine Brückner-Zahneisen lebt mit ihrem Mann in einem Musterhaus in Bamberg. Das Ehepaar erprobt hier technische Hilfen für das Leben im Alter.
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Sabine Brückner-Zahneisen zeigt, wie sich in ihrem Haus auf Knopfdruck die Haustür öffnen lässt - von überall aus. Foto: Barbara Herbst
Sabine Brückner-Zahneisen zeigt, wie sich in ihrem Haus auf Knopfdruck die Haustür öffnen lässt - von überall aus. Foto: Barbara Herbst
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Sie hat gesehen, dass wir kommen. Zur Tür eilt Sabine Brückner-Zahneisen dennoch nicht, obwohl es ihre Gesundheit locker erlauben würde. Sie muss es nicht. Die Haustür öffnet sich von allein, bequem auf Knopfdruck, per Fernbedienung in der Hand.


Berufs- und Privatleben verbunden

Für Menschen mit Behinderung oder Senioren ist das ein Segen. Für Brückner-Zahneisen ist es zunächst ein Versuch. Im Norden Bambergs, am Rand der Gärtnerflur, haben sie und ihr Mann in einem aufgelassenen Schrebergarten ein eingeschossiges Fertighaus bezogen, entstanden in drei Tagen aus zwei Containern. Die Diplom-Sozialpädagogin und der Diplom-Soziologe erproben hier technische Möglichkeiten und Konzepte für ein selbstständiges Leben im Alter, ohne darauf angewiesen zu sein.
Mit diesem Musterhaus-Test verbinden die beiden quasi Berufs- und Privatleben. Sie führen die Geschäfte der Sophia living network GmbH, einem bundesweit tätigen Unternehmen, an dem die Bamberger Joseph-Stiftung beteiligt ist, die auch das Grundstück für das Musterhaus von der Stadt gepachtet hat. Die Firma Sophia betreut seit rund zehn Jahren, unter anderem mit Angeboten wie Hausnotruf oder Beratungen für mögliche Hilfen im Alltag, vor allem ältere Menschen in Nordbayern. Inzwischen sind es hier nach eigenen Angaben rund 1500 Kunden.


Auch von der Badewanne aus

Eines der Beratungsangebote: Besichtigung des ständig bewohnten Musterhauses. "Es wäre doch ganz spannend, all das im Alltag selbst auszuprobieren", beschreibt Brückner-Zahneisen die Idee für ihr privates Lebensumfeld seit vier Jahren. Der Modulanbieter für das Sophia-Haus sitzt in der Nähe von Bielefeld. "Das Haus kam mit Kaminofen, Bad und Lichtern. Und es könnte jederzeit umziehen", sagt die 55-Jährige.
Ebenerdig ohne Stufe betritt der Gast dieses Haus, nachdem die Haustür wie beim Auto per Funk-Schlüssel geöffnet und wieder geschlossen wurde. Auch ein Klick auf einen Taster im Flur hätte sie bewegen können. Aber mit der Fernbedienung geht es noch leichter - selbst von der Badewanne aus. Vorausgesetzt, der Hausbewohner hat zusätzlich die Entriegelung ausgelöst. "Aus Versehen öffnet sich die Haustür nicht", versichert Brückner-Zahneisen.


Keller nicht nötig

Über einen Keller verfügt dieses Musterhaus für ein selbstbestimmtes Leben im Alter nicht. "Nicht nötig. Man sammelt später nicht mehr so viel", sagt die Sophia-Geschäftsführerin. Sie und ihr Mann seien von einer 130 Quadratmeter großen Mietswohnung auf zwei Etagen samt Keller hierher umgezogen. "Das geht. Man muss nur wollen."
Nicht jeder kann oder will sich im Alter ein neues Fertighaus leisten. Aber auch, wer seine eigenen vier Wände weiterhin bewohnen will, könne mit kleinen Änderungen schon viel erreichen, sagt die Nürnberger Architektin Maria Böhmer, Fachberaterin für barrierefreies Bauen und Wohnen der Bayerischen Architektenkammer. Und das fange schon beim Mobiliar an. "Wir sagen den älteren Leuten: Schaut euch um, ob ihr nicht auf etwas verzichten könnt."


Flure mindestens 1,20 Meter breit

Hintergrund ist eine DIN-Norm, die Barrierefreiheit in Wohnhäusern definiert. Demnach sollten nicht nur die Flure 1,20 Meter breit sein, sondern in jedem Raum - auch im Bad - müsste eine Fläche von 1,20 Meter auf 1,20 Meter zur Verfügung stehen, um sich zu bewegen.
So eine Fläche ist in der Regel vorhanden. Nur ist sie oft zugestellt, von Kommoden, Blumen oder anderen Dingen. Böhmer nennt weitere Maße für Barrierefreiheit: Das lichte Maß, also der tatsächliche Durchgang der Eingangstür, muss mindestens 90 Zentimeter betragen, bei Innentüren seien 80 Zentimeter vorgeschrieben. "Da kommt es auf jeden Zentimeter an", betont die Diplom-Ingenieurin.


Oft reicht der Rollator

Öffentliche Bauten orientieren sich laut Böhmer heute an den Richtlinien für Rollstuhlfahrer. Demnach sind hier alle Türen 90 Zentimeter breit und in jedem Raum stehe eine Freifläche von 1,50 Meter auf 1,50 Meter zur Verfügung. Senioren seien aber nach ihrer Erfahrung eher selten auf einen Rollstuhl angewiesen. "Da reicht oft ein Krückstock oder ein Rollator."


Steht das Zimmer zu voll?

Böhmer betont, dass barrierefreies Bauen oder Wohnen nicht unbedingt eine Sache des Geldes sei. "Barrierefreiheit ist bei einem Neubau nicht teurer als bei einem Standardbau, wenn ich im Erdgeschoss bin und keinen Aufzug brauche."
Auch der Platzbedarf sei nebensächlich. "Wenn man in einem Zimmer die Fläche von 1,20 Meter auf 1,20 Meter nicht findet, dann muss man sich überlegen, ob es nicht zu voll steht." Im Bad sei die bodengleiche Dusche inzwischen Standard geworden. Da die Industrie heute zuhauf Produkte entwickle, die barrierefreies Bauen erlauben, seien diese auch nicht mehr teuer. Auch Spezialhandwerker müsse man nicht mühselig suchen. "Die Handwerkskammer für Oberfranken schult zum Beispiel regelmäßig ihre Mitglieder", berichtet Böhmer. Es gebe das Zertifikat "Generationenfreundlicher Betrieb", das auf diese Qualifikation hinweise.


Knackpunkt: Balkonschwelle

Wenn es um barrierefreie Neubauten geht, empfiehlt die Expertin vor allem, auf zwei Dinge zu achten: ein ebenes Grundstück ("Sonst sind im Einfamilienhaus Aufzüge mit utopischen Kosten nötig.") und ein Umfeld mit Einkaufsmöglichkeiten sowie medizinischer Versorgung. Gebe es nicht zumindest ein Bus-Angebot mit barrierefreiem Einstieg, müsse man sich gut überlegen, ob man in so ein Wohngebiet ziehe. Innerhalb einer Wohnung sei komplett auf Schwellen zu verzichten. "Der Ausgang zum Balkon ist da noch ein Knackpunkt, weil die Bayerische Bauordnung einen Höhenunterschied von 15 Zentimetern vorsieht, um Wasser draußen zu halten." Böhmer empfiehlt außen einen Holzrost-Belag oder einen Stahlgitterrost, damit das Wasser darunter abfließen kann. Auch eine kleine Überdachung helfe. So könne selbst der Zugang zum Balkon ebenerdig erfolgen.

Rat und Besichtigen

Die Bayerische Architektenkammer bietet an mehreren Orten kostenlose Beratungen zur Barrierefreiheit an:

Böhmer-Termine Maria Böhmer ist dazu am 1. und 15. Dezember von 16 bis 18 Uhr in Nürnberg, Baumeisterhaus der Stadt, Kleiner Konferenzraum EG, Bauhof 9 sowie am 7. Dezember von 16.30 bis 18.30 Uhr in Bayreuth, Regierung von Oberfranken, Besprechungszimmer Präsidium L 106, Ludwigstraße 20.

Weitere Orte Die Kammer berät u.a. auch in Lichtenfels (30.11., 16 - 18 Uhr, Landratsamt, Raum E 57, EG, Kronacher Straße 28/30), Würzburg (30.11., 14 - 16 Uhr, Regierung von Unterfranken, Sitzungssaal C, 2.,OG, Stephanstraße 2) und Bad Neustadt (1.12., 14 - 16 Uhr, Landratsamt Rhön-Grabfeld, Zimmer 130, Spörleinstraße 11).

Kontakt Anmeldung ist erwünscht über die Bayerische Architektenkammer, Telefon 089 / 13 98 80 - 80.

Sophia-Haus Wer das Musterhaus in Bamberg, Villachstr. 13, besichtigen möchte, kann bei der Sophia living network GmbH einen Termin vereinbaren: Telefon 0951 / 20 88 0.
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