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Bamberg
Vergessene Brauereien

Stadtgeschichte: "Bambergs erste Bierfabrik"

Wer erinnert sich noch an die Hofbräu? Einer der größten Braubetriebe Nordbayerns war das Unternehmen, das Willy Lessings Vater 1885 gründete.
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Die "Hofbräu" an der Pödeldorfer Straße auf dem Gelände der heutigen AOK Foto: Stadtarchiv Bamberg
Die "Hofbräu" an der Pödeldorfer Straße auf dem Gelände der heutigen AOK Foto: Stadtarchiv Bamberg
Kräftig rührten schon die Pioniere die Werbetrommel: "Frankenbräu Bamberg - prämiert bei der Weltausstellung in Brüssel 1888 - empfiehlt ihre anerkannt vorzüglichen Biere", hieß es in einer noch im 19. Jahrhundert erschienenen Anzeige. Als besondere Spezialität empfahl man Genießern die ",Deutsche Würze' in prachtvoller goldgelber Farbe" - erhältlich für einen Flaschenbier-Preis von 32 Pfennigen. Während Kunden fürs Lagerbier 22 Pfennige und fürs Bockbier 40 Pfennige pro Liter berappen mussten. Dazu noch ein Verweis auf weitere Auszeichnungen und die "Telephon-Ruf"-Nummer: 32. So präsentierte sich in der guten alten Zeit ein Unternehmen, das ein eigenes Geschichtskapitel unserer Bierstadt prägte und in der Reihe "Bambergs vergessene Brauereien" wieder aufleben soll.


Vom Prinzen geehrt

Erinnern Sie sich noch an die gründerzeitlichen Backsteingebäude auf dem Areal der heutigen AOK? Bis 1982 waren sie an der Pödeldorfer Straße 75 zu finden, wo die "Hofbräu AG" residierte. So hatte Prinz Rupprecht von Bayern der "Ersten Bamberger Exportbrauerei Frankenbräu" um die Jahrhundertwende diesen Titel verliehen, nachdem er das Sortiment bei einem Besuch antestete und wohl dementsprechend berauschend fand.



Kein traditioneller Handwerksbetrieb

Es war Willy Lessings Vater Simon Lessing, der Bambergs erste "Bierfabrik" 1885 aus der Taufe hob, wie Christian Fiedler in "Bamberg - Die wahre Hauptstadt des Bieres" berichtet. Mit einem Grundkapital von 1,1 Millionen Mark ließ der Hopfenhändler sein Unternehmen ins Handelsregister eintragen. "Im Gegensatz zu fast allen anderen heimischen Braustätten entstammte die Hofbräu AG demnach keinem traditionellen Handwerksbetrieb, sondern war von Beginn an für die industrielle Bierproduktion ausgelegt."



Partner in New York

Noch vor der Jahrhundertwende entwickelte sie sich zur größten Braustätte Bambergs und erreichte einen Ausstoß von rund 100 000 Hektolitern jährlich. Partner in New York und Chicago organisierten den Vertrieb in Nordamerika. Zum Brauereikonzern entwickelte sich das Unternehmen aber erst nach dem Tode Simon Lessings, nach dem der 22-jährige Willy Lessing zusammen mit seiner Mutter die Leitung der Hofbräu Bamberg AG übernahm.



Kleine geschluckt

Unter Generaldirektor Ignaz Nacher begann 1918 die weitere Ausdehnung der Großbrauerei. Diverse Konkurrenzunternehmen schluckte die "Hofbräu" - etwa die Haßfurter Brauerei "Wunschel & Dechant", das Erlanger Brauhaus "Erlwein & Schultheiß", Betriebe in Forchheim, Lichtenfels, Grafenwöhr und Weiden. "Auch auf Bamberger Territorium nutzte Nacher die durch den Ersten Weltkrieg geschwächte Bierbranche zur Expansion", schreibt Christian Fiedler. Nach der Brauerei Stöhr, die schon 1891 übernommen wurde, folgten 1920 die Bären- und Eckenbüttnerbräu AG, die Weißtauben-Bräu und die Brauerei Storch.



500 Mitarbeiter

Innerhalb eines Jahrzehnts war die Hofbräu schließlich "zu einem der größten Braubetriebe Nordbayerns" geworden. Und beschäftigte rund 500 Mitarbeiter, 250 allein in Bamberg, die für eine jährliche Ausstoßmenge von 280 000 Hektolitern sorgten: "Bier, das nun schon teilweise bis nach Nordamerika exportiert wurde."


Unternehmen wurde "arisiert"

Dunkle und helle Lagerbiere produzierte die "Hofbräu" damals, Export-, Märzen- und Starkbiere unter den Warenzeichen "Dominator" und "Exquisator", wie Herbert Loebl in "Juden in Bamberg" berichtete. Die "Machtergreifung" der Nationalsozialisten aber brachte für die bisherigen Hauptaktionäre die Wende. Das Unternehmen wurde "arisiert", Nacher ebenso wie Lessing enteignet. Knapp drei Jahre später starb der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde: Willy Lessing erlag im Januar 1939 den Folgen brutaler Misshandlungen, nachdem er in der Reichspogromnacht nach dem Sturm auf die Bamberger Synagoge noch versucht hatte, die Thorarolle zu retten.


In Belgien der Renner

Als "Armeebrauerei" diente die "Hofbräu AG" den Alliierten während der amerikanischen Besatzungszeit. Der Export in die europäischen Nachbarländer wurde Fiedler zufolge weiter ausgebaut. "1953 werden ,mehrere Tausend Kästen' Starkbier pro Monat allein nach Belgien geliefert, wobei die belgischen Aufkäufer ausdrücklich auf ein deutschsprachiges Flaschenetikett als Qualitätsbeweis bestehen."



Auch Künstler aus dem Ausland

Zum Direktor der Brauerei wurde in jenen Jahren Oskar Müller, dessen Witwe noch Plakate aus der Zeit als Erinnerungsstücke aufbewahrt. "Nach seinem Studium in Weihenstephan war mein Mann zur ,Hofbräu' gekommen", sagt die heute 95-jährige Ursula Müller, die selbst aus Breslau stammt, flüchtete und 1947 nach Bamberg kam. 1951 heiratete das Paar, das mit seinen zwei Töchtern wenige Schritte von der Großbrauerei entfernt in der ",Hofbräu-Villa', wie unser Zuhause im Volksmund hieß" wohnte. Gut erinnert sich die Witwe des früheren Direktors noch an das Tennenfest, das einmal im Jahr als gesellschaftlicher Höhepunkt zelebriert wurde. "Da kamen alle Bamberger Stadträte und andere Prominenz, selbst Künstler aus dem Ausland."


18 Liter für Angestellte

So war das Wirtschaftswunder eben auch bei der "Hofbräu" spürbar, wo mittlerweile neben Gerstensaft Limonaden wie "Serino" oder etwa "ToppKola" sprudelten. Und die Belegschaft profitierte vom Unternehmenserfolg, wie in "Bamberg. Die wahre Hauptstadt des Bieres" nachzulesen ist. "Die Belegschaft erhielt eine wöchentliche Bierzugabe für den Eigenverbrauch": 18 Liter gab's für männliche Angestellte, 12 für Mitarbeiterinnen und 12 Liter Limonade pro Lehrling. Das Leib- und Magengetränk von Direktor Müller war übrigens das Pils der Hofbräu, wie seine Witwe noch berichtete.

Erst in den 70er Jahren ging's mit der zweitgrößten Brauerei Oberfrankens bergab, nachdem sich die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank als Mehrheitseigentümer von ihren Aktien getrennt hatte. "Die deutsche Brauindustrie wurde von einem bislang nicht gekannten Konzentrationsprozess überformt", berichtet Christian Fiedler. Der rückläufige Bierkonsum führte vielerorts zu Betriebsschließungen. An der Pödeldorfer Straße war es 1977 so weit. Und im Frühjahr 1982 verschwanden die Backsteingebäude als letzte Reminiszenz an Bambergs stolze "Hofbräu", die ein Jahrhundert zuvor Hopfenhändler Simon Lessing gegründet hatte.



Weitere Informationen

Das Buch "Bamberg. Die wahre Hauptstadt des Bieres" von Christian Fiedler erschien unter ISBN 978-3-00-051417-3. Erhältlich ist es für 22,90 € bei den Bamberger Geschäftsstellen der Mediengruppe Oberfranken und im örtlichen Buchhandel. Shophotline: 0800-5005080

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