Bamberg
Rezension

Bambergs "animalische" Seite

Auf den Spuren gefiederter Helden und berühmter Vierbeiner wandelte Tatjana Jakob. Das Ergebnis landete unter dem Titel "Das tierische Bamberg" im Handel.
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Offenbar ist dieser Adler standhafter als sein Vorgänger, der 1881 abstürzte, den Düthorn-Brunnen verließ und auf Wanderschaft ging. Foto: Gerhard Albert
Offenbar ist dieser Adler standhafter als sein Vorgänger, der 1881 abstürzte, den Düthorn-Brunnen verließ und auf Wanderschaft ging. Foto: Gerhard Albert
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Ein spießbürgerlicher Kater feiert als Schriftsteller Erfolge. Löwen verwandeln sich in Kröten, die den Dom in höllischer Mission zum Einsturz bringen wollen. Ein Bär als freischaffender Künstler. Kühe, die zum Himmel aufsteigen: Wollen Sie mehr davon? Dann dürfen Sie sich "Das tierische Bamberg im Lichte der Stadtgeschichte" nicht entgehen lassen. Ein Gemeinschaftswerk von Tatjana Jakob, die die "animalische" Seite ihrer Wahlheimat zeigt, und Gerhard Albert, der sämtliche Kreaturen mit der Kamera ins rechte Licht rückte.



Hommage an die Wahlheimat

"Ich liebe Bamberg tierisch", bekennt die Autorin gleich in den ersten Zeilen des Buches, das sich die steinernen, blechernen, tönernen, auch pelzigen Zeitzeugen vergangener Jahrhunderte vornimmt.
Als Fremdenführerin wandelt die aus Russland stammende Germanistin und Kunsthistorikerin ja seit langem auf den Spuren renommierter Bamberger. Kommt in ihrer Hommage an die Wahlheimat nun aber von Zweibeinern zu prominenten Viechern: Wie dem eingangs erwähnten Kater Murr, mit dessen Hilfe E.T.A. Hoffmann der zeitgenössischen Gesellschaft die Krallen zeigte. In einem eigenen Kapitel erinnert Tatjana Jakob an das schnurrende Original, das "im Schubkasten des Schreibtisches seines Herrn" schlief, den Murr mit den Pfoten aufzog.


Besondere Ehre für den Kater

Zuletzt war der Kater Hoffmann so ans Herz gewachsen, dass der Literat nach dessen Tod mit einer lithographierten Traueranzeige für Gesprächsstoff sorgte: "In der Nacht vom 29. bis zum 30. November d. J. entschlief, um zu einem beßern Dasein zu erwachen, mein theurer geliebter Zögling ... Wer den verewigten Jüngling kannte ... mißt meinen Schmerz und ehrt ihn durch Schweigen." Zu besonderer Ehre kam der Stubentiger in Bamberg aber auch über das Dichter-Denkmal auf dem E.T.A.-Hoffmann-Platz, das Murr auf der Schulter des Genies zeigt.

Eine Legende ums Ross des Bamberger Reiters, der durchs Fürstenportal in den Dom ritt, greift die Autorin auf. Demnach bremste der stolze Vierbeiner seinen respektlosen Herrn an dieser Stelle aus - "weil die Licht spendenden Kerzen des Gotteshauses das Tier eher erleuchtet haben als den Menschen..." Als "wahre" Bamberger Reiter kommen die "Sekt-Ulanen" ins Spiel, wie Spötter das Regiment nannten.



Ein "Pechvogel" stürzt ab

Zur Zeitreisenden wird Tatjana Jakob, um sich dem Raubvogel zu nähern, der in der Karolinenstraße eine eigene Welt in den Krallen hält. So fährt die Stadtführerin mit der Straßenbahn, die in Bamberg zu Beginn des 20. Jahrhunderts verkehrte, zum Düthorn-Brunnen mit dem Adler. "Einmal ist dieses Tier der Lüfte tatsächlich aufgeflogen, aber nicht in die himmlische Sphäre. Es hat sich 1881 von seiner Kugel gestürzt", erfahren Leser. Bildhauer Lorenz Kamm schuf den "Pechvogel" neu, der sich 1901 auf die Altenburg absetzte und von dort weiter Richtung Bürgerspital zog. Sodass Hans Leitherer 1928 ein weiteres Exemplar fertigte, das fortan auf der Erdkugel des Düthorn-Brunnens - jederzeit bereit zum Abflug - thronte.

Die nächste Station der Zeitreise führt über einen "Ochsen, der erwachsen wird ohne zuvor ein Kalb gewesen zu sein" ins Jahr 1742: Mit Pauken und Trompeten ziehen Metzger ins neue Schlachthaus am Kranen ein, über dessen Portal besagtes Rind zu sehen ist. "Bis zum Knie" steht der Sandsteinbau in der Regnitz, in die man den Hygienevorstellungen der damaligen Zeit entsprechend sämtliche Schlachtabfälle entsorgte.


Wahre Knochenmühlen

Neben Metzgern gab's damals noch Gerber, die sich der Häute der Tiere annahmen. Und Kammmacher, die die Hörner weiterverwerteten. "Die Knochen hat man in den Knochenmühlen zu Seife und Leim verarbeitet", berichtet Tatjana Jakob. Aber zurück zum Ochsen, "dem der Leidensweg seiner Artgenossen erspart blieb". Dafür raubte man ihm die Kindheit, wie das von Johann Adam Nickel gestaltete Tier in der Inschrift über dem Portal klagt: "Sogleich ein Ochs und nicht vorher ein Kalb zu sein, ist gegen die Natur. Doch trifft es bei mir ein ... da mich des Künstlers Hand zum Ochsen hat gemacht, ehe ich in Kälberstand von der Natur gebracht."

Was der philosophierende Vierbeiner wohl zu dem tätlichen Übergriff sagte, der ihn 1999 verstümmelte? Bei der letzten Sandkerwa des Jahrtausends brach ein Horn des Ochsen ab, an dem die Kabel eines Karussells zerrten. Verschollen blieb das Originalhorn, das es zu ersetzen galt. Erst anderthalb Jahre nach dem Verschwinden gab's Ersatz aus Bambergs ungarischer Partnerstadt Esztergom.

Durch 18 Kapitel führt die Kunsthistorikerin mit Wortwitz, überschäumender Phantasie und beachtlichem Detailwissen: Kapitel, in denen auch Drachen ihr Unwesen treiben, eine Meerjungfrau Passanten verführt und "Berganza" als sprechender Hund Leser erwartet. Als Bambergs letzter Burgbär lebt "Poldi" auf - neben zahllosen weiteren Wesen, die in Stein gehauen an historischen Häusern, Brunnen und Denkmälern zu finden sind. Zum krönenden Schluss mischen sich zwei noch lebende Exemplare lautstark ins Geschehen ein: Wenige Meter von der Konzerthalle entfernt zeigen sich Hausente "Liesel" und Hausgans "Gisela" inmitten einer schwimmenden Entenkolonie. In Szene gesetzt von Gerhard Albert als Stegauracher Fotografen, der sich 2015 über die Ausstellung "Gesichter Indiens" zu profilieren wusste.



Auf einen Blick

Zum Buch: "Das tierische Bamberg: Im Lichte der Stadtgeschichte" von Tatjana Jakob und Gerhard Albert (Fotograf), erschienen im Genniges Verlag, ist unter ISBN 978-3-924983-55-0 im Handel erhältlich.

Zur Präsentation: Im Stadtarchiv (Untere Sandstraße 30A) findet die Buchpräsentation am 2. März ab 19 Uhr mit einer Einführung von Horst Gehringer statt.
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