Der frühe Wintereinbruch passt Gertraud Wolf und Lars Kröger überhaupt nicht ins Konzept. Sie gehören zu einem kleinen Team von Archäologen, das auf dem ehemaligen Metzner-Gelände zwischen Promenade und Keßlerstraße die Reste der alten Bamberger Stadtmauern gesucht und gefunden hat. Sie entdeckten Teile der Mauern aus dem 13. und 15. Jahrhundert ziemlich genau dort, wo man sie nach alten Stadtplänen vermutet hat.

Die gezielten Grabungen leitet das Unternehmen ArcTron, Ingenieurbüro für 3-D-Vermessung und Archäologie in Altenthann bei Regensburg. Wolf ist die stellvertretende Grabungsleiterin. Ihr Auftrag hängt mit den Plänen der Sparkasse auf diesem und angrenzenden Grundstücken zusammen: Sie will zwischen Langer Straße und ZOB nach wie vor ein neues Geschäftsviertel schaffen. Statt einer großflächigen "Citypassage", die im Jahr 2005 am Veto der Denkmalpflege gescheitert war, schwebt der Bauherrin jetzt unter dem Namen "Quartier an der Stadtmauer" ein Nutzungskonzept vor, das sich an den gewachsenen Strukturen der Altstadt orientiert. Die alten Stadtmauern aus dem 13. und späten 15. Jahrhundert und vor allem die Stelle, an der beide fast rechtwinklig aufeinander treffen müssten, spielen in den neuesten Überlegungen eine wichtige Rolle. Sie geben dem möglichen Einzelhandelsstandort nicht nur den Namen, sondern ihr Verlauf soll an der künftigen Bebauung ablesbar sein.

Das ist eine der drei Leitideen, die dem aktuellen Konzept für das "Quartier an der Stadtmauer" zugrunde liegen. Die beiden anderen sind, so kleinteilig und verwinkelt zu bauen, wie es typisch für die Welterbestadt Bamberg ist, und im Untergeschoss eine Art Kulturfläche zu schaffen, die der jüdischen Vergangenheit des Viertels gewidmet ist. Das sei eine wesentliche Verbesserung gegenüber früheren Planungsansätzen, sagte Dietmar Sandler vom Münchener Stadtplanungsbüro Böhm Glaab Sandler Mittertrainer (bgsm) kürzlich im Stadtentwicklungssenat des Stadtrats.

Sein Sachstandsbericht wurde durchweg positiv aufgenommen. Die Stadträte begrüßten es, dass statt einer beliebigen Passage jetzt eine Bebauung im Gespräch ist, die "dem Ort angemessen ist", so Sandler.
Das Büro bgsm leistet im Auftrag der Sparkasse, ihres Projektentwicklers Multi Development Germany und eines örtlichen Projektbeirats die Vorarbeiten für das künftige Bebauungsplanverfahren und einen Architektenwettbewerb. Eine wichtige Planungsgrundlage stellen die Erkenntnisse der Archäologen dar, die gegenwärtig auf dem ehemaligen Metzner-Gelände tätig sind.

Sie würden eine "Vorab-Entscheidungshilfe" für die Bauherrin liefern, sagt Stadtarchäologe Stefan Pfaffenberger von der unteren Denkmalschutz-Behörde. Er begrüßt es ausdrücklich, dass die Grabungen zu einem so frühen Stadium möglich sind. Oft genug würden Archäologen als "Bremser" hingestellt, weil sie erst nach Baubeginn hinzugezogen wurden: "Hier bremsen wir nicht, hier beschleunigen wir!"
Von der Stadtmauer aus dem späten 15. Jahrhundert legten Wolf und ihr Team ein imposantes Stück frei, bestehend aus mehreren Lagen großer, rechteckiger Sandsteine. Das Bauwerk liegt quer unter dem betonierten Weg, der vor dem Toilettengebäude des ehemaligen Metzner-Komplexes verläuft, und reicht bis unter den früheren Milchladen. Den ursprünglichen Verlauf der Mauer müsse man sich entlang der heutigen Baulinie Promenade vorstellen, sagt Pfaffenberger. Weiter führte sie entlang des ehemaligen Stadtgrabens, heute die Straße Vorderer Graben hinter dem Rathaus Maxplatz.

Mauerfundamente am westlichen Rand des Metzner-Areals, also zur Keßlerstraße hin, konnten die Archäologen eindeutig der gut 200 Jahre älteren Mauer zuordnen: Aus den Schichten darunter bargen sie Keramik aus dem 12. Jahrhundert.

Dass die Bodendenkmalpfleger die erwarteten Funde gemacht haben, wurde Sparkassen-Direktor Konrad Gottschall gestern, an seinem ersten Arbeitstag nach einem Urlaub, berichtet. Die Sparkasse sehe sich in der Verpflichtung, so zu bauen, dass dieser "geschichtsträchtige Platz" bewusst und erlebbar werde, sagte er auf Anfrage dem FT. Er hofft, dem Stadtrat im März 2011 genehmigungsfähige Pläne für das neue "Quartier an der Stadtmauer" vorlegen zu können. Das sieht nach seinen Angaben der neue, mit Multi Development vereinbarte Zeitplan vor.