Bamberg
Historie

Bambergs Malerfamilie Treu: Mordpläne und eine entflohene Novizin

Als der Galanteriewarenhändler Jol Nathan zum katholischen Glauben übertreten wollte, sollte er ermordet werden. Doch er floh und wurde im Auftrag der Kirche ein berühmter Maler. Auch seine Kinder machten Karriere an den fürstbischöflichen Höfen in Bamberg und Würzburg.
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Kinderszenen waren ein beliebtes Motiv des Würzburger Hofmalers Nicolaus Treu. Foto: Michael Schulbert
Kinderszenen waren ein beliebtes Motiv des Würzburger Hofmalers Nicolaus Treu. Foto: Michael Schulbert
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Stammvater der Bamberger Malerfamilie Treu ist der am 22. Dezember 1712 geborene Jol Nathan, Sohn des Bamberger Hofjuden Wolf Nathan. Es heißt, der kluge Junge sei zum Studium nach Prag und Metz geschickt worden und habe dort die Bekanntschaft eines Geistlichen gemacht, der ihm katholisches Gedankengut vermittelte. Nach Bamberg zurückgekehrt, ließ sich Jol, nun Galanteriewarenhändler, 1733 taufen und nahm den Namen Joseph Marquard Treu an.


Mordpläne gegen Marquard Treu?


Bibliothekar Jäck berichtet, die Familie Nathan habe, als sie von Jols Plänen erfuhr, beschlossen, ihn zu ermorden. Aber auf Warnung seiner Schwester sei er geflohen und bei den Jesuiten untergekommen. Die Bamberger Museumsdirektorin Regina Hanemann verweist diese "Räuberpistole" heute "ins Reich der antisemitischen Fabuliererei", räumt aber ein, dass dem konvertierten Kaufmann durch den Glaubenswechsel wohl die jüdische Kundschaft wegbrach. Wie sollte Treu nun die Familie ernähren? Er erinnerte sich an sein schon als Kind gefördertes Mal- und Zeichentalent und nahm Unterricht. Aber vor allem ist die Kirche sein Auftraggeber; Altarbilder von Marquard Treu gibt es u. a. in Windheim bei Kronach, in Herrnsdorf und Pettstadt bei Bamberg.
Inzwischen waren die fünf Kinder herangewachsen und zeigten künstlerische Ambitionen. Da sich jeder Sprössling auf ein Genre spezialisierte, konnten vielerlei Aufträge erfüllt werden. An den fürstbischöflichen Residenzen in Bamberg und Bruchsal arbeiteten mehrere Familienmitglieder zusammen. 1766 wurde Treu Inspektor der Schönbornschen Galerie in Schloss Pommersfelden, was ihm ein regelmäßiges Einkommen sicherte. Ehefrau Catharina Friedrich, gleichfalls Malerin, starb 1787, Treu selbst am 9. Juni 1796.


Nicolaus Treu, der Porträtist


Obwohl er vielseitig begabt war und religiöse Szenen ebenso wie Stillleben malen konnte, befand Marquard Treu selbst, es seien eigentlich Wild und Geflügel, "worinnen ich mich sehen lassen kann". Seinem ältesten Sohn Johann Nico laus, geboren am 16. Mai 1734 in Bamberg, lag dagegen das Por trätfach.
Er hatte zunächst Philosophie studiert - wohl um den geistlichen Weg einzuschlagen -, war aber gegen den Willen des Vaters und der Lehrer zur Malerei gewechselt. In den folgenden Jahren arbeitete er in der elterlichen Werkstatt und unterrichtete seine Geschwister, doch schon bald empfahl er sich in Adelskreisen als hervorragender Porträtist. Seine Spezialität waren "Doppelbilder" mit einer prominenten Hauptfigur und einem Diener oder Höfling im Hintergrund. Auf diese Weise hatte er bereits 1759 in Rom den späteren Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal als jungen Edelmann dargestellt. In mehreren Museen wie auch im Privatbesitz befinden sich Kinderszenen. Für seine großen Werke ließ sich Nicolaus Treu verschlüsselte Signaturen einfallen - unter anderem stellte er eine Uhr auf drei (Trey) als Hinweis auf seinen Nachnamen.
Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim ernannte den Künstler zum Würzburger Hofmaler und schickte ihn auf eine Bildungsreise nach Paris, wo er neun Jahre lang blieb, eine Familie gründete, aber schließlich wieder an den Main zurückkehrte. Kurz darauf muss seine Ehefrau wohl verstorben sein, denn es heißt, er sei "als Witwer" weitergezogen nach Rom, wo er Gelegenheit bekam, den Papst in Lebensgröße zu porträtieren - ein Werk, das ihm nicht nur Diplome und Ehrenmedaillen, sondern auch den großen Preis der Akademie einbrachte. Über die Schweiz reiste Nicolaus Treu wieder nach Würzburg, wo er 1786 starb.


Christoph Treu, der Landschaftsmaler


Im Werk von Marquard Treus zweitem Sohn Johann Joseph Christoph, der 1739 in Bamberg zur Welt kam, drückt sich am augenfälligsten der Bamberger Kunstgeschmack in den letzten Jahrzehnten des Fürstbistums aus: Die Regenten hegten eine Vorliebe für die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts, die längst aus der Mode war. So hatte Fürstbischof Lothar Franz von Schönborn die Bestellung von Johann Rudolf Byss zum Hofmaler damit gerechtfertigt, er könne besonders gut im Stil der Niederländer arbeiten.
Kein Wunder also, dass sich auch die geschäftstüchtigen Treus mit diesem Sujet befassten. Sohn Christoph, der durch ein Stipendium gemeinsam mit seiner Schwester Catharina an der Düsseldorfer Kunstakademie ausgebildet worden war, bereiste Flandern und Holland, um die Altmeister zu studieren. Er spezialisierte sich auf die Landschaftsmalerei - das Historische Museum Bamberg hütet mehrere prachtvolle Städte- und Genrebilder aus seiner Hand: "Die monumentale Bamberg-Ansicht mit immerhin 3,50 Metern Höhe auf fünf Meter Breite ist eine Augenweide für Bamberg-Kenner", attestiert Museumsdirektorin Regina Hanemann. Aber auch Seestücke und Fantasielandschaften - wie das hier abgebildete Gemälde - gehören zu seinem Werk.
Der Künstler, dessen Bilder bei seinen Zeitgenossen äußerst beliebt waren, wurde zunächst zum kurfürstlich-kölnischen und 1776 zum fürstlich-bambergischen Hofmaler ernannt. Im gleichen Jahr berief Graf Hugo Damian von Schönborn Christoph Treu als Nachfolger seines Vaters Marquard zum Galerieinspektor in Pommersfelden, wo ihm auch die Restaurierung schadhafter Gemälde oblag.
1782 verheiratete sich Christoph Treu mit Eva Sauer, der Tochter eines Landbeamten, und hatte mit ihr sieben Kinder. Er starb am 2. Oktober 1799.


Maria Anna und Rosalie, Töchter in zweiter Reihe


Dass Marquard Treus Tochter Catharina, die es bis zur Kunstprofessorin brachte, eine Ausnahmeerscheinung war, haben wiran anderer Stelle beleuchtet. Doch auch ihre Schwestern waren künstlerisch tätig - allerdings, wie damals üblich, nur bis zu ihrer Verheiratung. Die am 26. Juli 1736 geborene Maria Anna Treu machte sich in jungen Jahren mit Jagdstücken, vor allem aber mit Miniaturbildern einen Namen und porträtierte mehrere Offiziere des Siebenjährigen Krieges. Ihre Schönheit, die der Maler Johann Heinrich Tischbein d. Ä. auf einem Gemälde festhielt, soll sogar einen ungarischen General entflammt haben. Sie aber heiratete 19-jährig zunächst einen Regierungsadvokaten namens Gerold und nach dessen Tod den Waisenhausverwalter Hemmerlein, brachte drei Kinder zur Welt und starb 1786. Ihr Sohn Joseph Hemmerlein vermachte 1838 seine Gemäldesammlung, darunter zahlreiche Arbeiten aus der Familie Treu, der Stadt Bamberg und schuf damit den Grundstock für das heutige Historische Museum.
Eine weitere Treu-Tochter, Rosalie (geboren am 18. Februar 1741), fand erst spät zur Malerei, doch schon ihr erstes Porträt des Hofrats Böttinger machte derart Furore, dass sie mit Bestellungen aus der ganzen Nachbarschaft überhäuft wurde. Sie reiste viel, entschloss sich aber 1776, in ein Kloster in Mainz einzutreten. Vier Tage vor Ablauf des Noviziats änderte Rosalie Treu aus nicht näher bekannten Gründen ihre Pläne: Sie kehrte nach Bamberg zurück und begann, wieder zu malen. 1786, mit 45 Jahren, heiratete sie den 18 Jahre jüngeren Joseph Dorn, der ein Schüler ihres Vaters gewesen war, als Maler und Kopist arbeitete und 1802 in der Nachfolge von Marquard und Christoph Treu Galerieinspektor in Pommersfelden wurde. Rosalie Treu überlebte sämtliche Geschwister und starb 89-jährig am 19. Dezember 1830.


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