Bamberg
Adventsaktion (3)

Bamberger rutscht vom Luxus in die Altersarmut ab

Der Diplom-Ingenieur, Grafiker und Autor Rolf Hirsch (65) führte ein schönes Leben und hatte eine schicke Wohnung. Seit Ende September wohnt er unter dem Dach von "Menschen in Not".
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Rolf Hirsch in einem künstlerisch verfremdeten Selbstporträt, das er an einer Wand in seinem "Wohnbüro" aufgehängt hat.
Rolf Hirsch in einem künstlerisch verfremdeten Selbstporträt, das er an einer Wand in seinem "Wohnbüro" aufgehängt hat.
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Wie es dazu kam, dass er Stammgast bei "Menschen in Not" wurde, schildert Rolf Hirsch im Interview mit unserer Zeitung. Wir sitzen uns im Nebenzimmer der Bamberger Wärmestube gegenüber, der bekanntesten Einrichtung im Treffpunkt "Menschen in Not" in der Siechenstraße 11. Nach seinem Beruf gefragt zählt Rolf auf: Diplom-Ingenieur Landespflege, Wohnraumgestalter, Autor und Grafiker, immer selbstständig.

Abstieg in Etappen
Er berichtet von einem sozialen Abstieg in Etappen: erst ein beruflicher Misserfolg, daraus resultierende Schulden, dann Alkoholmissbrauch, schließlich wird ihm seine 150-Quadratmeter-Wohnung in der Bamberger Innenstadt gekündigt.

Das war 2010 und der Akademiker schon Bezieher von Sozialhilfe. Um nicht in der städtischen Obdachlosenunterkunft an der Theresienstraße zu landen, trat er eine Entgiftung im Klinikum an und anschließend eine Langzeitherapie in verschiedenen Einrichtungen. Seit zwei Jahren "trocken" hat er mit Glück und der Hilfe eines Freundes einen der begehrten fünf Plätze im begleiteten Wohnen von "Menschen in Not" gekommen.

Appell an Vermieter
Seit preiswerter Wohnraum in Bamberg Mangelware ist, wird es für die dort lebenden Männer immer schwieriger, den Absprung zu schaffen, berichtet Peter Klein, der hauptamtliche Leiter des Treffpunkts.
Gedacht als Übergangslösung sollen sie längstens nach sechs Monaten ausziehen. Eigentlich. Doch die meisten sind schon länger als ein Jahr da, weil sie einfach nichts finden. Entsprechend lang ist die Warteliste.

Obwohl er die extrem angespannte Lage auf dem Bamberger Wohnungsmarkt kennt, glaubt Rolf Hirsch fest daran, dass er eines Tages wieder seine eigenen vier Wände haben wird.

Er verbreitet viel Zuversicht und Lebensmut und nützt das Interview für einen Appell an Vermieter und Wohnungsbaugesellschaften: Sie möchten Mietinteressenten bitte nicht nur nach ihrem sozialen Status wie beispielsweise Hartz IV-Empfänger zu beurteilen, sondern auch die Menschen und Schicksale dahinter zu sehen: "Sonst haben wir keine Chance!"
Und er fügt mit sehr ernster Miene und Nachdruck hinzu: "Wir sind dankbare Mieter, wir sind vertrauenswürdige Menschen."

Dass er selbst eines Tages am Existenzminimum leben würde, wie die, auf die er von seiner schicken Wohnung aus im Wortsinn herab schaute, wäre ihm damals nie eingefallen. Selbstkritisch sagt er heute über sich: "Ich war ja so elitär!"

Seinerzeit hätte er kein Verständnis für Leute gehabt, die an der Promenade sitzen und trinken. Heute gesteht er auch sich selbst ein: "Ich habe auch gesoffen, aber im Luxus." Er habe sich auch "bei der Norma" mit Alkohol eingedeckt, den aber - verborgen vor den Augen anderer - zu Hause konsumiert.

Der Absturz hat, so scheint es, einen anderen Menschen aus ihm gemacht: "Ich habe gelernt, mein Leben völlig neu zu sehen." Er komme jetzt mit wenig Geld aus und sei mit dem bisschen zufrieden, versichert Rolf glaubwürdig.
Es seien andere Dinge, die nun für ihn zählen. Mitmenschlichkeit etwa, wie er sie in der Wärmestube erlebt. Er nennt sich froh und dankbar, dass er sich dort auch kostenlos verpflegen kann und, dass er im Haus eine bescheidene Bleibe fand, in der er Ruhe und Muse zum kreativen Arbeiten hat.

Ein heimeliges "Wohnbüro"
Auf sein "Wohnbüro", wie er das Zimmer unter dem Dach von "Menschen in Not" bezeichnet, ist der 65-Jährige stolz. Das könne er auch zu Recht sein, findet Peter Klein, der den Vorher-Nachher-Vergleich hat.
Der ehemalige Wohnraumgestalter hat mit Einfallsreichtum und wenig Geld den einfachen Raum ansprechend und zweckmäßig eingerichtet: Aus hellen Betonsteinen, billigen Platten und Teelichtern als Abstandshalter baute er Wandregale und Raumteiler, aus Sonderposten von Spiegeln und Unterschränken ein flexibel einsetzbares Möbelstück.

Wert legte er auf Standardmaße, damit er alles mitnehmen kann, wenn er wieder eine eigene Wohnung hat. Alles ist in den Farben blau und weiß gehalten, so dass der Raum viel größer als 20,5 Quadratmeter wirkt und Hirschens optimistische Lebeneinstellung zu unterstreichen scheint.

Dass er wieder an die Zukunft glaubt, führt der 65-Jährige wesentlich auf die positive Energie zurück, die er bei "Menschen in Not" empfindet.


Schon über 11.000 Euro Spenden

Der Verein "Franken helfen Franken" sammelt noch bis Weihnachten gezielt Spenden für die Bamberger Wärmestube. Sie muss jedes Jahr mehrere zigtausend Euro zu ihrem Fortbestand beisteuern. Seit 30. November haben unsere Leser dafür schon mehr als 11.000 Euro auf das Spendenkonto eingezahlt.

Die wichtigsten Informationen zu der Spendenaktion nachfolgend in Kürze:

Idee Die Mediengruppe Oberfranken (MGO) erreicht über ihre Zeitungen Fränkischer Tag, Baye rische Rundschau, Coburger Tageblatt, Saale-Zeitung und Die Kitzinger sowie ihre Internetangebote viele Menschen, das will sie mithilfe eines Spendenvereins nutzen - und Hilfsbedürftige unterstützen.

Zweck Der Spendenverein macht sich stark für ein Franken, das sich durch eine Atmosphäre des Miteinanders und der gegenseitigen Hilfe auszeichnet.

Verwendung Jeder für "Franken helfen Franken" gespendete Euro geht an den guten Zweck, die Verwaltungskosten übernimmt die Mediengruppe.

Empfänger Die Spenden gehen ausschließlich an gemeinnützige Initiativen und Projekte oder Vereine in der Region. Die können sich direkt bei "Franken helfen Franken" bewerben, der Vereinsausschuss entscheidet dann über die Spende. Seit der Gründung vor rund vier Jahren wurden auf diesem Weg schon über 90.000 Euro ausgegeben.

Menschen in Not Seit 14 Jahren gibt es in Bamberg den Treffpunkt "Menschen in Not". Es handelt sich um ein Angebot für Obdachlose, Arme und Strafentlassene, mit Wärmestube und integrierter Beratungsstelle. Die Sozialarbeit wird auf christlicher Grundlage, aber konfessionsunabhängig, von einem Hauptamtlichen und vielen Ehrenamtlichen geleistet. Träger der Einrichtung in der Siechenstraße 11 sind die Ehrenamtlichen-Initiative Mt. 25, der Caritasverband für die Stadt Bamberg und das Diakonische Werk Bamberg-Forchheim.

Spendenkonto Mediengruppe Oberfranken - Franken helfen Franken e.V.: Sparkasse Bamberg (BLZ 770 500 00), Konto 302 194 501, Stichwort "Wärmestube".

Zwischenstand Seit dem Start unserer kleinen Artikelserie am 30. November haben Leser für die Bamberger Wärmestube bereits 11.230 Euro (Stand: 13. Dezember) auf das genannte Konto eingezahlt. "Franken helfen franken" setzt die Aktion bis Weihnachten fort.


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