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Bamberg
Dreharbeiten

Bamberger Tatort will Nachdenklichkeit schüren

Zwar ist der Tatort aus Bamberg noch nicht fertig, aber schon gibt es kritische Stimmen. Wie reagieren Flüchtlingseinrichtungen und ehrenamtliche Helfer?
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"Tatort" Lagarde-Kaserne: Die (fiktive) Bamberger Flüchtlingsunterkunft steht in Flammen, die Stunt-Crew unter Strom. Fotos: RiegerPress
"Tatort" Lagarde-Kaserne: Die (fiktive) Bamberger Flüchtlingsunterkunft steht in Flammen, die Stunt-Crew unter Strom. Fotos: RiegerPress
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Der allererste Tatort flimmerte 1970 über die Mattscheibe. Genau genommen war die Premiere eigentlich noch gar kein "Tatort", sondern einfach ein Krimi. Doch weil das ZDF kurz davor war, mit "Der Kommissar" eine Krimireihe zu starten, machte die ARD den vom NDR produzierten Film "Taxi nach Leipzig" mit Kommissar Paul Trimmel (Walter Richter) kurzerhand zum Auftaktfilm der eigenen Reihe.

Inhaltlich greift die Filmreihe immer wieder gesellschaftlich brisante Themen auf. So wurde unter anderem die Thematik der deutschen Teilung wiederholt aufgegriffen, aber auch aktuelle Themen aus nationaler wie internationaler Politik. So handeln verschiedene Tatort-Folgen von kriegerischen Auseinandersetzungen. Eine besondere Stellung nimmt inzwischen das Thema "Migration" ein. Schon die erste deutliche Thematisierung der Migrationsproblematik in "Tod im U-Bahnschacht" (1975) mit Erdal Merdan in der Hauptrolle führte zu Zuschauerprotesten und unter anderem einer Beschwerde von Franz Josef Strauß beim Sender Freies Berlin (SFB). Die Folge "Wem Ehre gebührt" zog später sogar eine öffentliche Demonstration der alevitischen Gemeinde in Deutschland nach sich.

Auch der aktuell in Bamberg entstehende Franken-Tatort behandelt ein aktuelles Thema: den Brandanschlag in einem Flüchtlingsheim. Schon während der Dreharbeiten sind erste kritische Stimmen zu vernehmen.

Gelassenheit herrscht derweil (noch) bei der Regierung von Oberfranken, die in Bamberg für die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) zuständig ist. Auf Anfrage der Redaktion teilte man uns mit, dass die Regierung es gut finde, wenn eine beliebte Serie wie der Tatort in unserer Heimat spiele.

"Dass das Thema Flucht und Asyl immer wieder im Zentrum des Tatortes steht, überrascht freilich nicht. Schließlich ist es aktuell eines der größten Themen unserer Gesellschaft", heißt es vonseiten der Regierungspressestelle. Und da die Regierung über den genauen Inhalt des neuen Franken-Tatorts nur wisse, was man den Medien entnehmen könne, warte man gespannt wie alle anderen auf das, was die Drehbuchautoren am Ende aus Bamberg erzählen werden.



Kein Originalschauplatz

Im Landkreis Bamberg sind - verteilt auf verschiedene Gemeinden - mehrere Hundert Flüchtlinge untergebracht. Ihre Zuständigkeit fällt in den Geschäftsbereich "Soziales, Familie, Jugend, Gesundheit". Und diesem, so teilte man uns mit, sei sehr daran gelegen gewesen, dass der Franken-Tatort nicht in einer "echten" Unterkunft gedreht werde. Zudem sprach sich die Geschäftsbereichsleiterin Uta von Plettenberg im Vorfeld gegenüber dem Bayerischen Rundfunk ausdrücklich gegen einen Dreh in einer Unterkunft des Landkreises Bamberg aus, da dadurch die dort untergebrachten Asylbewerber möglichweise emotional oder psychisch stark belastet werden könnten. Ansonsten falle die Thematik des Franken-Tatorts unter die durch Art. 5 des Grundgesetzes ebenso wie die Pressefreiheit geschützte künstlerische Freiheit des Senders, die das Landratsamt Bamberg dadurch achte, dass es von einer inhaltlichen Bewertung absieht.

Die Initiative "Freund statt fremd" hingegen bezieht deutlich Stellung und erklärt: "Warum nicht einmal die schockierende Realität ins beliebteste Fernseh-Genre der Deutschen holen? Wer im Alltag keine Zeit hat oder wegsieht, der schaut hier vielleicht hin. Wer hinsieht, gerät vielleicht ins Nachdenken - und von denen, die ins Nachdenken kommen, entscheiden sich vielleicht einige, die Menschen, die so viel Leid erfahren haben, zu unterstützen."


Auf Probleme hinweisen

Überhaupt wünscht sich "Freund statt fremd" mehr Aufmerksamkeit für die Komplexität von Integrationsproblemen, mehr Geduld bei dieser schwierigen Arbeit, mehr Solidarität mit den Flüchtlingen und mehr Achtsamkeit im täglichen Miteinander. "Wenn der Franken-Tatort dazu beiträgt, die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Asylsuchenden zu lenken, freuen wir uns darüber. Wer weiß: Vielleicht verhilft uns der Tatort zu mehr ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern?" Und Hilfe könne man gut gebrauchen, denn die Integrationsarbeit stehe noch ganz am Anfang.

Auch BR-Tatort-Redakteurin Stephanie Heckner betont, dass man das Thema "Flüchtlinge und Fremdenfeindlichkeit" Ende 2014 nicht gewählt habe, um Quote zu machen. "Anders herum betrachtet ist es richtig: Jeder Tatort hat schon per se Millionen Zuschauer. Und das genau dient uns dazu, über unsere ,Helden', also die Ermittler und ihre Kollegen, sowie über andere Figuren im Fall, wie etwa eine ehrenamtliche Mitarbeiterin, Haltung zu einem Thema zu beziehen, das uns alle angeht: die wachsende Fremdenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft." Ziel sei es, mit der Folge "Am Ende geht man nackt" möglichst viele Zuschauer auf Gefühlsebene zu erreichen und diejenigen, die fremdenfeindlich denken, zu einem Perspektivwechsel zu verführen, erläutert Stephanie Heckner.

Zudem würden Paula Ringelhahn und Felix Voss und auch ihre Kollegen Goldwasser, Fleischer und Schatz im Film ganz klar Stellung gegen Fremdenfeindlichkeit beziehen. "Wir würden uns wünschen, dass das zum Schulterschluss und Nachdenken anregt. Manchmal sehen die Dinge nämlich von der anderen Seite betrachtet ganz anders aus", resümierte die BR-Redakteuerin.
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