Bamberg
G20-Gipfel

Bamberger Polizist erlebte Gewaltexzesse in Hamburg

Die Gewalt in Hamburg hat Jürgen Lochner an vorderster Front erlebt: Als Einsatzleiter stand er 87 Stunden unter Strom.
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Auch bayerische Polizeikräfte waren beim G20-Gipfel zur Räumung des Hamburger Schanzenviertels im Einsatz.  Fotos: Markus Scholz (dpa)/Sebastian Martin
Auch bayerische Polizeikräfte waren beim G20-Gipfel zur Räumung des Hamburger Schanzenviertels im Einsatz. Fotos: Markus Scholz (dpa)/Sebastian Martin
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Scheiben klirren, Steine fliegen, Barrikaden brennen - diese Bilder von den Protesten am Rande des G20-Gipfels flimmerten am Wochenende zuhauf aus Hamburg über die Fernsehbildschirme. Szenen, die selbst ein erfahrener Polizist wie Jürgen Lochner erst einmal verdauen muss. Lochner kennt die Bilder nicht aus dem Fernsehen - er stand als Einsatzleiter mitten im Hagel der Wurfgeschosse: "Steine und Flaschen auf sich zufliegen sehen, ist sehr belastend", schildert der 53-Jährige bleibende Eindrücke eines aufreibenden Wochenendes.

Der Leitende Polizeidirektor der Bereitschaftspolizei Bayern in Bamberg ist seit über 30 Jahren bei der Polizei, hatte immer wieder mit Demonstrationen und Versammlungen zu tun: "Eine vergleichbare Gewalt wie in Hamburg habe ich bisher nicht erlebt", sagt Lochner am Montag noch sichtlich übermüdet von seinem 87-Stunden-Einsatz in Hamburg. "Wir haben vielleicht sechs Stunden Schlaf bekommen."


Bis zu 1100 Kräfte geführt

Vor allem haben sich ihm die Bilder vom Freitagabend in den Kopf gebrannt: Die Auseinandersetzung zwischen gewaltbereiten Demonstranten des Schwarzen Blocks und den Einsatzkräften der Polizei im Schanzenviertel in der Straße "Schulterblatt", wo sich die schlimmsten Krawalle ereignet haben.

Lochner stand mit 18 Kollegen der Einsatz- und Führungsgruppe aus Bamberg an vorderster Front, koordinierte seine Kräfte: Insgesamt fünf Kommandos, Hundertschaften des Unterstützungskommandos (USK) aus Nürnberg, Dachau, München, aber auch Baden-Württemberg und Wien, zu denen im Laufe des Wochenendes weitere USK-Kräfte aus ganz Deutschland stießen. Rund 1100 Beamte waren schließlich unter Lochners Befehl.
Bereits vor dem Einsatz hatte Lochner ein mulmige Gefühl beschlichen: Die polizeiliche Analyse habe im Vorfeld auf mögliche Angriffe mit Molotowcocktails, Steinen und Stahlkugeln hingedeutet. Entsprechende Vorbereitungen seien von Seiten des Schwarzen Blocks getroffen worden.


Mentale Spuren bleiben

Das Chaos trat ein: Fast 200 Polizisten sind am Freitag bei der Auseinandersetzung verletzt worden. Letztlich räumte die Polizei nur mit Mühe und der Hilfe von Wasserwerfern, Sondereinsatzkräften und Hubschraubern spät in der Nacht die Straße samt eines besetzten Hauses. Auch am Samstag und Sonntag folgten Ausschreitungen.

Über das gesamte Wochenende wurden in den Einheiten von Jürgen Lochner 76 bayerische Kräfte verletzt. "Sie sind inzwischen wieder dienstfähig", erklärt der Einsatzleiter, der auch erleichtert ist, dass nicht mehr passiert war.

Doch die mentalen Spuren, sie bleiben. "Sie stehen ständig unter Strom", schildert Lochner seine Gemütslage. Einzelne Überreaktionen von Seiten der Polizeikräfte könne er bei solchen Einsätzen zwar nicht ausschließen, aber das Gros der Gewalt sei von Straftätern in einer bisher unbekanntem Intensität ausgegangen, erklärt er.
Selbst erfahrene USK-Beamte hätten zum Teil um Hilfe gerufen, schildert Lochner die Situation auf den Hamburger Straßen. Er lobt den Zusammenhalt: "Die Kollegen bauen sich gegenseitig auf."

In Hamburg und auf der Rückfahrt am Sonntagabend nach Bamberg sei ihnen sogar mit einem Plakat an der A 7 bei Kassel großer Dank entgegen gebracht worden. Das tue gut, so Lochner, der "jetzt vollkommen leer" sei.
Schlaf. Das ist das, was er noch am Montag am meisten vermisst. Auch am Sonntagabend hatte der 53-Jährige noch nicht in den normalen Schlafrhythmus zurückgefunden.

Worauf er sich am Montagabend am meisten freute: "Ein gutes Abendessen, ein Bier und dann ins Bett."

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