Bamberg
Interview

Bamberger Frauenhaus "ist weiter unentbehrlich"

Als das Frauenhaus 1986 eröffnet wurde, glaubte niemand, dass es auch 30 Jahre später noch gebraucht würde.
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Ursula Weidig arbeitet seit 28 Jahren im Bamberger Frauenhaus und leitet es seit 2014. Foto: Ronald Rinklef
Ursula Weidig arbeitet seit 28 Jahren im Bamberger Frauenhaus und leitet es seit 2014. Foto: Ronald Rinklef
Das Bamberger Frauenhaus ist auch 30 Jahre nach seiner Eröffnung eine unverzichtbare Anlaufstelle für Frauen und Mütter aus ganz Oberfranken. Das belegt die Statistik der Einrichtung, die vom Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) Bamberg getragen wird. Anfang 1986 zog die erste Frau mit ihren Kindern ein. Seitdem fanden fast 2000 Frauen mit 2256 Kindern Zuflucht, Schutz und Unterstützung.

Auch zur Zeit sind alle Zimmer belegt. Die Diplom-Sozialpädagogin Ursula Weidig (58) ist seit 28 Jahren im Frauenhaus tätig und seit Mai 2014 dessen Leiterin. Mit ihr kümmern sich vier weitere hauptamtliche und rund 20 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen um die Frauen. Letztere gewährleisten die Erreichbarkeit rund um die Uhr.

30 Jahre gibt es jetzt das Bamberger Frauenhaus. Ein Grund zum Feiern oder eher nicht?
Ursula Weidig: Es wäre schön, wenn wir kein Frauenhaus mehr bräuchten. Aber häusliche Gewalt gibt es nach wie vor in einem erschreckenden Ausmaß. Wir waren auch in diesem Jahr oft an unseren Kapazitätsgrenzen. Das Frauenhaus ist also nach wie vor unerlässlich.
Ein Grund zur Freude ist sicher, dass die meisten Frauen hier durch die Ruhe und die Sicherheit und den Abstand wieder zu einem selbstbestimmten Leben finden. 80 Prozent von ihnen beginnen ein neues, eigenständiges Leben ohne gewalttätigen Partner.

Für manche kam es einem Skandal gleich, dass das Frauenhaus ausgerechnet in der Bischofsstadt Bamberg, in einer Immobilie der Erzdiözese und noch dazu unter der Trägerschaft eines katholischen Vereins eröffnet wurde. Der Start war sicher nicht leicht, oder?
Der SkF dachte seit Anfang der 1980er Jahre über die Einrichtung eines Frauenhauses nach. Gegner behaupteten unter anderem, es sei kein Bedarf vorhanden und ein Frauenhaus würde nur einer Scheidung Vorschub leisten. Fünf Jahre später gab es dann doch eine große Übereinstimmung aller Beteiligten zur Gründung eines Frauenhauses. 1990 geriet es dann durch diskriminierende und nicht gerechtfertigte Vorwürfe so in die Schusslinie, dass der Träger um die Zuschüsse bangen musste.

Was war passiert?
Eine Kreisrätin setzte damals das Frauenhaus mit einem Freudenhaus gleich. Das führte nicht nur zu einer heftigen Diskussion in der Öffentlichkeit sondern auch dazu, dass Kommunen, die uns mitfinanzierten, ihre Zuschüsse kürzten. Die Existenz des Frauenhauses war ernsthaft in Gefahr. Die Resonanz aus der Bevölkerung war allerdings sehr positiv und dank Spenden, der Überweisung von Bußgeldern und anderen Zuschüssen ging es weiter.
Erfreulicherweise ist die Grundfinanzierung durch ein Gesamtkonzept für Frauenhäuser in Bayern seit 1993 gesichert. Das Frauenhaus in Bamberg wird im Wesentlichen von der Stadt und dem Landkreis Bamberg sowie Forchheim finanziert.

Wie haben Sie persönlich die Anfänge erlebt?
Es war eine sehr spannende Zeit. Es waren Pionierjahre, es herrschte eine Aufbruchstimmung für die Rechte der Frauen in Gewaltsituationen. Vieles in unserer Arbeit musste neu entwickelt werden.

Hätten Sie jemals geglaubt, dass das Bamberger Frauenhaus nach 30 Jahren noch gebraucht wird?
Ehrlich gesagt: nein. Wir waren damals auch sehr idealistisch und sahen unsere Aufgabe nicht nur darin, von Gewalt betroffenen Frauen zu helfen, sondern wollten auch etwas gesellschaftlich verändern.
Es hat sich tatsächlich viel verändert, auch in der Rechtssprechung. So ist die Vergewaltigung in der Ehe inzwischen strafbar. Nach Inkrafttreten des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 dachten wir, dass weniger Frauen zu uns kommen würden. Es zeigte sich aber, dass Frauen mit Gewalterfahrungen die persönliche Freiheit und Sicherheit brauchen, die sie im Frauenhaus haben.

Was ist schief gelaufen in einer Gesellschaft, wenn sich die Gewalt gegen Frauen anscheinend nicht ausmerzen lässt?
Viele Untersuchungen und meine persönliche Erfahrungen zeigen, dass es ein sehr langer Prozess ist hin zu einer tatsächlichen Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern. Diese Veränderungen brauchen sehr viel mehr Zeit und gehen über Generationen. Das ist schon eine schmerzhafte Erfahrung. Und so lange es keine echte Gleichberechtigung gibt, wird es immer wieder zu extremen Ausfällen in den Beziehungen kommen und werden Männer die Macht des Stärkeren ausnützen.

Wie viele Frauen und Kinder finden maximal Platz?
Zehn Frauen und bis zu 16 Kinder. Im äußersten Notfall belegen wir auch das Spielzimmer.

Wie muss man sich den Alltag im Frauenhaus vorstellen?
Die Frauen und ihre Kinder leben bei uns ähnlich wie in einer Wohngemeinschaft. Jede Frau hat ein Zimmer für sich und es gibt Gemeinschaftsräume. Die Mitarbeiterinnen sind nur zu den Bürozeiten im Haus. Es gibt eine Haus- und eine Putzordnung, die das Leben im Frauenhaus gewissermaßen regeln. Die Frauen können in diesem Rahmen ihr eigenes Leben führen.
Jede Bewohnerin hat eine eigene Ansprechpartnerin, die sie in ihrer ganz individuellen Situation berät und begleitet. Wir orientieren uns dabei immer an den Zielen der Frau. Gemeinsam mit den Ehrenamtlichen bieten wir den Frauen gemeinschaftliche Aktivitäten an wie Ausflüge, gemeinsames Kochen und Essen, verschiedene Workshops. Es gibt einen Ehemaligen-Stammtisch und Theaterbesuche. Das soll den Frauen und Kindern wieder Freude am Leben vermitteln. Und ich kann sagen: Das gelingt auch.

Wer kümmert sich um die Kinder?
Wir haben eine Erzieherin und ein Kinderhaus in einem Nebengebäude. Zu festen Zeiten können die Mütter ihre Kinder dort abgeben, wenn sie zum Beispiel in Ruhe Termine wahrnehmen müssen oder wollen. Auch die Kinder haben durch die Gewaltsituationen schwere Zeiten erlebt. Unsere Erzieherin hilft den Kleinen, ihre Gewalterfahrungen in einem spielerischen Rahmen aufzuarbeiten.

Wenn Sie sich etwas für das Frauenhaus wünschen dürften: Was wäre das?
In erster Linie natürlich weiterhin Solidarität und Unterstützung für unsere Frauen, aber auch Spenden und Ehrenamtliche. Wir haben viel zu tun und viele Ideen und können tatkräftige Hilfe gebrauchen.
Erfreulicherweise steht die Generalsanierung durch die Erzdiözese als Hausbesitzerin an. Unser Träger muss aber für die Ausstattung und Einrichtung, die zum Teil erneuert werden muss, aufkommen. Um diese Kosten abzudecken sind wir auf Spenden angewiesen. Wir möchten alles tun, damit sich die Bewohnerinnen wohl fühlen und im Frauenhaus einen Weg finden, der sie aus der Gewalt in ein neues selbstbestimmtes Leben führt.


Der Verein "Franken helfen Franken

Spendenaktion: Der FT und "Franken helfen Franken" möchten das Frauenhaus unterstützen und bitten um Spenden für die bevorstehende Neugestaltung. Bitte geben Sie als Verwendungszweck "Frauenhaus Bamberg" an. Mehr als 2000 Euro sind schon eingegangen.

Jeder gespendete Euro geht an den guten Zweck, die Verwaltungskosten übernimmt die Mediengruppe Oberfranken (MGO), zu der der Fränkische Tag gehört. Die MGO erreicht über ihre Zeitungen sowie ihre Internetangebote viele Menschen. Das will sie nutzen, um Hilfsbedürftige und Hilfsorganisationen zu unterstützen. Seit 2009 wurden bislang annähernd 300 000 Euro weitergereicht. Mehr Infos und weitere Kontaktdaten finden Sie unter der Adresse www.franken-helfen-franken.de.

Sparkasse Bamberg; IBAN: DE 62 7705 0000 0302 1945 01, BIC: BYLADEM1SKB


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