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Gesellschaft

Bamberger Expertin für Krankenhausbau weltweit gefragt

Von Australien bis China ist Birgit Dietz eine gefragte Referentin. Sie hat sich auf alters- und demenzsensible Architektur spezialisiert.
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Birgit Dietz in ihrem Büro im historischen Fischerhofschlösschen in Bamberg-Gaustadt Foto: Ronald Rinklef
Birgit Dietz in ihrem Büro im historischen Fischerhofschlösschen in Bamberg-Gaustadt Foto: Ronald Rinklef
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Die zufällige Begegnung mit einer alten Frau auf einem Krankenhausflur gab Birgit Dietz den letzten Anstoß zu ihrem neuen Arbeitsschwerpunkt: Sie widmet sich einer alters- und demenzsensiblen Architektur.

Die Bambergerin war von jener betagten Klinik-Patientin angesprochen und um Hilfe gebeten worden, weil angeblich ein fremder Mann in ihrem Bett lag. Was tatsächlich passiert war, so Dietz: "Der Mann lag im richtigen Bett, aber die Frau war im falschen Zimmer."

Situationen wie diese wären nach Überzeugung der Bambergerin oft vermeidbar, wenn bei der Gestaltung von Pflegeeinrichtungen mehr als bisher beachtet würde, dass demente Menschen ihre Umgebung anders wahrnehmen als gesunde.
Für Birgit Dietz liegt es beim Umgang mit Demenz-Patienten auf der Hand: "Je klarer die Umwelt aussieht, desto besser kennt sich der kranke Mensch aus."


Gute Erfahrungen im Klinikum

Noch sind demenzsensible Krankenhäuser die Ausnahme. Im Bamberger Klinikum hat man vor rund einem Jahr die erste Station entsprechend eingerichtet und macht laut Pflegedienstleiterin Anne Brinkmann damit "sehr, sehr, sehr gute Erfahrungen". Das richtige Umfeld sei bei der Sorge für demente Patienten zwar nur ein Mosaikstein von vielen, aber ein durchaus wichtiger. In der speziell gestalteten Station, so drückt es Brinkmann aus, "kommt richtig Ruhe in die Menschen".

Das Bewusstsein dafür, dass nicht nur Kinder, sondern auch alte und verwirrte Personen auf ihre speziellen Bedürfnisse abgestimmte Räume brauchen, scheint zu wachsen. Dietz, die seit Jahren einen Lehrauftrag an der Technischen Universität München für Krankenhausbau und Gesundheitswesen inne hat, berichtet von einem wachsenden und internationalen Interesse an ihrem Spezialgebiet.


Weltweit unterwegs

Mittlerweile ist die promovierte Ingenieurin als Referentin und Autorin weltweit gefragt. Nicht zuletzt wegen der vielen Reisen, die ihre Tätigkeit inzwischen mit sich bringt - nächste Woche folgt sie einer Einladung nach China - hat die 54-Jährige Anfang 2016 ihr Stadtratsmandat zurück gegeben.

Dreh- und Angelpunkt ihrer Arbeit bleibt Bamberg. Genauer gesagt das Fischerhofschlösschen in Gaustadt, in dem sich das Architekturbüro von Birgit und Matthias Dietz befindet. Neuerdings ist das Schlösschen auch Sitz des Bayerischen Instituts für alters- und demenzsensible Architektur.

Ihre selbst gesetzte Aufgabe sieht Birgit Dietz darin, in Zusammenarbeit mit Betroffenen und deren Interessensverbänden, aber auch in Kooperation mit der Industrie, Klinikträgern und anderen Institutionen im Gesundheitswesen Ideen und Konzepte zu entwickeln, die verwirrten Menschen dabei helfen, sich besser zurecht zu finden. Mit wenig Aufwand sei oft viel zu erreichen, sagt sie im FT-Gespräch.

Wie zum Beweis nimmt sie einen Lichtschalter in die Hand, der auf ihrem Schreibtisch im Fischerhofschlösschen-Büro liegt. Er ist weiß und viereckig und hat eine breite, dunkelrote Einfassung. Der farbige Rand ist der kleine, aber wichtige Unterschied zum Standard-Exemplar, weil er sich damit vom meist ebenfalls weißen Hintergrund abhebt. Er ist also gut sichtbar und die klassische Form sei bei Tests mit Patienten eindeutig als das identifiziert worden, was er ist - im Gegensatz etwa zu modernen, runden Modellen.

An dem simplen Beispiel macht Dietz eine Erkenntnis fest, die noch viel zu selten beim Bauen im Gesundheitswesen berücksichtigt werde: Je vertrauter und eindeutiger Dinge seien, desto leichter tue sich jener Personenkreis.


Tipps von Alzheimer-Patientin

Woher weiß die Bambergerin, wie an Demenz und Alzheimer Erkrankte ihre Umgebung wahrnehmen? Aus Gesprächen mit Patienten und Pflegefachleuten hat sie eine Vorstellung davon gewonnen, wie sie sich in der üblichen weißen Krankenhaus- oder Pflegeheim-Umgebung wohl fühlen: "Das muss sein wie Skifahren im Nebel."
Wer das schon selbst erlebt hat, weiß, dass man da selbst als kerngesunder Mensch leicht die Orientierung verlieren kann.

Seit der Architektin das klar ist, wundert es sie nicht mehr, dass die meisten Stürze im Bad passieren: "Das liegt sicher auch daran, dass das Gleichgewichtsorgan in so einem Umfeld verrückt spielt." Abhilfe schaffe oft schon ein dunkler Boden: "Da versteht man besser, wie groß der Raum ist."

Wertvolle Informationen erhält die Bambergerin von einer an Alzheimer erkrankten Frau, die sie bei einem Kongress in Australien kennen gelernt hat. Die Patientin nimmt als Betroffene an Tagungen der Alzheimer-Gesellschaft teil und hat sich bereit erklärt, Dietz zu schildern, wie sich für sie nach und nach die Umwelt verändert, worunter sie im Alltag leidet und was sie sich wünschen würde, um trotz ihrer gesundheitlichen Beeinträchtigungen noch einigermaßen zurecht zu kommen.

Die Frau, die gerne Essen geht, wünscht sich beispielsweise in Lokalen ruhige Räume, ohne Musikberieselung und Kindergeschrei. Mit einer normalen Geräuschkulisse komme diese Patientin nicht mehr zurecht.

Eine Architektur und Milieugestaltung, die den Bedürfnissen einer alternden Gesellschaft entspricht, ist nach Überzeugung der Bamberger Architektin alles andere als Luxus. Im Gegenteil. Sie spricht von einem hohen, auch betriebswirtschaftlichen Nutzen und erläutert ihn an einem Beispiel aus dem Pflege-Alltag.

Statistiken zufolge investiert eine Pflegekraft pro Tag eineinhalb Stunden alleine dafür, um eine demente Person zur Toilette zu begleiten. Würden der Mann oder die Frau den Weg alleine finden, hätte das Personal 90 Minuten mehr Zeit für andere Aufgaben.


Alle profitieren

Freilich - und dieser Hinweis ist Birgit Dietz mindestens genau so wichtig: Auch der Kranke, der "es" schafft, profitiere; Er erlebe den Alltag entspannter und werde ruhiger. Je eindeutiger die Umgebung sei, desto angstfreier sei das Leben Betroffener. Angst wiederum ziehe Widerstand, Aggressionen und die Tendenz zum Weglaufen nach sich. Am Ende würden also alle profitieren, Patient, Angehörige, Pflegende - die ganze, älter werdende Gesellschaft.

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