Bamberg
Chefarzt-Prozess

Chefarzt-Prozess stagniert: So will das Gericht das Verfahren antreiben

Das Mammutverfahren gegen einen ehemaligen Bamberger Chefarzt ist ins Stocken geraten.
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Seit April 2015 dauert der Indizienprozess wegen Vergewaltigung und mehr gegen den früheren Bamberger Chefarzt Heinz W. schon an.Foto: FT-Archiv
Seit April 2015 dauert der Indizienprozess wegen Vergewaltigung und mehr gegen den früheren Bamberger Chefarzt Heinz W. schon an.Foto: FT-Archiv
"Es ist ja auch nicht ganz billig, was hier geschieht." Es war Vorsitzender Richter Manfred Schmidt, der dies am 61. Verhandlungstag im sogenannten Chefarzt-Prozess sagte. Seine Feststellung galt den Verteidigern von Heinz W., die wider Erwarten keinen ihrer am 6. Juli angekündigten Beweisanträge stellten.

Um zu verhindern, dass das Mammutverfahren länger auf der Stelle tritt, denkt die Zweite Strafkammer jetzt darüber nach, der Verteidigung Fristen zu setzen. Oberstaatsanwalt Bernd Lieb pflichtete bei: "Wir können uns nicht nur treffen, um das weitere Verfahren zu besprechen." Von den sieben Rechtsanwälten, die die mutmaßlichen Opfer von Heinz W. als Nebenklägerinnen vertreten, gab es zustimmendes Nicken.

Doch nicht einmal das weitere Prozedere konnte Schmidt am Montag klären, weil die beiden Wahlverteidiger des Angeklagten, Professor Klaus Bernsmann und Katharina Rausch, kurzfristig ihre Teilnahme am Verhandlungstag abgesagt hatten. Die Stellung hielt der Bamberger Wahlverteidiger Dieter Widmann.


Wie geht es weiter?

So will Schmidt heute klären, "wie es weiter gehen soll". Gelegenheit dazu bietet sich am Rand des Parallelverfahrens gegen Alexander L., der sich wegen einer tödlichen Messerattacke vor der Zweiten Strafkammer als Schwurgerichtskammer verantworten muss. Auch in diesem Verfahren agieren Bernsmann und Rausch als Wahlverteidiger.

Dass der "Chefarzt-Prozess" im August in seine letzte Phase gehen und die Plädoyers stattfinden könnten, ist kaum zu erwarten. Wahrscheinlicher ist, dass die Kammer zumindest den Urlaubsmonat abwarten wird, ehe sie die Beweisaufnahme schließt.

Richter und Anklagevertreter ließen zwar schon vor fast drei Wochen anklingen, dass aus ihrer Sicht keine weiteren Zeugen oder Sachverständigen nötig sind. Allerdings ist bekannt, dass mehrere Prozessbeteiligte Urlaubsreisen gebucht haben und zumindest nicht an allen vier für August terminierten Sitzungstagen teilnehmen werden.

Was ist am 61. Verhandlungstag überhaupt passiert? Schmidt trug umfangreiche Begründungen vor, mit denen die Kammer mehrere ältere Beweis- und Befangenheitsanträge der Verteidigung abgelehnt hat. Einer hatte sich gegen den chirurgischen Sachverständigen gerichtet, dem W.s Anwälte unter anderem "blinden Belastungseifer" unterstellt hatten. Die Kammer sieht dafür keine Anhaltspunkte.

Der Angeklagte verlas seinerseits Stellungnahmen zu zwei Sachverständigen-Gutachten. So erklärte er, die von der Polizei im Sommer 2014 auf seinem privaten Rechner sichergestellten Fotos und Videos von weiblichen Genitalien sei Material gewesen, das für seine Arbeit mit an Beckenvenenthrombosen erkrankten Frauen wichtig gewesen sei. Deshalb habe er es im Zusammenhang mit einem Rechnertausch im Klinikum vorsorglich auch zu Hause gespeichert.

Außerdem betonte W,. er habe keine Dateien gelöscht, obwohl er die geeigneten Programme besessen hätte. Es klang, als ob er sagen wollte, dass da nichts Strafbares abgelegt war, das er vor den Blicken Dritter hätte bewahren müssen.

Eine Reaktion gab es nur von Rechtsanwalt Jürgen Scholl, der die Kronzeugin der Anklage als Nebenklägerin vertritt: Wenn W. nichts gelöscht habe, sei das kein Indiz für seine Unschuld, sagte er. Der Angeklagte sei sehr technikaffin und wisse, dass Experten jeden Versuch, Daten zu löschen, nachvollziehen könnten.
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