Bamberg
Gastbeitrag

Bamberg: Unterirdischer Bahnausbau? Die Vorteile der Untertunnelung

Professor Lasse Gerrits beschäftigt sich mit Infrastrukturprozessen. Zum bevorstehenden Bahnausbau meint er: Bamberg könnte von Delft lernen.
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Die Untertunnelung der Bahnstrecke hat das Stadtbild von Delft massiv verändert: Hier der alte Zustand... Foto: Dura Vermeer
Die Untertunnelung der Bahnstrecke hat das Stadtbild von Delft massiv verändert: Hier der alte Zustand... Foto: Dura Vermeer
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Kürzlich konnten wir die Rückkehr der Idee beobachten, dass ein Eisenbahntunnel und ein unterirdischer Bahnhof die umstrittensten Aspekte des Bahnausbaus lösen könnten. Es ist leicht, diese Option wegen ihrer potenziell hohen Kosten und wegen des schon weit fortgeschrittenen Entscheidungsprozesses zu verwerfen. Eine gute Idee sollte aber nicht aufgrund bürokratischer Verfahren dem Erdboden gleich gemacht werden. In vielerlei Hinsicht ist es nämlich eine sehr gute Idee.

Natürlich ist Bamberg nicht der einzige Ort, an dem solch eine Frage diskutiert wird. Es ist also äußerst wichtig, dass wir nach anderen Fällen suchen, um zu sehen, was funktioniert und was nicht. Ein Beispiel, welches wirklich viele Gemeinsamkeiten mit Bamberg hat, kommt aus den Niederlanden: Delft.


Viele Gemeinsamkeiten

Delft ist eine der Städte, in denen ich gearbeitet habe. Es hat ungefähr die Größe von Bamberg, besitzt ebenfalls eine mittelalterliche und geschützte Innenstadt sowie eine große Universität. Wie auch in Bamberg ziehen diese Vorzüge viele Besucher an. Die andere Gemeinsamkeit ist, dass auch Delft eine Bahnstrecke hatte, die die Stadt entzweite.

Wie wurde das in Delft gelöst? Dort wurden sowohl die Schienen als auch der Bahnhof unter die Erde verlegt. Die Kapazitäten des Schienenverkehrs sind erheblich gestiegen und der Bahnhof ist nach dem Umbau in der Lage, die vielen Reisenden aufzunehmen. Noch wichtiger ist, dass - nachdem man die Stadt von den Schienen befreit hat - die Menschen das erste Mal seit mehr als einem Jahrhundert wieder leicht von einer Seite der Stadt auf die andere Seite gelangen können. Die Spaltung der einzelnen Stadtteile gehört endlich der Geschichte an. Mit der Verbannung des Lärms unter die Erde und dem nun ungestörten Durchqueren der Stadt hat diese wesentlich an Lebensqualität gewonnen.


Bahnhofsvorplatz als Eingangstor

Es ist leicht, sich vorzustellen, wie das auch in Bamberg funktionieren könnte. Ein Tunnel würde es ermöglichen, Bamberg-Ost und die Innenstadt miteinander zu verbinden. Der Zuglärm wäre kein Thema mehr. Wichtig ist auch, dass Passagierströme optimiert werden könnten und der Bahnhofsvorplatz - zurzeit ein verwirrendes Chaos aus Autos, Bussen und Menschen - könnte endlich zu einem angemessenen Eingangstor in unsere wunderschöne Stadt werden.

In Delft wurde das Projekt zum Bau eines großen unterirdischen Parkhauses für Fahrräder und Autos sowie für einen neuen Busbahnhof genutzt. Damit stellte man sicher, dass sich die Anbindung der Stadt auch an andere Transportmittel deutlich verbesserte. Auch in Bamberg sind solche Veränderungen notwendig.

Aber wäre ein solches Projekt nicht unglaublich teuer? Nun, es ist sicherlich teurer als einfach Lärmschutzwände zu errichten. Aber hier ist der Trick: Die Fläche, die vormals von den oberirdischen Schienen eingenommen wurde, kann zur Immobilienentwicklung genutzt werden. Die Stadt Delft tut genau das und refinanziert so ihre Investments. Der zusätzliche Wohnraum wurde damals dringend gebraucht - und das wird er auch in Bamberg.
Natürlich müssen für eine solche Lösung alle Parteien kooperieren, anstatt sich zu streiten. Es ist ein wichtiger Schritt zu erkennen, dass die Interessen der verschiedenen Parteien zwar unterschiedlich sind, sich aber gegenseitig nicht ausschließen und es somit möglich ist, einen Paketdeal zu schnüren.


Stolz auf das Resultat

Verständlicherweise gab es im Delfter Stadtrat einigen Widerstand und Skepsis, so wie das auch in Bamberg der Fall ist. Dieser verschwand aber im Laufe des Projektes. Heute sind die Bürger lediglich sehr stolz auf das Endresultat.

Als ein Bürger Bambergs wäre ich auch gerne so stolz auf eine wiedervereinigte Stadt. Lassen Sie uns ernsthaft bemühen, die Tunnelvariante inklusive unterirdischem Bahnhof zu untersuchen. Der Fall aus Delft kann uns dabei ein Vorbild sein. von Lasse Gerrits


Zur Person: Lasse Gerrits

Professor Dr. Lasse Gerrits ist Inhaber des Lehrstuhls für Steuerung komplexer und innovativer technischer Systeme an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Er studierte Verwaltungswissenschaften und Stadtplanung in den Niederlanden. Gerrits war regelmäßig Ratgeber bei Städteplanungen. Gerrits ist Chefredakteur bei der Zeitschrift "Complexity, Governance & Networks" und Herausgeber des "International Journal of Social Research Methodology". Er liest gerne Salman Rushdie und Haruki Murakami und liebt Musik.

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