Bamberg
Chefarzt-Prozess

Anwälte der Frauen: "Vertrauensmissbrauch des Arztes"

Die Anwälte der mutmaßlichen Opfer und der Oberstaatsanwalt halten Heinz W. für schuldig. Sie fordern teilweise bis zu 15 Jahre Haft.
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Zu sehen sind vier von insgesamt sieben Anwälten, die die Zeuginnen vor Gericht vertreten. Archivfoto: Ronald Rinklef
Zu sehen sind vier von insgesamt sieben Anwälten, die die Zeuginnen vor Gericht vertreten. Archivfoto: Ronald Rinklef
Sieben Rechtsanwälte und der Oberstaatsanwalt - sie alle hielten am Mittwoch ihre Plädoyers im sogenannten Chefarzt-Prozess. Dieser wird seit dem 7. April 2015 am Bamberger Landgericht verhandelt und entsprechend gespannt waren die Prozessbeobachter, was die einzelnen Parteien in ihren Plädoyers fordern würden.
Den Anfang machte Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb mit einem Paukenschlag: Er beantragte die Höchststrafe von 15 Jahren wegen schwerer Vergewaltigung und forderte zudem, dass Heinz W. niemals wieder als Arzt praktizieren dürfe.

Der 51-jährige Angeklagte muss sich seit eineinhalb Jahren vor Gericht verantworten, weil er zwölf Frauen im Bamberger Klinikum sexuell missbraucht und teilweise vergewaltigt haben soll. Der Gefäßmediziner bestreitet die Vorwürfe vehement und spricht von einer Vorverurteilung durch Medien und Ermittlungsbehörden. Er habe aus rein wissenschaftlichem Interesse gehandelt und nach neuen Behandlungsmethoden bei Beckenvenen-Thrombosen geforscht. Fotos und Videos aus dem Intimbereich habe er zu Dokumentationszwecken angefertigt.


"Gewissheit des Vergessens"

Sowohl Oberstaatsanwalt Bernhard Lieb, als auch die Anwälte der mutmaßlichen Opfer gehen dagegen von einem sexuellen Bezug aus. Das wurde klar, als Gerichtssprecher Leander Brößler die Plädoyers zusammenfasste, die in nicht-öffentlicher Sitzung vorgetragen worden waren.
So zitierte Brößler Rechtsanwalt Martin Reymann-Brauer, der insgesamt sechs Frauen vertritt, mit den Worten: "Den Fotos und Videos leuchtet die Sexualbezogenheit aus dem Bildschirm." Weiterhin habe nur das Beruhigungsmittel Midazolam, das W. den Zeuginnen verabreicht haben soll, für die "Gewissheit des Vergessens" gesorgt.

Die Substanz war im Blut einer Medizinstudentin gefunden worden, die zur Hauptbelastungszeugin in dem Verfahren wurde. Ihr Anwalt Jürgen Scholl sagte am Ende des Verhandlungstages: "Hätte meine Mandantin nicht den Mut gehabt, Anzeige zu erstatten, hätte es noch viele Frauen gegeben, denen es ähnlich ergangen wäre." Damit, dass W. bis heute behaupte, am Blut der jungen Frau sei manipuliert worden, überschreite er eine Grenze. Laut Gerichtssprecher Brößler thematisierten alle Anwälte der Frauen den "Vertrauensmissbrauch durch einen Arzt". So zitierte Nebenklage-Vertreterin Sabine Müller ihre Mandantin mit den Worten: "Ich habe mein Leben in seine Hände gegeben. Dieses Vertrauen wurde enttäuscht."

Und für die Mandantin von Diane Waterstradt sei viel schlimmer als "die Fotos vom nackten Intimbereich" die Tatsache gewesen, dass die junge Frau keine Erinnerung an das habe, was geschehen sei. Waterstradt betonte in ihrem Plädoyer auch, dass Vergewaltigung nicht unbedingt Geschlechtsverkehr bedeuten müsse, sondern auch die Möglichkeit, dass Gegenstände eingeführt würden.

Oberstaatsanwalt Lieb hatte die Frage gestellt: "Warum verwendet der Angeklagte diese Butt-Plugs ("Analstöpsel") und nicht einen medizinischen Glaszylinder, der im Krankenhaus verfügbar gewesen wäre?" Auch für das mehrfache Einführen und Bewegen eines stabartigen Gerätes habe es keinen medizinischen Grund gegeben. W. habe geglaubt, unter dem Deckmantel medizinischer Erklärungen seine Taten verstecken zu können.
Aus Sicht von Lieb hat sich die Anklage im Laufe des Verfahrens sogar noch verschärft, da der Angeklagte Mittel angewendet habe, um den Widerstand einer anderen Person zu überwinden. Deswegen sei von zunächst einfacher nun von schwerer Vergewaltigung auszugehen.

Außer ihm forderten drei Nebenklage-Vertreter ebenfalls die Höchststrafe für Heinz W., die anderen Anwälte beantragten Einzelstrafen oder legten sich in der Strafhöhe gar nicht fest.
Wie die Verteidigung des Chefarztes plädiert, wird sich am kommenden Mittwoch, 5. Oktober, zeigen. Dann wird auch der Gefäßmediziner Gelegenheit zu einem "letzten Wort" haben. Je nachdem, wie lange die Vorträge dauern, wird das Urteil voraussichtlich am 12. oder 17. Oktober fallen.
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