Bamberg
Entdeckerwochen

Amüsante Episoden über die Vergangenheit: "55 x verführt Bamberg"

Bierkrieger leben auf, die nach einer Preiserhöhung 1907 auf die Barrikaden gingen. Ein Keller-Einmaleins kredenzt Markus Raupach. Auch an die Geschichte der Nachtwächter, die nicht immer nüchtern durch die Gassen zogen, erinnert "55 x verführt Bamberg": ein Band voller amüsanter Episoden.
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Blick auf die Domstadt aus einer interessanten Perspektive heraus: Eine Hommage ans "Fränkische Rom" ist "55 x verführt Bamberg". Foto: ars vivendi
Blick auf die Domstadt aus einer interessanten Perspektive heraus: Eine Hommage ans "Fränkische Rom" ist "55 x verführt Bamberg". Foto: ars vivendi
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Ist Ihnen klar, warum die Bamberger Zwiebel Vegetariern nicht zu empfehlen ist? Wussten Sie, wie die Venezianer vor Jahrhunderten schon die Lakritze hiesiger Süßholzraspler liebten? Wobei nicht etwa Poldi oder Toni als Altenburgbären mit anrüchigen Hinterlassenschaften die spätere Bezeichnung "Bärendreck" prägten, sondern ein Nürnberger namens Karl Bär, der die Leckerei ab 1913 in der Frankenmetropole produzierte. Zwei Schmankerl aus einem Band, der etliche amüsante Episoden aus Bambergs Vergangenheit bietet, aber auch Tipps und Infos zu Freizeitaktivitäten im Hier und Heute. "55 x verführt Bamberg", verspricht Markus Raupach - und wir ließen uns während der Entdeckerwochen gern verführen.

Zunächst zur Braukultur, der sich der Autor genüsslich widmet. So fließt quellfrisches Bier als dritter Strom neben den beiden Armen der Regnitz durch Bamberg, das auch in dieser Hinsicht auf eine über tausendjährige Tradition zurückblickt: Fürs Jahr 1093 ist der erste Bierausschank urkundlich belegt. Raupach lädt Leser zu einem Streifzug durch die Brauereien der Domstadt ein: Los geht's bei A wie dem Ambräusianum als Bambergs jüngster Gasthausbrauerei, in der man auch deftige Gerichte rund ums flüssige Brot genießen kann. Als älteste Braustätte wird das Klosterbräu beschrieben, dessen Geschichte 1333 begann. Wer darüber allerdings mehr erfahren möchte, sollte das Brauereimuseum aufsuchen, das in dem Band selbstverständlich Erwähnung findet.

Protest mit zunehmender Promille
Der Bamberger Bierkrieg lebt auf, den erboste Gerstensaftfans anzettelten, nachdem die Brauer 1907 eine Preiserhöhung von zehn auf elf Pfennige pro Seidla wagten. Allein der Wirt vom Mondschein und Georg Weierich hielten sich zurück - und bei ihnen saßen nun die Bierkrieger, boykottierten die Preistreiber und leerten dabei die Krüge. "Fuhrwerk um Fuhrwerk rollte mit frischem Forchheimer Bier zu den beiden Streikgasthäusern", berichtet Raupach, bis die "Kartellbrüder" die Waffen streckten und die Bamberger keinen Pfennig mehr zahlen mussten.

Das Durchhaltevermögen der mehr oder weniger aufrechten Kämpfer hatte die Forchheimer "Kronenbräu" eine Woche lang gestärkt. Und schon sind wir beim Dreißigjährigen Krieg, der den Namen der "Drei Kronen"-Wirtschaften prägte. Die Schweden waren in Franken einmarschiert und hatten das tragische Kapitel der Bamberger Hexenverfolgung beendet. Daneben testeten sie offenbar das kulinarische Spektrum der Region an. "Überall, wo die Truppen ihr Quartier aufschlugen, requirierten sie das jeweils beste Gasthaus im Ort und hängten die schwedische Fahne aus dem Fenster" - mit besagten drei Kronen im Wappen.

Mit fränkisch-ruppigem Charme
Ein Keller-Einmaleins ersann Raupach, um die "Lieblingsbeschäftigung der Bamberger" näher zu beleuchten - vom Keller mit dem schönsten Ausblick bis hin zum Keller, auf dem Gäste "fränkisch ruppig" abgespeist werden. Bei manchem Wirt ist eben Hopfen und Malz verloren, obwohl er von Nordlichtern dann meist noch als "urig" geschätzt wird. Geschmacksache.

Etwas Werbung in eigener Sache muss sein: So möchte der Träger des Bamberger Bierordens Leser auch verführen, Seminare seiner im vergangenen Jahr gegründeten Bierakademie zu besuchen, wo's mehr als nüchterne Zahlen und Fakten rund ums Thema gibt. Aber genug zum Bier, nachdem sich der Sommelier ebenso Sehenswürdigkeiten in und um Bamberg widmet, den Bühnen der Domstadt und Ausflugszielen in der Natur.

In Sachen Eventkultur darf die Sandkerwa nicht fehlen - mit dem Fischerstechen, das im 15. Jahrhundert bereits der Belustigung des Fürstbischofs und des Volkes diente. Was 1498 Raupach zufolge zu einem Eintrag ins Rechnungsbuch der Stadt führte. Offenbar hatte sich die Zuschauermenge auf der Unteren Brücke so gedrängt, dass das Geländer dem nicht länger standhielt, brach und repariert werden musste.

Ein neuer Berufsstand begann sich zu jener Zeit zu etablieren, dessen Geschichte mit der Einführung der Straßenbeleuchtung im späten 19. Jahrhundert endete: Nachtwächter durchstreiften die größer werdenden Städte des Mittelalters. "Jede Viertelstunde ertönte ihr Horn", berichtet Raupach, gefolgt von "Hört Ihr Herrn und lasst Euch sagen..." Große Qualifikationen erforderte der Job nicht. Fit und enthaltsam sollten alle jedoch sein, die mit Hellebarde, Laterne und Horn umherzogen: "Nüchterne (!), unverdrossene, vigilante und beherzte Leute, die überdies kein zu sehr ermüdendes Gewerbe bey Tage treiben", verlangte die "Stellenbeschreibung" der Bamberger Nachtwächterverordnung von 1789. Strenge Strafen erwarteten alkoholisierte Missetäter folglich, die "nicht allein kassired, sondern auch am Leibe exemplarisch bestraft" wurden.

Das und vieles mehr bietet "55 x verführt Bamberg" auf über 240 Seiten. Zuletzt noch die Antwort auf unsere eingangs gestellte Frage nach der Zwiebel. Bei ihr handelt es sich um eine weitere Spezialität aus der Stadt der Zwiebeltreter. Eine mit Hackfleisch oder Bratwurstbrät gefüllte Gemüsezwiebel wird dem einschlägigen Rezept zufolge gedünstet. Dazu reicht man Kartoffelstampf, Kraut und - deftige (Rauch)biersoße. Prost und wohl bekomm's!

Zum Buch
Der Band "55 x verführt Bamberg" von Markus Raupach erschien bei ars vivendi. Er ist im Handel unter
ISBN-13 978-3869132037 erhältlich. Markus Raupach stammt aus Bamberg, wo er Geschichte und Germanistik studierte.


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