Bamberg
Krankheit

Alzheimer: Betroffene erzählen ihre Geschichte

1,2 Millionen Menschen leiden in Deutschland an der häufigsten Form von Demenz. Hilfe bietet unter anderem die Fachstelle für pflegende Angehörige in Bamberg. Betroffene erzählen ihre Geschichte.
Artikel drucken Artikel einbetten
Wenn die Erinnerung verblasst: Immer mehr Menschen leiden unter Alzheimer. Foto:  Michael Gründel
Wenn die Erinnerung verblasst: Immer mehr Menschen leiden unter Alzheimer. Foto: Michael Gründel
Siegrid Müller kümmert sich liebevoll um ihren Mann Heinz (Namen von der Redaktion geändert). Pflegt ihn, spricht mit ihm, wäscht ihn und ist für ihn da. Seit fast vier Jahren. Angefangen hat alles mit Depressionen im Jahr 2009. "Wir wussten nicht, wo es herkam", erinnert sich die 66-Jährige. Der Hausarzt empfahl eine neurologische Untersuchung. Das Ergebnis: Alzheimer. Ein Schock, den die Familie des 71-Jährigen erst einmal verdauen muss. Es dauert einige Zeit, bis Tochter und Sohn damit fertig werden.

"Das Tragische ist, dass man sich von einer Person verabschieden muss, die noch da ist", erklärt Pia Schlee von der Fachstelle für pflegende Angehörige in Bamberg. Sie kennt das Ehepaar und steht ihm seit Sommer 2010 zur Seite. Die Stelle berät Familienangehörige und Freunde von pflegebedürftigen Menschen, hilft bei der Vermittlung von Hilfsdiensten und Einrichtungen, klärt auf über Rechte und Finanzierung und bietet psychosoziale Betreuung an.

Heute ist der ehemalige Elektroinstallateur Heinz Müller nicht mehr in der Lage, alleine zurechtzukommen, die Krankheit hat ihn auch äußerlich schwer gezeichnet. Seine Frau bekommt inzwischen Hilfe bei der Pflege ihres Mannes. Gemeinsam mit der Fachstelle für pflegende Angehörige suchte sie einen Helfer, der einmal pro Woche für zwei Stunden zu dem Ehepaar nach Hause kommt. "Wichtig dabei: Der Draht zwischen Helfer und Betreutem muss stimmen", weiß Pia Schlee.


Kontakt zu anderen Menschen


Seit einem Jahr besucht Heinz Müller zusätzlich zwei Mal in der Woche eine Tagespflege in Memmelsdorf. "Zu Beginn war das schwierig für ihn", sagt die Rentnerin, "aber mittlerweile ist das kein Problem mehr." Ein Fahrdienst holt den 71-Jährigen morgens gegen acht Uhr ab und bringt ihn am späten Nachmittag gegen 17.30 Uhr wieder nach Hause. Besonders wichtig sei der Kontakt zu anderen Menschen und dass er Neues erlebt, erklärt Siegrid Müller.

Das Umfeld des Paares reagiert unterschiedlich auf die Krankheit. Einige wenden sich ab, andere sind bis heute treue Freunde. Auf jeder Familienfeier sind die beiden dabei und das tut ihrem Mann gut, berichtet Siegrid Müller. "Unsere Enkelin ist noch sehr klein, aber sie geht immer sehr vorsichtig mit dem Opa um. Kinder gehen sowieso absolut unbefangen auf ihn zu. So als wäre nichts."

Dass er sich veränderte, blieb Heinz Müller nicht verborgen. Er spürte zu Beginn der Krankheit, dass er nicht mehr alles tun konnte, was er tun wollte und fragte sich oft, was mit ihm nicht stimmt. Seine Frau erinnert sich an einen Vorfall, der sich tief in ihr Gedächtnis eingebrannt hat: "Eines Tages hat er seine Taschen leer gemacht, alles auf den Tisch gelegt und zu mir gesagt, dass er jetzt geht und nicht mehr wiederkommt."

Ein Arzt empfahl Siegrid Müller, ihrem Mann die Krankheit nicht zu erklären, da das Wissen nur eine Belastung für ihn wäre. "Der Beginn der Erkrankung ist am schlimmsten für die Patienten. Wenn die ,Gnade des Vergessens' kommt, spüren sie nicht mehr, was ihnen fehlt", erklärt Pia Schlee.


Er erkennt eigene Ehefrau nicht


Heinz Müller bekommt Medikamente , um die Symptome der Alzheimer-Krankheit zu lindern. Ohne Medikamente wäre es eine Qual , sagt die Ehefrau. Er ist unruhig und kommt nicht zur Ruhe. Seine Orientierung ist schlecht, er findet sich in der eigenen Wohnung nicht mehr zurecht. Manchmal erkennt er seine eigene Ehefrau nicht mehr. Seit einigen Monaten stottert er. Das Schwierigste für Siegrid Müller: "Dass wir uns nicht mehr unterhalten können und dass alle alten Erinnerungen weg sind. Aber es gibt immer noch schöne Momente. Wenn es mir nicht gut geht, setzt er sich manchmal zu mir und fragt, was los ist. Er spürt, wenn etwas nicht stimmt."

Die jahrelange Pflege verlangte im Frühjahr 2012 ihren Tribut von Siegrid Müller. Sie konnte nicht mehr, war an ihre Grenzen gestoßen. Sie brauchte eine Pause. Mit Hilfe der Fachstelle für pflegende Angehörige beantragte sie eine Kur für sich und ihren Mann. Der Antrag wurde abgelehnt. Für ihren Mann gäbe es keine Erfolgsaussichten auf eine Verbesserung seines Zustandes, hieß es.

Schließlich wurde für Siegrid Müller eine Kur für pflegende Angehörige genehmigt. Ihr Mann bekam für die Dauer ihres Kuraufenthalts einen Platz in einer Kurzzeitpflegeeinrichtung. Die Auszeit verschaffte ihr neue Energie und ließ sie eine wichtige Ausgleichsaktivität für sich finden: Qi Gong.


So lange wie möglich selber pflegen


Zurzeit widmet sich die Rentnerin neben der Pflege ihres Mannes gemeinsam mit Pia Schlee noch einem anderen Projekt, dem behindertengerechten Umbau des Badezimmers. Auf ihre Wünsche für die Zukunft angesprochen, sagt die 66-Jährige, dass sie die Zeit für ihren Mann noch so angenehm wie möglich gestalten will. Ihren Lebensgefährten in eine Pflegeeinrichtung zu geben, daran denkt sie nicht. So lange wie möglich möchte sie die Zeit mit ihm genießen.
was sagen sie zu diesem Thema?
jetzt anmelden jetzt registrieren