Bamberg

Als der gesamte Salat weg musste

Vor 30 Jahren ereignete sich die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Auswirkungen waren auch in Bamberg zu spüren, etwa bei den Erwerbsgärtnern.
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Gärtner Michael Niedermaier mit einem Salat Foto: Barbara Herbst
Gärtner Michael Niedermaier mit einem Salat Foto: Barbara Herbst
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Es hat alle vollkommen unvorbereitet getroffen: Am 26. April 1986 explodierte ein Reaktor des Kernkraftwerks Tschernobyl - und setzte plötzlich Unmengen radioaktiver Stoffe in der Erdatmosphäre frei. Ein Ereignis, auf das niemand vorbereitet war.

Die Informationen aus der Ukraine seien zunächst erst "fragmentartig durchgedrungen", sagt Herbert Schütz, heute Leiter des Amtes für Umwelt, Brand- und Katastrophenschutz. Damals arbeitete er als Umweltschutzingenieur bei der Stadt.

Schütz, seinerzeit 33 Jahre alt, erinnert sich: Da war die Nachricht des Unfalls, der Kernschmelze und schließlich die Information, "dass eine Wolke mit radioaktiven Materialien unterwegs war" - unter anderem nach Deutschland, genauer Süddeutschland, auch Bamberg.

Die Stadt habe Empfehlungen der Strahlenschutzkommission weitergegeben. Zum Beispiel, "dass man auf Milch von Bauern verzichten soll, deren Kühe direkt draußen auf der Weide gegrast haben. Man sollte entweder bei großen Molkereien kaufen, wo die Milch gemischt wurde. Oder aus Ställen, in denen die Tiere mit Silage gefüttert wurden."

Zuständige Behörden waren die sogenannte Landesuntersuchungsanstalt und das Landesamt für Umwelt - "dort haben wir Lebensmittelproben eingeschickt", erläutert Schütz. Proben wie die von Georg Demut, damals Vollerwerbsgärtner und im Vorstand der Genossenschaft "Gartenbauzentrale Bamberg". "Wir hatten acht bis 14 Tage Totalausfall, durften nichts ernten", erinnert er sich. "Wir waren verunsichert, aber die haben's ja gemessen."

Der heute 75-Jährige spricht von einem schweren Schlag. "Da tut einem das Herz weh, wenn man das Zeug sät und dann muss man es einpflügen. Mein schöner Rettich!"

Auch eine Empfehlung der Strahlenschutzkommission: Die Gärtner mussten ihre Äcker umgraben. Immerhin: Gärtner und Bauern aus Bamberg erhielten vom Staat eine finanzielle Entschädigung für das vernichtete Gemüse. Immer und immer wieder wurde gemessen, schließlich kam die Entwarnung.

Das radioaktive Iod-Isotop 131, das hauptsächlich im Regen niedergegangen war, hatte sich vermindert, wie Herbert Schütz anmerkt. "Es hat eine Halbwertszeit von etwa acht Tagen", sprich: Die Hälfte der Atome zerfällt innerhalb der genannten Zeitspanne.

Vorsorglich tauschte die Stadt den Sand auf allen Kinderspielplätzen aus. Einer der Mitarbeiter war Michael Niedermaier, damals angestellt in der Stadtgärtnerei und Gemüsegärtner im Nebenerwerb. Er erinnert sich: "Meine Tochter Anna kam in dem Jahr auf die Welt, da ist man schon verunsichert, was man dem Kind gibt." Die Niedermaiers kauften Konserven, doch die Milch war nach wenigen Tagen nicht mehr erhältlich. "Keiner wusste, wie er sich richtig verhalten soll."
Auch beim Gemüse nicht. Laut Herbert Schütz gab es zwar die Empfehlung der Strahlenschutzkommission, am Salat die äußeren Blätter zu entfernen und den restlichen Kopf gut zu waschen. Dann sei er verzehrbar. Doch viele Menschen trauten sich das nicht.

Michael Niedermaier, Vorsitzender des Oberen Gärtnervereins, erinnert sich: "Wir haben von der Genossenschaft aus Gemüse nach Berlin geliefert, doch es durfte nicht eingeführt werden. Die Lkw wurden zurück nach Bamberg geschickt - wo sie auch draußen bleiben mussten."

Den 26. April 1986 hat er noch sehr präsent: "Das war ein herrlicher Tag, als das plötzlich passiert ist."
Umweltamtsleiter Herbert Schütz weiß von Bambergern, die sich eigens Dekontaminations-Schleusen im Keller einrichteten. Apropos Keller: In Bamberg waren in den 1960er Jahren einige Tiefgaragen als Luftschutzbunker ausgebaut worden.

Schutzräume gab es zum Beispiel in der Geyerswörth-, der Amtsgerichts-, oder der Stadtsparkassentiefgarage. Und: Auch der sogenannte Wieland-Stollen am Stephansberg war als Schutzraum ausgestattet. Die Gesamtkapazität lag laut Schütz bei insgesamt 13 000 Plätzen. Allerdings: Eine "gewisse radioaktive Strahlung" könne durch die Lüftung wohl auch in die Bunker eindringen. Von diesen seien außerdem viele wegen fehlender Instandhaltung gar nicht mehr als solche nutzbar.

Was dagegen bis heute nutzbar ist: Das Messnetz, das nach Tschernobyl aufgebaut wurde. Zudem befinden sich noch immer Messgeräte in den Kommunen. "Heute ist man besser vorbereitet. Informationen können schneller und besser an die Bevölkerung weitergegeben werden, und wir können zügig eine Aussage über Belastungen treffen", sagt Schütz. Zuständig sind einerseits nach wie vor das Landesamt für Umweltschutz, andererseits das Bundesamt für Strahlenschutz sowie der Deutsche Wetterdienst.

"Die Koordinierung der Handlungsempfehlungen zwischen Bund, Land und Kommunen" wurde vor 30 Jahren eigens in einer Resolution des Umweltsenates der Stadt Bamberg verabschiedet. Darin forderte man ein kleinräumiger ausgebautes Messnetz und bekannte sich dazu, bei Überschreiten der Grenzwerte die Bevölkerung sofort zu informieren, zitiert Schütz aus den Akten.

Zwar habe sich vor 30 Jahren das Leben innerhalb von ein paar Wochen wieder normalisiert. "Aber am Anfang haben wir auch keine Blumen mehr gepflückt."

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