Bamberg
Jubiläum

70 Jahre Erklärung der Menschenrechte - Interview mit Bamberger Amnesty-Mitgliedern

Amnesty feiert am Montag die Erklärung der Menschenrechte vor 70 Jahren. Zwei Bamberger Ehrenamtliche sprechen im Interview über Erfolge und Rückschläge.
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"Gerade in der Türkei ist es wieder schlimmer geworden", sagt Siliva Walter im Interview. Sie engagiert sich seit dem Jahr 1984 in der Bamberger Amnesty-Gruppe.  Symbolbild: Nicolas Armer/dpa
"Gerade in der Türkei ist es wieder schlimmer geworden", sagt Siliva Walter im Interview. Sie engagiert sich seit dem Jahr 1984 in der Bamberger Amnesty-Gruppe. Symbolbild: Nicolas Armer/dpa
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Die Geschichte von Amnesty International beginnt in einer Kneipe: Zwei portugiesische Studenten stoßen im Jahr 1960 in Lissabon auf die Freiheit an. Doch in der Diktatur ist die Erwähnung des Wortes "Freiheit" verboten. Die beiden werden festgenommen und zu sieben Jahren Haft verurteilt. Für den britischen Anwalt Peter Benenson ist dies der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt: Er fordert in der Londoner Zeitung "Observer" die Leser auf, mit Appellschreiben öffentlichen Druck auf Regierungen zu machen und die Freilassung politischer Gefangener zu fordern. Auf Englisch ein "Appeal for Amnesty", der schnell weltweit Unterstützer findet.

Im Jahr 1968 gründet sich auch eine Bamberger Gruppe. Der gehört Silivia Walter seit 1984 an. Seitdem setzt sie sich für die Durchsetzung der Menschenrechte ein, die am 10. Dezember 1948 von den Vereinten Nationen im Palais de Chaillot in Paris verkündet wurden. Zum 70. Jubiläum am Montag findet auch in Bamberg ein vielfältiges Programm statt, dass die Amnesty Gruppe organisiert hat. Walter und ihr Amnesty-Kollege Klaus Rabenmüller erzählen, warum sie sich für Menschenrechte stark machen, was sich verbessert hat und wo es noch Probleme gibt.

Was hat Sie dazu bewegt, sich für Amnesty zu engagieren?

Silvia Walter: Ich habe immer etwas gesucht, hinter dem ich voll stehen kann. Bei Parteien war ich skeptisch. Aber bei Amnesty habe ich das gefunden. Klaus Rabenmüller: Die allgemeine Menschenrechtssituation hat mich dazu bewogen. Es gibt ja immer noch viele Leute, die wegen ihrer Meinung in Haft sitzen, die keine Gewalttäter sind. Dass das nicht nur in der Dritten Welt passiert, wissen wir auch spätestens seit Deniz Yücel. Walter: Gerade in der Türkei ist es wieder schlimmer geworden. Da war man schon einmal auf einem besseren Weg. Und auch in den USA gibt es das Foltergefängnis Guantanamo und in vielen Staaten noch die Todesstrafe.

Hat sich überhaupt etwas verbessert?

Walter: Ja, sonst wäre die Arbeit sehr deprimierend. Es gibt immer Verbesserungen, aber es kommen auch immer wieder Leute, die ihre Macht ausspielen und andere unterdrücken. In einem Drittel der Fälle, über die wir Briefe schreiben, tut sich aber wirklich etwas. Zwar wird der Inhaftierte nicht immer gleich freigelassen, aber er bekommt zumindest einen Rechtsanwalt oder medizinische Hilfe. Rabenmüller: Ja, und daraus zieht man die Motivation, weiterzumachen.

Was für Erfolge haben Sie erlebt?

Walter: Wir haben einmal einen russischen Gefangenen betreut, der eingesperrt war, nur weil er sich zur Wahl hatte aufstellen lassen. Er hatte auch furchtbare Haftbedingungen und war sehr krank. Als er dann freigelassen wurde, kam er zu Besuch nach Bamberg. Er hat seine Dankbarkeit ausgedrückt und von seinem Leid erzählt. Das war sehr toll und ging mir sehr nahe. Rabenmüller: Ich kann mich an einen Kubaner erinnern, der auch freigelassen wurde und zu Besuch kam. Dort hat sich die Situation auf jeden Fall sehr verbessert. Trotzdem sitzen dort immer noch Leute wegen ihrer Überzeugung ein.

Gibt es auch Fälle hier in der Region?

Walter: Ja. Oft nicht so krass, aber auch in Europa gibt es Fälle, auch in Deutschland und in der Region. In Bamberg kann ich mich an einen erinnern. Da wurde eine Frau von einem Polizisten unmenschlich behandelt. Das wurde dann aber nicht von uns, sondern von London aus untersucht. Es ist eine feste Regel von Amnesty, dass die Gruppen keine Fälle aus dem eigenen Land bearbeiten. Zum einen wegen der Objektivität. Aber vor allem, um die Mitglieder zu schützen. Stellen Sie sich vor, ein Amnesty-Mitarbeiter in Saudi-Arabien bearbeitet einen Fall aus dem eigenen Land.Der landet ratzfatz im Gefängnis. Rabenmüller: Zum Beispiel habe ich 1981 beim Schüleraustausch einen Franzosen kennengelernt, der mir von Fällen aus der DDR berichtet hat.

Wenn es so viele Fälle gibt: Wie entscheiden Sie, um welche sie sich kümmern?

Walter: Amnesty liefert eine Vorauswahl für die einzelnen Gruppen. Innerhalb der Gruppe entscheiden wir dann, wer sich um was kümmern will, wer Briefe schreibt, wie wir Unterschriften sammeln wollen. Wir sind etwa vier Ehrenamtliche in der Gruppe, werden aber auch sehr gut von der Bamberger Hochschulgruppe unterstützt. Rabenmüller: Jeder Fall ist übrigens gründlichst recherchiert. Es gibt auch Spezialisten für die jeweiligen Länder.

In der Menschenrechtserklärung sind auch das Verbot der Diskriminierung (Artikel 2), das Asylrecht (14) und Religionsfreiheit (18) verankert. Gehen Sie auch auf rechtsextreme Gruppierungen zu, die diese Rechte in Frage stellen?

Walter: Wir sprechen das auf jeden Fall an, wenn wir rassistische Äußerungen hören. Manchmal kommen auch Leute aus gewissen Gruppierungen, die es jetzt öfter gibt, zu uns an den Stand. Die reden uns dumm an. Dann versuchen wir, sie zu überzeugen. Aber das ist schwierig. Trotzdem hat man eine Haltung, wenn man sich für Menschenrechte engagiert. Die vertreten wir auch im Privaten. Das Gespräch führte Markus Klein.

Jubiläumsprogramm in Bamberg

Am 10. Dezember feiert Amnesty Bamberg die Erklärung der Menschenrechte vor 70 Jahren mit einem vielfältigen Programm.

Film Das Lichtspielkino (Untere Königsstraße 34) zeigt Menschenrechtsfilme. Der erste ist "Styx" (10 Uhr).

Ausstellung im Rathaus Dort wird um 14 Uhr eine Ausstellung eröffnet, die die Gestaltung der Erklärung von Bamberger Schülern zeigt. Briefmarathon Um 16 Uhr findet in der Fußgängerzone (Maxplatz 8) ein Briefmarathon mit Schweigekreis statt . Gemeinsam wird die Freilassung von Menschen gefordert, die wegen ihres Einsatzes für die Menschenrechte inhaftiert sind. Szenische Lesung Das Wildwuchs-Theater veranstaltet zum Jubiläum eine szenische Lesung im Palais Schrottenberg (Kasernstraße 1). Einlass ist um 18.30 Uhr. red



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