Bamberg
Kundgebung

520 Bamberger bekennen sich zu Europa

Die "Pulse of Europe"-Bewegung ist in der Domstadt angekommen. Bei der Premieren-Veranstaltung geht es um die Wahl in Frankreich und die AfD.
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Mehr Zuspruch als von den Organisatoren erwartet, erfuhr die erste "Pulse of Europe"-Kundgebung am Obstmarkt. Foto: Ronald Rinklef
Mehr Zuspruch als von den Organisatoren erwartet, erfuhr die erste "Pulse of Europe"-Kundgebung am Obstmarkt. Foto: Ronald Rinklef
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Europa hat am Sonntag starke Konkurrenz in Bamberg. Auf dem Maxplatz ist Tag des Bieres, in der Gärtnerstadt Tag der offenen Gärtnerei. Und so sieht es anfangs so aus, als würde sich nur ein versprengter Haufen zusammenfinden, um sich unter der blauen Sternenflagge erstmals in Bamberg zum "Pulse of Europe" zu formieren.

Dieser Eindruck täuscht. Die Menge wächst schnell an, am Ende ist von 520 Teilnehmern am Obstmarkt die Rede. Mitorganisator Matthias Schönhofer ist hoch zufrieden: Er und seine beiden Mitstreiter Jonas Glüsenkamp und Moritz Schulz haben mit vielen Teilnehmern gerechnet - mit so vielen beim ersten Mal dann aber doch nicht.


Zeichen gegen Nationalismus

Die Bewegung "Pulse of Europe" gibt es seit Februar, die ersten Kundgebungen fanden in Frankfurt statt. Den Veranstaltern geht es darum, sich laut für etwas auszusprechen: für Europa. Es ist die Mobilmachung der Europa-Befürworter, die nach wie vor in der Mehrheit sind. In mittlerweile 110 Städten, nicht mehr nur in Deutschland, setzen sie fast wöchentlich ein Zeichen gegen Nationalismus und für die europäische Idee.

Dabei ist momentan noch kein klares Programm erkennbar, was bereits zu Kritik an der Bewegung geführt hat. Es existieren zehn Punkte, die die Idee umreißen ("Der Frieden steht auf dem Spiel", "Grundrechte und Rechtsstaatlichkeit sind unantastbar"), diese sind aber bewusst offen formuliert, um eine breite Masse anzusprechen.

Schönhofer sagt den Bambergern in seiner Begrüßung: "Sie machen heute das Programm." "Pulse of Europe" soll nicht von parteipolitischen Strömungen gekapert werden. Das Mikrofon ist offen für jedermann. In einem Aquarium sammeln die Veranstalter Zettel mit Botschaften und Wünschen, die nach Brüssel versandt werden sollen.


Keine einmalige Veranstaltung

Die Wahl in Frankreich prägt die erste Kundgebung - fortan soll die Veranstaltung bis zur Bundestagswahl jeden Sonntag in Bamberg stattfinden, mit Ausnahme des kommenden, vom Weltkulturerbelauf dominierten Sonntag. Neben der Europafahne weht auch die Tricolore. Nach Trump, dessen Wahl die Initialzündung für "Pulse of Europe" war, droht nun Le Pen.

Zwei Franzosen, die in Bamberg heimisch geworden sind, sprechen darüber, was Europa ihnen bedeutet. Und über die Angst, dass es dieses Miteinander bald nicht mehr gibt. David Perpina: "Wir Franzosen meckern über alles. Die Deutschen haben zu viel Erfolg, die Italiener sind zu charmant. Es ist wie in einer Familie." Und genauso wenig wie eine Familie sei Europa perfekt. Daran müsse man gemeinsam arbeiten. Auch indem man den Dialog nie abbricht, um damit Ängste und Ressentiments in der direkten Nachbarschaft aus dem Weg zu räumen.

Joel Tharreau beobachtet, dass Europa für viele junge Leute normal sei, eine Selbstverständlichkeit. "Das ist nicht die Realität". Um 14.30 Uhr sind noch lange keine Hochrechnungen bekannt, da kann Therrau nur hoffen, dass seine Landsleute sich nicht für das ganz rechte Lager entscheiden und dass es für alle Europäer irgendwann nur noch einen Pass gibt, einen europäischen.


Multikulti statt Ausgrenzung

Es ist aber nicht nur der Tag der Frankreichwahl. Es ist auch der zweite Tag des Bundesparteitags der AfD in Köln. Von allen Seiten wird an Europa gezerrt. Dritter Bürgermeister Wolfgang Metzner sagt in seiner Rede: "Die Rechtspopulisten stehen nicht für Deutschland, sondern für Feigheit und Ausgrenzung. Sie sind eine klägliche Minderheit." Der SPD-Politiker wünscht sich ein Europa der Vielfalt und, ja, Multikulti: "Ich bin ein Gutmensch, das ist besser als ein Schlechtmensch zu sein."

Danach wird das Mikrofon geöffnet. Und tatsächlich wagen sich vier aus den Reihen der als zurückhaltend geltenden Franken vor das Publikum. Ellen Bambach hat schon viele "Pulse of Europe"-Kundgebungen besucht. "Ich komme jedes Mal gut gelaunt zurück." Und Oliver Steffens, Politik-Student, bringt Eindrücke vom Parlament in Brüssel mit: "Ein Parlament aus 28 Ländern, das ist etwas ganz besonderes. Europa ist viel mehr als ein Kontinent, es ist eine Gemeinschaft."


Warum für Europa eintreten?

Klug ist, dass die Organisatoren auch die Kritik an "Pulse of Europe" aufnehmen und Stellung nehmen. Jonas Glüsenkamp stellt die Frage, warum man für Europa überhaupt auf die Straße gehen sollte. Schließlich ertrinken Flüchtende im Mittelmeer, sind im Süden massenweise junge Menschen arbeitslos und in Deutschland viele Alte arm.

Deshalb will sich "Pulse of Europe" nicht als Demonstration für die bürokratischen Institutionen der Europäischen Union verstanden wissen, sondern für die europäische Idee. Denjenigen, die "Wir sind das Volk" rufen, entgegne man: "Wir sind die Menschen. Es kommt nicht darauf an, wo du herkommst, es kommt darauf an, wo du hinwillst." Diese Ideen galten lange Zeit als nicht attraktiv genug, um Menschen auf die Straße zu bringen. Am Sonntag bestanden sie nun sogar die Kraftprobe mit Bier und Gärtnereien.


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