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Demografie

100 Jahre - die hat sie souverän gemeistert

Alexandra Draheim ist die Älteste in ihrer Gemeinde. Sie schwört auf ihre wöchentlichen Rätsel ebenso wie stapelweise gute Literatur.
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Alexandra Draheim vor ihrer geliebten Lektüre Foto: Anette Schreiber
Alexandra Draheim vor ihrer geliebten Lektüre Foto: Anette Schreiber
Hinter der geschmackvollen Brille funkeln wache grüne Augen. Alexandra Draheim braucht nicht lange zu überlegen. "Gut, dass es das gibt." Die flotte Dame sieht es pragmatisch. "Die Möbel kann man nicht alle mitnehmen, aber das ist ja selbstverständlich, wenn man ins Heim geht", sagt sie mit der Gelassenheit eines Außenstehenden und doch lebt sie selbst seit eineinhalb Jahren im Gundelsheimer Seniorenzentrum. "Aber man braucht eine Verbindungsperson", betont Gundelsheims Älteste und nimmt dabei ihre jüngste Tochter Marianne (62) ins Visier.


Guter Wein am Abend

Die nickt. Im Heim sei zwar für vieles gesorgt, doch für manches brauche es eben doch "eine Person außerhalb", die Dinge organisiert oder mitbringt. So wie die französische Zeitschrift, die Alexandra Draheim so liebt, und gute Literatur, die sie immer noch stapelweise konsumiert. Den Tag lässt sie gerne mit einem guten Wein ausklingen. Auch der will organisiert sein.

Hat man noch Ziele mit 100 Jahren? "Schnell sterben, denn jetzt bin ich noch fit." Was zunächst brutal klingt, ergibt doch irgendwo einen Sinn. Auch mit ihren 100 lässt sich die gebürtige Bambergerin, dritte Tochter des früheren Bamberger Landrats Paul Köttnitz, das unabhängige Denken nicht nehmen. So hat sie etwa auch entschieden, ihr Essen lieber allein im Zimmer einzunehmen, als in der Gemeinschaft.

Vor ihrem Fenster wuseln die Knirpse der benachbarten Kindertagesstätte durch die Spielarena. "Ein schönes Zimmer", stellt Alexandra Draheim auch angesichts dieser Aussicht fest. Freilich sei das etwas ganz anderes, als die eigene Wohnung, wo man von Zimmer zu Zimmer laufen kann. Natürlich vermisst sie das Klavierspielen, als einstige Musikstudentin. Alexandra Draheim ist als höhere Beamtentochter in dem was man Bildungsbürgertum nennt, groß geworden. Geburtsjahr - 1916. Mitten im Ersten Weltkrieg also.

Aufgewachsen in einer Beamtenfamilie am Kaulberg im Ebracher Hof. Im Urlaub war man nie, "das Geld wurde in Bildung gesteckt". Eine Selbstverständlichkeit, die sich bei den eigenen Kindern später fortsetzen sollte.In Alexandra Draheims Abi-Jahrgang gab es nur sieben Absolventen. "Heute soll jeder Abi machen, dafür wird das Niveau gesenkt", ist sie sich mit der Tochter einig.

Differenziert betrachtet die Mutter vierer Kinder, die mit dreien davon während des Zweiten Weltkrieges alles verlor und sich zur Flucht - zurück in die Heimat - nach Franken entschied, das Thema Flüchtlinge: "Wir flohen aus einem Teil des eigenen Landes in einen anderen; innerhalb eines Landes, das kaputt war und in dem es nichts gab." Noch heute fragt sie sich, wie man damals überlebt habe. "Wir haben gehungert." Ein Dirndl hat sie sich mit geliehener Nähmaschinennadel aus einem karierten Bettbezug genäht, die Schürze dazu aus einer alten Nazi-Fahne, merkt sie wieder einmal pragmatisch an. Sie ernährte die Familie anfangs durch Unterrichten - auch in Drosendorf.

Die damals noch fünfköpfige Familie lebte in der Abstellkammer neben dem Klassenzimmer. "Einmal hatten wir verschlafen und standen in Schlafanzügen vor den Schülern." In den Schilderungen der freundlichen Dame, die so wohl akzentuiert spricht, werden Kapitel eines sehr bewegten Lebens aufgeschlagen. Noch heute brächte sie es nicht fertig, Lebensmittel wegzuwerfen. In der Generation der 1954 geborenen Tochter sieht das schon wieder anders aus, wie die Wahl-Gundelsheimerin anmerkt.


Zurück nach Franken

Nachdem sie urplötzlich schwer krank geworden war, konnte die Seniorin nicht nicht mehr allein in Nordrhein-Westfalen leben. So sollte sie ein weiteres Mal nach Franken zurückkehren, an den Wohnort der Tochter. Im Seniorenheim sah man die Mutter angesichts der Krankheit erst einmal besser versorgt. Nach acht Wochen war die gesundheitliche Krise überstanden und Alexandra Draheim überlegte schon, ob der Einzug ins Heim nicht verfrüht war. "Aber dann ließen wir alles so", stellt sie ihrer pragmatischen Einstellung entsprechend fest. Im Heim werde vieles angeboten und "die Leute sind nett." An Fahrten zum Essen nehme sie teil, eines von zahlreichen Angeboten, die sie prinzipiell begrüßt. Täglich freut sich Alexandra Draheim auf den Austausch mit der Tochter. Da geht es um alle möglichen Themen. "Weil es immer heiße, im Alter werde man nur noch fromm" - sie winkt vielsagend ab. "Ich hoffe natürlich auf eine positive Ewigkeit." Sicher steht für Marianne Lorenz indes nur eines: "An einem Donnerstag oder Freitag stirbt meine Mutter nicht, weil sie sich Donnerstag auf das Rätsel in der FAZ freut und es Freitag lösen muss." Zum 100. hat die FAZ übrigens der treuen Rätslerin einen eigenen Artikel gewidmet und sie dafür im Seniorenzentrum besucht. "Gut, dass es so was gibt."




Der Landkreis hat bereits verschiedene Weichen gestellt


Sina Wicht fungiert seit 2010 im Landkreis Bamberg als Generationenbeauftragte. Dabei ist sie auch intensiv mit der demografischen Entwicklung beschäftigt. Was ist ihr dabei im Moment am wichtigsten?


Vielfältige Unterstützung

Der Landkreis und seine Gemeinden unterstützen ihre älteren Bewohnerinnen und Bewohner auf vielfältige Weise. Von der finanziellen Absicherung (Grundsicherung im Alter und Hilfe zur Pflege), über die Betreuungsstelle und die Demenzinitiative bis hin zu den Seniorenbeauftragten und der Förderung von Seniorenkreisen vor Ort.
Zwei Themen liegen mir darüber hinaus besonders am Herzen. In Zukunft wird die Unterstützung pflegender Angehöriger immer wichtiger.
Schon heute werden über 2400 Pflegebedürftige im Landkreis daheim versorgt, bis 2030 wird diese Zahl noch um 1000 Menschen ansteigen (gleichzeitig nimmt der heute schon spürbare Fachkräftemangel in der Pflege weiter zu).


Unschätzbarer Beitrag

Die Angehörigen leisten daher einen unschätzbaren Beitrag für die Versorgung im Alter, und sie gehen dabei oft bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Deshalb ist gute und frühzeitige Beratung wichtig. Kurzzeit- und Tagespflege, stundenweise Entlastung durch geschulte ehrenamtliche Helfer, hauswirtschaftliche Hilfen - das alles sind Leistungen, die von den Kassen übernommen werden. Pflegende Angehörige sollten darüber gut informiert sein, denn nur wer auf sich selbst achtgibt, kann auch dauerhaft für seine Lieben sorgen.


Gestaltungsspielräume

Der demographische Wandel lenkt unseren Blick aber auch auf die Stärken und Gestaltungsspielräume des Alters. Älterwerden ist heute eben nicht mehr nur eine Frage der Fürsorge und Versorgung, sondern bedeutet auch so lange wie möglich das Einbringen seiner Fähigkeiten und Erfahrungen im eigenen Umfeld. Die Berater/-innen für Altersfragen, die Leihgroßeltern, die Nachbarschaftshilfen und die ehrenamtlichen Sturzprophylaxe-Kursleiter im Landkreis sind dafür beste Beispiele. Zusammen mit dem Freiwilligenzentrum CariThek und natürlich den interessierten Senioren möchte der Landkreis immer weitere Bereiche für ein aktives Alter entdecken und fördern.
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