Wildflecken
Bundeswehr

Zentrum des neuen Bundeswehr-Netzes

Das Verteidigungsministerium investiert mehr als eine Milliarde Euro an drei Standorten in die Digitalisierung.
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Im Gefechtssimulationszentrum Heer gibt es bereits jede Menge IT-Spezialisten in der Rhönkaserne, ab 2023 wird der Standort zu einem von zwei Knotenpunkten des Bundeswehr-Netzes.  Foto: Archiv/Florian Gensch
Im Gefechtssimulationszentrum Heer gibt es bereits jede Menge IT-Spezialisten in der Rhönkaserne, ab 2023 wird der Standort zu einem von zwei Knotenpunkten des Bundeswehr-Netzes. Foto: Archiv/Florian Gensch

Zwei Jahre lang hat eine ganze Region auf die Entscheidung gewartet, durch den Führungswechsel im Verteidigungsministerium ging sie nun fast unter: Die Bundeswehr baut in den kommenden zehn Jahren eine komplett neue digitale Infrastruktur auf, und die beiden wichtigsten Knotenpunkte im militärischen Netz werden Wildflecken in der Rhön und Strausberg in Brandenburg sein. Roth in Mittelfranken bekommt zudem ein Datencenter als eine Art Backup. Nach aktueller Planung wird an den drei Standorten insgesamt mehr als eine Milliarde Euro investiert.

Es handle sich um eine "strategische, langfristige Entscheidung", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums auf Nachfrage. Bis Ende 2021 soll das Detail-Konzept für die drei neuen Standorte stehen, der Baubeginn ist für Anfang 2023 geplant. Genau genommen erhalten sowohl Wildflecken, als auch Strausberg jeweils drei Rechenzentren, die dann "Cluster" bilden. Die Rechenzentren sollen nach und nach in Betrieb gehen: "Wir warten nicht ab, bis alles fertig ist und legen dann 2030 den großen Schalter um", heißt es aus Berlin.

15 Hektar Fläche notwendig

Wegen der drei Gebäude war auch der Platz vor Ort eines der wichtigsten Kriterien: Mindestens 15 Hektar werden für die Rechenzentren benötigt. Weitere Vorgabe: Die beiden Cluster und das Backup mussten "geo-redundant" liegen, sprich: So weit voneinander entfernt, dass Naturkatastrophen oder Stromausfälle nicht zwei gleichzeitig treffen. Ausgeschlossen waren Standorte, an denen Hochwasser oder Erdbeben drohen und die zu nahe an Atomkraftwerken, Krankenhäusern oder Raffinerien liegen. Außerdem kamen nur größere Standorte mit bestehendem Objekt-Schutz und eigenem Munitionsdepot in Frage. "Das hat nicht jede Kaserne", heißt es aus dem Ministerium, und: "Innerhalb der Gebäude wird es natürlich zusätzliche Zugangssicherungen geben." Vermutlich werden die Cluster auch im Kriegsfall speziell gesichert, dafür gebe es aber noch keine genauen Pläne.

Betreuen wird die neue IT-Infrastruktur eine Tochtergesellschaft des Bundes und bereits vorhandene Betriebsführungselemente. "Deshalb ist das jetzt keine Stationierungs-, sondern eine Standortentscheidung", weist ein Ministeriumssprecher darauf hin, dass nur wenige neue Arbeitsplätze entstehen. Wie viele, sei noch unklar, aber: "Wir brauchen nicht nur Hausmeister, sondern auch IT-Kräfte, die die Technik einbauen und im Notfall auch vor Ort damit arbeiten können."

Laut Bundeswehr soll "eine der größten Rechenzentrumsinfrastrukturen in Deutschland" entstehen. Mit dem cloud-fähigen Netz, das nicht nur alle Standorte, sondern auch Schiffe oder Panzer verbinden wird, sei Deutschland "in der Nato ganz weit vorne". Aktuell habe lediglich die USA Pläne für ein ähnliches eigenständiges militärisches Netz: "Aber auch die sind erst im Aufbau", betont das Verteidigungsministerium.

Viele warben hinter den Kulissen für den Standort

Die Barnim-Kaserne in Strausberg östlich von Berlin sollte bis vor kurzem noch geschlossen werden, nun haben die Brandenburger zusammen mit Wildflecken und Roth eine Standortgarantie bis 2060, denn: Die neue IT-Infrastruktur der Bundeswehr soll dort in den kommenden zehn Jahren aufgebaut und dann mindestens 30 Jahre genutzt werden. Entsprechend groß ist die Freude aller, die im Vorfeld hinter den Kulissen an der Entscheidung mitgewirkt haben.

Prüfung der Vorschläge

Oberstleutnant Christoph Peschel, Kommandant der Rhön-Kaserne, hatte Mitte 2019 den Auftrag, mögliche Standorte in Wildflecken zu suchen. Zum Jahresende inspizierten dann Vertreter des Kommandos Cyber- und Informationsraum der Bundeswehr die Rhön-Kaserne: "Dabei wurde festgestellt, dass der Standort Wildflecken die geforderten Eckdaten sehr gut erfüllt", berichtet Peschel.

Über die Entscheidung aus Berlin freut sich auch der Wildfleckener Bürgermeister Gerd Kleinhenz (PWW). Seit zwei Jahren sei er an dem Thema dran, mit Landrat Thomas Bold und dem Landtagsabgeordneten Sandro Kirchner (beide CSU) fuhr er eigens nach Berlin, um direkt im Verteidigungsministerium für den Standort zu werben. "Wir haben sämtliche Kontakte genutzt", sagt er: Die beiden Kommunalen Allianzen, denen Wildflecken angehört, sprachen sich ebenso für den Standort aus wie die drei Bundestagsabgeordneten. "Ich hoffe, dass auch die heimische Wirtschaft profitiert", ergänzt Kleinhenz.

Bär reklamiert Erfolg für sich

"Die Digitalisierung ist für die Bundeswehr eines der entscheidenden Zukunftsthemen", sagt die CSU-Wahlkreisabgeordnete und Digital-Staatsministerin Dorothee Bär. "Ich bin sehr glücklich, dass es mir gelungen ist, einen dieser Standorte nach Wildflecken zu holen", reklamiert sie den Erfolg ganz für sich, und: "Dieses große Bekenntnis für den Traditionsstandort Wildflecken ist ein riesiger Gewinn für unsere Heimat und eine eindeutige Stärkung des ländlichen Raums."

Chance für die Region

"Das stärkt den Standort", freut sich auch die SPD-Abgeordnete Sabine Dittmar, die ebenfalls seit zwei Jahren immer wieder im Verteidigungsministerium nachhakte. "Alle Abgeordneten über die Parteien hinweg haben an einem Strang gezogen und in Berlin für Wildflecken geworben", betont zudem die Grünen-Bundestagsabgeordnete Manuela Rottmann. Auch sie denkt schon weiter: Das Cluster könne nicht nur IT-Unternehmen anlocken, sondern vielleicht auch Studiengänge und Forschungsvorhaben in der Region ermöglichen.rr

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