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Reportage

Zeitreise der besonderen Art: Zur IAA flog der Zeppelin NT von Friedrichshafen nach Hannover. Die Saale-Zeitung war für eine Etappe an Bord.

Der Zeppelinflug versetzte nicht nur unseren Volontär, sondern auch den Standortleiter des ZF-Werkes in Schweinfurt in eine längst vergangene Zeit.
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Der Arbeitsplatz von Fritz Günther und Katherine Board. Foto: Johannes Schlereth
Der Arbeitsplatz von Fritz Günther und Katherine Board. Foto: Johannes Schlereth
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Eine wacklige Metalleiter, brummende Motoren und darüber hunderte Kilogramm Gewicht. Zeppelinflüge sind nichts für schwache Nerven. Kein Wunder, haben sich doch Katastrophen mit Luftschiffen wie der "Hindenburg" ins Gedächtnis eingebrannt. Allerdings ist die Technik aus den 1930er Jahren weder in der Luftfahrt noch im Automobilbau, mit heutigen Standards zu vergleichen.

Evolution in der Technik

Ersichtlich wurde die technische Evolution bei einem Pressetermin mit dem Standortleiter des Schweinfurter ZF-Werkes, Hans-Jürgen Schneider. Für die Internationale Automobil Ausstellung Nutzfahrzeuge (IAA) fliegt ein Zeppelin der ZF-Friedrichshafen als Werbung auf die IAA nach Hannover. Das Pressegespräch trat aufgrund der Eindrücke während des Fluges sowohl beim Standortleiter, als auch beim Volontär in den Hintergrund.

Geschichte zum Anfassen

In Zweierreihen geht es nach der Sicherheitsunterweisung - die der eines Flugzeugs ähnelt - 300 Meter über einen sonnenverbrannten Rasen zum Startplatz. Ein kleiner Punkt am Himmel kommt schnell näher - der erwartete Zeppelin. Alle zücken ihre Smartphones oder Kameras - ein Blitzlichtgewitter. Kein Wunder: Ein Zeppelin wirkt in Zeiten von Passagierjets wie aus der Zeit gefallen. Meine Augen suchen nach Männern mit Melone und Monokel.

"Zügig gehen und nur nach Aufforderung stehen bleiben!", reißt mich die Bodencrew aus den Gedanken. Der 75 Meter lange Zeppelin geht in den Landeanflug über. Beim Beobachten der Landung wird mir klar, dass der Zeppelin NT nur wenig mit der zigarrenförmigen Hindenburg gemein hat: Während der Landung drehen sich die beiden Motorkanzeln aus der Horizontalen in die Vertikale, so dass das Luftschiff einem Hubschrauber ähnlich zu Boden schwebt. Das Bug- und Spornrad setzen auf dem braunen Gras auf. Kleine Staubwolken verhüllen die Räder. Wir erfahren, dass der Zeppelin nicht an einem Mast festmachen wird, um uns einsteigen zu lassen. Stattdessen ist ein "fliegender Passagierwechsel" vorgesehen. In meinem Kopf sehe ich meine Vorstellung eines fliegenden Wechsels: Ich, in Tweed-Anzug, einem alten englischen Doppeldecker-Bus hinterherrennend und auf die Trittstufe aufspringend.

Tatsächlich trifft mein Kopfkino die Realität - bis auf den Tweedanzug. Zwei Männer von der Bodencrew mit Gehörschutz befestigen eine Leiter auf Rollen an der Passagierkanzel. Der Sog der Propeller lässt die Kleidung noch in 20 Metern Entfernung flattern. "Es gehen jetzt immer zwei Personen auf Aufforderung in Richtung der Kanzel", ruft ein Mitglied der Bodencrew durch den Motorenlärm. Der Grund für die Vorsicht: Der Zeppelin schlingert mangels Fixierung mehrere Meter nach rechts und links. Ich versuche die erste Stufe der Leiter zu erwischen - zu kurz getreten, der Zeppelin schwankt von mir weg. Beim nächsten Versuch gelingt es mir, den Tritt zu erwischen. Zügig kraxle ich sechs steile Stufen nach oben und hechte in die Kanzel.

Raumschifffeeling

Im Innern ist es verglichen mit der Geräuschkulisse auf dem Rollfeld ruhig, kein Motorengeräusch dringt in die Kabine. Schließlich sind alle zwölf Plätze besetzt. Die Luft in der engen Kanzel knistert vor Spannung. Niemand redet mehr, viele hängen sich ihre Kamera um den Hals, andere krallen ihre Hände um das Smartphone. Bei einer Passagierin zeichnen sich die Knöchel weiß unter der Haut ab. Ich stelle mir vor, dass sich so der Start eines Raumschiffs anfühlen muss. Mir kommt David Bowies Lied "Space Oddity" in den Sinn: "Planet earth is blue, and there's nothing I can do". Ein Blick aus dem Fenster: Wir fliegen bereits. Den Start habe ich nicht wahrgenommen. "Bitte noch kurz angeschnallt bleiben", erinnert Flugbegleiterin Betül Wallenfels die Passagiere an die Sicherheit.

Schließlich kommt die Erlaubnis zum Lösen der Gurte. Plötzlich bricht Leben in der Kabine aus. Die Fenster werden geöffnet, jeder fotografiert und filmt. Ein kühler Luftzug dringt in die aufgeheizte Kabine. Eigentlich wollte Hans-Jürgen Schneider, der Standortleiter von ZF in Schweinfurt jetzt einige Worte an die Passagiere richten. Fliegt doch der Zeppelin als Werbeprojekt nach Hannover auf die IAA. Doch Schneider scheint das vergessen zu haben: Mit der Begeisterung eines Kindes hängt auch er wie wir alle am Fenster und fotografiert, bis die Kamera glüht.

Von oben wirkt alles wie ein Modelleisenbahnland. Die Autos ziehen wie Ameisen ihre Linien auf den Straßen, der Main fließt als grünes, glitzerndes Band durch die Landschaft. Selbst das riesige Kernkraftwerk in Grafenrheinfeld wirkt klein. Es braucht eine kurze Eingewöhnung, um sich in der engen Kanzel zu bewegen. Das Zeppelin steigt steil nach oben, der Boden der Kanzel reckt sich dem Himmel empor.

Im Himmel

Nach einer schieren Ewigkeit kommen wir in die Waagerechte. Pilot Fritz Günther teilt den Passagieren die aktuellen Flugdaten mit: "Wir fliegen etwa mit 70 Stundenkilometern auf 1082 Fuß, also etwa 330 Meter über dem Grund." Ich versuche die Zahl einzuordnen, das Ergebnis: die zehnfache Höhe des Kirchturms meines Heimatortes. Fallschirme gibt es keine. Fritz Günther scheint meine Bedenken bemerkt zu haben: "Aktuell sind wir schwerer als Luft, bei einem dreifachen Motorenausfall müsste ich Wasserballast ablassen. Wir würden dann nicht mehr fliegen, sondern wie ein Ballon fahren und kontrolliert landen können." Die Expertise ist dem 54-Jährigen anzumerken, vor seiner Karriere als Zeppelinpilot war er Fluglehrer beim Militär. Während er spricht, bedient er routiniert Hebel, Schalter und Knöpfe.

Gegen eines kann jedoch nicht einmal seine Erfahrung helfen: Wind kommt auf. Der Zeppelin "nickt". Jetzt ist Ganzkörpereinsatz gefragt: Breitbeinig versuchen die Passagiere, die Schwankungen auszugleichen, während sich die Hände an der Reling festkrallen. Jede Böe fühlt sich wie das ruckartige Beschleunigen eines Busses an. Manchem Fluggast schlägt das stete Auf und Ab auf den Magen. Die Lösung in der Not: Augen schließen, Hinsetzen und Anschnallen. "Bis Windstärke drei fliegen wir mit Passagieren", teilt der Pilot seelenruhig mit.

Erst als der Zeppelin in den Landeanflug übergeht, lässt der Wind nach. Ein Fluggast entspannt sein Gesicht förmlich: die aufeinander gepressten Lippen werden wieder locker. Andere pusten erleichtert Luft aus ihrem Mund. Erneut heißt es anschnallen und hinsetzen. Sanft wie eine Feder landet das Luftschiff. Kein hartes Aufsetzen wie bei einem Flugzeug ist spürbar. Einzeln wird jeder Passagier die Treppe herunter geschleust. Der Zeppelin ist auch dieses Mal nirgends fixiert. Springend überwinde ich die letzten Stufen und habe wieder festen Boden unter mir.

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