Bad Kissingen
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Wozu braucht man eigentlich Religionsunterricht?

klar.text fragt Lehrer, warum Schüler sich mit manchen Fächern und Lernstoffen beschäftigen müssen. Birgit Wikstrom und Astrid Wilde von der Kliegl-Mittelschule Bad Kissingen erklären, was Religionsunterricht mit Menschenrechten und Neo-Nazis zu tun hat.
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Birgit Wikstrom (links) und Astrid Wilde unterrichten an der Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen Religion. Fotos: Benedikt Borst
Birgit Wikstrom (links) und Astrid Wilde unterrichten an der Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen Religion. Fotos: Benedikt Borst
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Religionslehrer haben es heute nicht leicht: Die Klassen in unseren Schulen sind kulturell bunt durchgemischt. Zwar sind katholische und evangelische Schüler immer noch in der Mehrheit, es gibt aber auch einige Moslems sowie Russisch- und Griechisch-Orthodoxe. Im Elternhaus werden religiöse Traditionen immer weniger gepflegt. Fernsehen, Spielekonsolen, Smartphones, Facebook und Co. spielen bei den Jugendlichen längst eine größere Rolle als Jesus.

Damit, Bibelstellen auswendig zu lernen und sie "herunterzubeten", lässt sich heute kein Schüler mehr hinterm Ofen hervorlocken. Wozu also brauchen wir im 21. Jahrhundert noch einen Religionsunterricht an der Schule? "Weil für die Gesellschaft wichtige Werte vermittelt werden", verteidigt Astrid Wilde den evangelischen Religionsunterricht an der Kliegl-Mittelschule in Bad Kissingen. Die 52-jährige Pädagogin mit den kurz geschnitten Haaren und der sommerlich roten Bluse macht einen aufgeschlossenen, aber streitbaren Eindruck. Sie zeigt auf drei Plakate aus bunter Pappe, die an den Wänden hängen. "Menschenrechte, Würde und Respekt", liest sie vor. Diese Werte haben ihren festen Platz im Lehrplan.

In der achten Klasse zum Beispiel, wenn das Judentum behandelt wird. Die Schüler sollen im Unterricht nicht nur die Geschichte und den Glauben einer andere Kultur kennenlernen. "Sie sollen wissen was mit den Juden in Deutschland passiert ist und was Neo-Nazis sind", betont Wilde. Religion wird zum modernen Politik- und Gesellschaftsunterricht. Derartige Inhalte lassen sich am besten am aktuellen Zeitgeschehen behandeln. In Wildes Klassen wurde deshalb ausgiebig über den NSU-Prozess in München gesprochen. Astrid Wilde liebt jede Art von aktuellen, politischen Themen. Noch ein paar Beispiele? Abtreibung, Sterbehilfe, Macht und Machtmißbrauch, Homosexualität und Schwulenfeindlichkeit. "Wenn ich merke, dass da Vorurteile da sind, fühle ich mich herausgefordert", sagt sie. Sie fördert so das unvoreingenommene und kritische Denken ihrer Schüler.

Die Religionslehrerin erklärt das zugrunde liegende Lernziel: "Die Kinder sollen Achtung und Toleranz lernen." Das ist umso wichtiger in Klassenzimmern, in denen die Schüler mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen zusammen kommen.

Birgit Wikstrom setzt ihre Prioritäten etwas anders als Astrid Wilde. Die katholische Religionslehrerin sieht sich weniger als politische Erzieherin denn als Seelsorgerin: "Wie gehe ich mit dem Leben um?" Diese Frage zieht sich ihrer Meinung nach durch den gesamten Lehrplan in allen Jahrgangsstufen. Immer wieder werden existenzielle Themen wie etwa Tod und Sterben behandelt. Klingt das nicht zu abstrakt für Schulstoff? "Jeder hat schon einmal sein Meerschweinchen begraben", meint Wikstrom. Die Schüler können sehr wohl etwas mit solchen Fragestellungen anfangen.

Religion als Krisenmanager
Die Lebenshilfe, die der Religionsunterricht bietet, ist laut Wikstrom oft noch konkreter: "Wenn ich merke, es gibt Probleme in der Klasse, habe ich die Möglichkeit diese offen anzusprechen." Das kann, ganz alltagstauglich, beim Mobbing einzelner Schüler anfangen und geht bis zu ernsten Krisensituationen - zum Beispiel ein Todesfall an der Schule. "Wir Religionslehrer machen Krisenmanagement", sagt die Pädagogin nachdrücklich. Der Unterricht sei nichts Abstraktes. Wikstrom betont: "Religion hat mit dem Leben der Schüler zu tun."

Dass der Unterricht am Alltag der Schüler anknüpft, heißt für die Lehrerinnen, dass Glaubenspraktiken eingeübt werden. Friedhöfe und Kirchen werden besucht, wichtige Gottesdienste aus dem Kirchenjahr gefeiert; etwa an Weihnachten, Ostern und Ernte-Dank. Wo bleibt bei dem Ganzen Jesus? "Den dürfen wir natürlich nicht vergessen", meint Wikstrom lächelnd. Wer war Jesus? Was bedeutet Christ-Sein heute? "Wir wollen generell biblische Figuren so vermitteln, dass ihr Handeln nachgemacht werden kann", merkt Wilde an. Dann wird aus dem Gebot zur Nächstenliebe ein Argument, warum Mobbing daneben ist.

So schaut moderner Religionsunterricht an der Kliegl-Mittelschule aus: Praxisnah und wertevermittelnd. Und wie war das jetzt mit dem Auswendiglernen? "Da gibt es schon ein gewisses Grundwissen", sagt Wikstrom. Die zehn Gebote etwa, oder das Glaubensbekenntnis. Da kommen ihre Schüler nicht drum herum. Aber offenbar stören die sich auch nicht groß daran. "Bei Prüfungen sind sie sogar froh." Immerhin sind das leicht verdiente Punkte. Auch so geht praxisnaher Unterricht.

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