Vom Regen in die Dusche: Wer den Wolkenbruch vor dem Kurtheater überstanden hatte, hörte drinnen zur Einstimmung in Teil zwei des Bad Kissinger Kabarettherbstes gleich wieder das Wasser plätschern. In seinem Einspieler geht Willy Astor erst einmal unter die Brause. Mit trockenem Humor kommt er trotzdem kurz danach auf die Bühne, um mit Samt-Sakko und verschmitzter Miene den Wortwitz zu versprühen, der den Werkzeugmacher aus München längst deutschlandweit bekannt gemacht hat. Sein neues Programm "Rime Time" ist eine Mischung aus Klamauk, tiefsinnigen Wort-Umdeutungen und einem ernsten Abschluss.


"Absolute Lieblingsstadt"

Nach 30 Jahren auf der Bühne weiß Willy Astor, wie er die Fans zu nehmen hat: Das Plaudern über "meine absolute Lieblingsstadt" Bad Kissingen, lockere Gespräche mit dem Gold-Hochzeits-Paar und anderen Zuschauern, Seitenhiebe auf Blusen mit Kartoffeldruck und Holzfäller-Hemden sowie Sprachproben von eingeborenen Rhönern sorgen für die notwendige Betriebstemperatur. Der "Kontakt mit der Landbevölkerung" bleibt aber immer fair, Willy Astor führt niemanden wirklich vor, braucht keine Kraftausdrücke, geht nicht unter die Gürtellinie. Das unterscheidet ihn wohltuend von seinem Münchner Kollegen Michael Mittermeier, der den Kabarettherbst eröffnet hatte.
Bei Willy Astor ist Mit- und Um-die-Ecke-Denken angesagt: Wenn er sich beim Blick auf den Laufsteg fragt, "ob die Miss muss", oder zur Krankheitsvorsorge die Fische in seinem Aquarium durch Nummern an den Flossen zu Profi-Lachsen macht, muss der Zuhörer erst einmal auf Optimismus und Prophylaxe kommen. Kein Wunder, dass nach zwei Stunden bei der Zugabe mancher im Publikum überfordert war, als Astor ein Ratespiel mit Vornamen machte: Gesucht war der rosa Flam-Ingo, dass die Bad Kissinger daraus einen Flamm-Kuchen machten, erschütterte selbst den sonst so stoischen Willy Astor. Und den Vorschlag, die Hunderasse von Dal-Martina in Dal-Maja umzubennen, verarbeitete er gleich zu weiteren Witzen rund ums berühmte Kaufhaus.
Einfacher macht es Willy Astor immer dann, wenn er sein Talent als Liedermacher und großartiger Musiker mit einbaut: Refrains wie "Wenn ich mit dir bei Esso ess'", "Pofinger" oder "Kiff a little bit" bauen über die Melodie eine Brücke zum Original. Zum Kurstadt-Publikum passten sein "Senioren-Medley" mit umgedichteten Klassikern wie "Purple Rain" von Prince: "Auch in die kleinste Lücke parkt seine Bärbel rein, Bärbel rein" ist einer der vielen Reime, die dem Publikum auch nach dem Auftritt als Ohrwurm hängen bleiben.
Einfach, aber wirkungsvoll sind Astors Bühnen-Ausstattung samt Requisiten: Der selbst gebastelte "Well-Kamm" zum Start etwa oder das Islam-Handy mit "Muezzin"-Antenne, verschleiertem Display und der Akku-Anzeige "bin Laden".


Reggea, Country, Hip-Hop

Seine Lust am Spiel mit den unterschiedlichsten Musikstilen lebt Willy Astor auf vielerlei Arten aus: Reggea, Country, Hip-Hop kommen spielerisch zum Einsatz. "Pubertier is in the House - und zieht vielleicht auch nie mehr aus", rappt er ganz locker, und: "Heiliger Schlendrian sei mein Schutzpatron." Da wird denn auch die Rumpelkammer mit der "Vollpension im Hotel Mama" gereimt, in dem "Wischen impossible" ist. Fazit des Blicks auf die Jugend: "Ordnung ist das halbe Leben, der andre Teil ist mir gegeben."
In rasantem Tempo erzählt Willy Astor zudem Geschichten mit allerlei Wort-Umdeutungen, etwa dass ihn eine Russe "in den Snow bohrt", während er "auf den Buckel pisste". Wenn ein Arzt eine Blutung stillen will, hat Willy Astor die richtige Antwort: "Da wär' ich Ihnen sehr verbunden." Und am Ende der Geschichte gibt's die Warnung: "Wie schnell hat man sich in einem Naturheil verfahren."
Als echte "Schnapsidee" erweist sich auch der "Urlaub auf den Spirituosen" mit zahlreichen hochprozentigen Namen. Da ist ebenso viel Konzentration gefragt, wie bei der Promi-getränkten WG: "Der George putzt das Klo nie", "Die Blumen vom Gregor Gysi, aber den Rasen kann ich erst Morgan Freeman", "Nur im All is' schwarzer" oder "Hast du ein bisschen Kies Richard, weil ich mir sonst was von Andy borg oder ich geh zur Ursula, dann kann ich mir was von der leihen" sind nur einige Kostproben.


Sphärische Gitarren-Klänge

Am Ende wurde es dann besinnlich: Mit seinem Lied "Einfach einfach sein" rief Willy Astor zu mehr Zufriedenheit auf, mit dem Lied "Nautilus" aus seinem "Sound of Ilands"-Projekt gab es einen rein instrumentalen Rausschmeißer. Angesichts der Ideen-Vielfalt eines Willy Astor, scheint einer der Inschriften im Vorraum des Bad Kissinger Kurtheaters perfekt zu passen: "Mein unermeßlich Reich ist der Gedanke. Und mein geflügeltes Werkzeug ist das Wort."